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Job-Interview So checken Bewerber, wie die Work-Life-Balance im Unternehmen wirklich ist

Mit einer fürsorglichen Arbeitskultur werben Unternehmen gerne für sich als gute Arbeitgeber. Wie ehrlich sind solche Angaben? Karriere.de zeigt eine Fragetechnik, mit der Bewerber schon im Vorstellungsgespräch wichtige Hinweise darauf erhalten.

Von Lazar Backovic |

So checken Bewerber, wie die Work-Life-Balance im Unternehmen wirklich ist

Check: Gute Work-Life-Balance

Nutzen Sie das Vorstellungsgespräch für Ihre Fragen zur Work-Life-Balance: Hält der Arbeitgeber auch, was er verspricht?

Foto: Priscilla du Preez on Unsplash

Arbeiten, um zu leben – und nicht leben, um nur noch zu arbeiten: Das scheint immer mehr Angestellten wichtig zu sein. Fast zwei Drittel aller Arbeitnehmer möchten zum Beispiel in ihrer Freizeit nicht in Arbeitsangelegenheiten kontaktiert werden, dennoch passiert genau das immer wieder.

Dabei ist eine positive Work-Life-Balance für alle Seiten ein Gewinn, denn…  

  • …sie dient Unternehmen als Motivationswerkzeug,

  • …macht die Arbeitgebermarke attraktiv (Stichwort: Employer Branding),

  • …ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf,

  • …sorgt für geringeren Krankenstand und

  • …bindet Angestellte langfristig.

Besonders schwierig ist es für Bewerber herauszufinden, wie ernst es der potenzielle Arbeitgeber mit der Work-Life-Balance seiner Angestellten nimmt.

„Viele Unternehmen wissen, dass ihre Work-Life-Balance-Kultur nicht besonders attraktiv ist und versuchen deshalb, im Job-Interview nicht unbedingt darauf einzugehen“, sagt Henryk Lüderitz, Managementtrainer und Coach aus Düsseldorf.

„Im schlimmsten Fall bemerkt der Bewerber die Defizite erst so spät, bis er bereits selbst Teil dieser Kultur geworden ist.“

Lüderitz sagt, das effektivste Mittel, um schon im Bewerbungsprozess die Work-Life-Balance auszuloten, seien die Fragen im Vorstellungsgespräch.

In so gut wie jedem Job-Interview erhalten die Bewerber dafür Raum und Zeit. Das sollten Sie als Chance nutzen. 

Weg 1: Die direkte Variante

Coach Lüderitz ist überzeugt, dass ein Bewerber das Thema Work-Life-Balance selbstbewusst im Vorstellungsgespräch direkt ansprechen kann, etwa so: 

  • Wie werden Überstunden erfasst und wie wird damit umgegangen?

  • Welche Regelungen gibt bezüglich Home- oder Flex-Office?

Weg 2: Die indirekte Variante

Taktisch deutlich feinfühliger ist das, was Lüderitz sogenannte „versteckte Fragen“ nennt. Das sind Umwege, mit denen Sie wichtige Hinweise zur Work-Life-Balance erhalten – ohne gleich im Bewerbungsgespräch den Eindruck zu erwecken, es gehe Ihnen nur um die eigene Freizeit. 

Wie genau drei mögliche Fragen lauten, lesen Sie hier:

Ihre Frage:
Wie verläuft ein gewöhnlicher Arbeitstag?

Fragen zu einem „typischen Arbeitstag“ zählen zu den Klassikern unter den Bewerberfragen. Und auf erwartbare Fragen werden Personaler und geübte Chefs Ihnen zunächst vorgefertigte Standard-Antworten präsentieren.

Fragen Sie deshalb noch mal nach: „Was bedeutet normal?“

Genauso gut können Sie die Frage auch umdrehen, wenn Ihnen die erste Antwort zu oberflächlich war: „Wie läuft denn ein außergewöhnlicher Tag in der Abteilung ab?“ 

Was diese Antworten aus dem Unternehmen bedeuten:

  • „Die Leute hier arbeiten durchaus gerne und viel.“ 
  • „Um ehrlich zu sein, haben wir hier selten Tage, die gleich ablaufen. Die können mal um 5 und mal um halb 8 zu Ende sein. Damit muss man klar kommen.“

Auf Überstunden und eine Präsenzkultur weisen die Antworten hin. Tatsächlich muss eine arbeitsintensive Firmenkultur aber nicht für jeden Angestellten ein Problem darstellen.

Wichtig ist nur, dass Sie sich damit wohlfühlen – und hier sollten Sie ehrlich mit sich selbst sein. 

Positive Signale in Sachen Work-Life-Balance senden hingegen Antworten wie:

  • „Wir haben viele Mitarbeiter mit Familie hier in der Abteilung. Jeder arbeitet selbstbestimmt - ganz so, wie es zur individuellen Situation passt.“

  • „Am Ende zählt das Ergebnis. Und nicht ob, und wie lange jemand im Büro gesessen hat.“

Ihre Frage:
Wie und wann erreiche ich den Chef am besten?

Wenn möglich, stellen Sie diese Frage direkt an den potenziellen Vorgesetzten. Alternativ können Sie auch Ihre direkten potenziellen Kollegen fragen, wenn Sie die Gelegenheit dazu im Vorfeld haben.

Was diese Antworten aus dem Unternehmen bedeuten:

  • „Ich bin den ganzen Tag in Meetings, aber abends arbeite ich mich durch die liegengebliebenen Mails.“ 
  • „Unsere Chefin kannst Du auch Sonntagabend gut erreichen.“ 

Alle Alarmglocken sollten bei diesen Antworten des Chefs oder eines Mitarbeiters anspringen. 

Auf eine Präsenzkultur deuten folgende Antworten hin:

  • „Besprechungen laufen bei uns immer über den kurzen Dienstweg – auf dem Flur oder beim gemeinsamen Lunch.“

  • „Als Vorgesetzter habe ich mit mehreren Mitarbeitern eine feste Regelkommunikation in meinem Büro. Mittwoch um 16.45 Uhr hätte ich noch Kapazitäten. Können Sie sich das schon mal notieren?“

Ihre Frage:
Wie müsste ich mich einbringen, damit mein Chef zu 100 Prozent zufrieden ist?

Mit dieser Frage finden Sie heraus, was Ihrem Vorgesetzten besonders wichtig ist. Anders als bei der Frage nach der Erreichbarkeit kann hier wahrscheinlich das Umfeld des oder der Vorgesetzen deutlich realistischer einschätzen, wo Prioritäten und Besonderheiten in der Arbeitsweise des Chefs liegen.

Aber natürlich können Sie auch Ihren Chef nach Zielen und Prioritäten fragen.

Was diese Antworten aus dem Unternehmen bedeuten:

  • „Ich erwarte, dass meine Mitarbeiter wirklich immer für mich greifbar sind.“
  • „100 Prozent? Bei unserer Chefin geht es eher um 120 Prozent!“

Achtung! Antworten dieses Typs sind klare Work-Life-Warnsignale.

Uneindeutige Signale sendet dagegen eine Antwort wie:

  • „Das Ergebnis zählt, wie Sie dort hinkommen, überlässt Ihnen der Chef aber selbst. Ich komme damit sehr gut klar, aber es gibt Mitarbeiter, die damit Probleme haben.“

Eine solche Aussage kann einerseits auf eine sehr selbstständige Arbeitsweise hindeuten, aber auch ein Indiz für wenig Hilfestellung sein.

Überlegen Sie selbst, inwiefern das Ihrer eigenen Work-Life-Balance entgegenkommt. Und wenn Sie mehr Informationen brauchen: Haken Sie nach!

Seien Sie vorbereitet auf Kompromisse

Eins ist klar, Sie werden aus dem Vorstellungsgespräch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht komplett zufrieden herausgehen.

Denn Ihre Ansprüche an die eigene Work-Life-Balance hängen massiv an Ihren eigenen Lebensumständen, dazu gehören:

1. Sind Sie allein oder haben Sie einen Partner?
2. Gibt es Kinder?
3. Helfen Sie bei der Pflege eines Verwandten?
4. Verfolgen Sie ein zeitintensives Hobby?
5. Lassen Sie sich eher schnell von Aufgaben an der Arbeit stressen?
6. Oder gehen Sie mit Zuversicht an Herausforderungen?

All das beeinflusst Ihre Work-Life-Balance – und die Ihrer Kollegen. Bei so vielen Variablen ist klar, dass ein Unternehmen allein es nicht allen Ansprüchen recht machen kann.

Rechnen Sie deshalb damit, dass Sie irgendwo Abstriche machen müssen, wenn Ihnen der Job ansonsten zusagt.

Fest steht: Mit den richtigen Fragen können Sie vorab viel zur Work-Life-Balance und dem Arbeitsethos herausfinden. Am Ende ist aber der Arbeitsalltag der ultimative Realitätscheck für die eigene Work-Life-Balance.

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