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Zukunft der Arbeit Wie künstliche Intelligenz unsere Jobs gefährdet

Künstliche Intelligenz, Roboter und Computer sind in vielen Berufsfeldern besser als so manche Arbeitskraft. Kassieren wir bald alle die Kündigung?

Von Charleen Florijn |

Wie künstliche Intelligenz unsere Jobs gefährdet

Jobs in Gefahr

Der Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz gefährdet die Beschäftigung.

Foto: Drew Graham on Unsplash

Traumjob: Radiologe. Dafür das Abitur mit Bestnote abgeschlossen, ein Praktikum im Ausland gemacht, sich durch zwölf Semester Medizinstudium gequält.

Und dann: Sorry, wir nehmen keine Menschen. Unser Roboter ist ein besserer Arzt als du. Glaubt man Tech-Investor und Höhle der Löwen-Star Frank Thelen, sind die meisten von uns in ein paar Jahren ihren Job los.

Taxi fahren, Pakete ausliefern, Herz-Operationen – all das übernehmen dann Roboter. Die brauchen keinen Lohn, machen keine Pausen und nehmen auch keinen Urlaub. Außerdem arbeiten sie meist schneller, präziser und machen weniger Fehler. Da kann kein menschliches Hirn mithalten.

Doch was ist dran an Frank Thelens Vorhersagen, die eher nach Science Fiction als Realität klingen? Bekommen wir auf dem Arbeitsmarkt bald wirklich Konkurrenz von Maschinen und werden alle arbeitslos?

Düstere Prognosen für den Arbeitsmarkt

Tatsächlich klangen die Prognosen vieler Wissenschaftler vor ein paar Jahren sehr düster: Eine Studie der Universität Oxford kam zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der Jobs in den USA wegautomatisiert würden. In Deutschland übernehmen Roboter mehr als 18 Millionen Arbeitsplätze, prophezeite 2015 die ING-Diba in der Studie Die Roboter kommen.

Jetzt rudern die Wissenschaftler allerdings wieder zurück und korrigieren die Aussagen. Vielleicht kommen sie doch nicht, die Roboter, schreibt die ING-DiBa in einer aktuellen Studie. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass genauso viele neue Jobs entstehen wie wegfallen. Und die Experten des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft sagen voraus: Angst vor Robotern müssen wir nicht haben. Sie werden uns nicht allen unsere Arbeitsplätze wegnehmen.

Frank Thelen hält jedoch vehement dagegen: Die Technik werde in Zukunft einen Großteil der Aufgaben übernehmen, die heute von Menschen erledigt werden. Und zwar zuverlässiger, günstiger und schneller. Bald gebe es nicht mehr genug Arbeit für alle.

In seiner Autobiografie führt er aus, wie Deutschland mit Robotern und künstlicher Intelligenz (KI) aussehen würde. In Vorträgen predigt er seine Zukunftsvisionen und mit Politikern berät er, wie mit der schleichenden Automatisierung umzugehen sei. Und wie kommt er zu diesen drastischen Zukunftsaussichten, auch wenn die Wissenschaft etwas anderes sagt? Er sagt: Er habe sich intensiv mit den technologischen Entwicklungen beschäftigt.

Terry Gregory glaubt nicht daran, dass Roboter den Menschen in vielen Berufen komplett ersetzen. Er arbeitet für das IZA Institute of Labour Economics und untersucht die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Er meint: Computer schaffen mehr Jobs als sie vernichten.

In einer Sache sind sich aber alle einig: Die Arbeit wird sich verändern. Manche Jobs wird es nicht mehr geben, Roboter werden zu Kollegen und vierzig Jahre am selben Schreibtisch zu sitzen, können wir vergessen. Aber erstmal langsam. Wie weit ist die Technik denn eigentlich im Augenblick? Wo übernehmen Roboter schon unsere Jobs?

Wo die Künstliche Intelligenz jetzt schon Jobs übernimmt

Um das herauszufinden, braucht man sich nur mal den Hamburger Hafen anzuschauen. Ein einziger Mensch sitzt oben im Kranhäuschen und lädt Container vom Schiff aufs Land. Oder besser: drückt ein paar Knöpfe. Der Rest läuft praktisch von alleine.

Die Container landen auf Fahrzeugen, die sich dank Sensoren im Boden ihren Weg über das Gelände bahnen. Ist der Tank leer, legen sie kurzerhand einen Stopp an der Zapfsäule ein. Auch im Containerlager haben Roboter das Sagen. Stapelkrähne bewegen die schweren Container von A nach B, ohne dass ein Mensch sie steuert.

Auch aus der Autoindustrie sind Roboter nicht mehr wegzudenken. In Sachen Automatisierung fährt die Branche auf der Überholspur. In den Fertigungshallen heben gigantische Roboterarme mühelos schwere Teile, schweißen auf den Millimeter genau und lackieren das zusammengesetzte Fahrzeug innerhalb von Sekunden. Das spart nicht nur Zeit, die programmierten Helfer arbeiten auch präziser als die menschlichen Mitarbeiter und lassen sich per Sensoren überwachen.

Längst haben Roboter es aus den Fabriken und Lagerhallen in unseren Alltag geschafft. Intelligente Staubsauger-Roboter reinigen unsere Wohnungen, Alexas informieren uns täglich übers Wetter und am Telefon sprechen Chatbots mit uns. Bei personalisierter Werbung haben wir es mit Künstlicher Intelligenz zu tun, ebenso wenn wir Google Maps nutzen oder da Auto uns beim Einparken hilft.

In welchen Berufen es für die Beschäftigten gefährlich wird

Motor starten, kuppeln, Gas geben, Ampel, Kreuzung, rechts abbiegen, Kunden absetzen, Koffer ausladen, auf neuen Kunden warten. Was heute noch der Taxifahrer macht, könnte bald schon eine Künstliche Intelligenz übernehmen.

Die ersten selbstfahrenden Autos sind testweise schon auf unseren Straßen unterwegs, fahrerlose Busse chauffieren in einigen Städten bereits Menschen durch die Gegend. Das autonome Fahren könnte unzählige Jobs einsparen, sagt Frank Thelen: „Hier sind es Sensoren, die bessere Leistung bringen als die menschliche Wahrnehmung und somit einfach sicherer sind.“

Vor allem da, wo Menschen standardisierte und routinierte Aufgaben übernehmen, sind Roboter wohl tatsächlich die effizienteren Arbeiter. In Fabriken, wo immer dieselben Handgriffe gefragt sind, werden immer mehr Arbeitsschritte automatisiert.

Auch Rezeptionisten und Schalterbeamten werden uns wohl in Zukunft immer weniger begegnen. Stattdessen könnten wir bald wie selbstverständlich Roboter bitten, und ins Hotel einzuchecken, Euros in Dollar umzutauschen oder die nächste Zugverbindung nach Berlin rauszusuchen.

Das Service-Center der Deutschen Bahn am Berliner Hauptbahnhof beschäftigt neuerdings eine Roboterin: „Semmi“ trägt ein rotes Halstuch im DB-Stil, spricht unter anderem französisch, japanisch und spanisch und soll den Reisenden ihre Fragen beantworten.

Was Künstliche Intelligenz besser kann als Akademiker

Auch Anwälte sind vor Konkurrenz aus Chips, Platinen und Software nicht sicher. In Deutschland gibt es bereits Chatbots, die prüfen, ob du Anspruch auf eine Entschädigung wegen einer Flugverspätung hast. Oder ob die Kündigung deines Arbeitgebers rechtmäßig ist.

Ein Informatik-Student aus England hat einen Chatbot entwickelt, der gegen Strafzettel vorgeht. Nutzer gaben an, der Bot hätte ihnen Hunderte Pfund gerettet, der Chatbot sei der „Robin Hood des Internets“.

Frank Thelen zufolge ist die Liste der gefährdeten Berufe lang. Alle analytischen und mathematischen Aufgaben, die sich mit Hilfe von Algorithmen und Daten berechnen lassen, fielen darunter. „Deshalb werden meiner Meinung nach auch Radiologen betroffen sein, da die KI in Zukunft genauere und präzisere Diagnosen stellen kann“, prophezeit der Höhle der Löwen-Star.

Arbeitsmarkt-Forscher Terry Gregory warnt dagegen davor, pauschale Prognosen über einzelne Berufe abzugeben: „Es kommt auf den konkreten Arbeitsplatz an und darauf, welche Tätigkeiten die Person übernimmt.“ Ob ein Arbeitsplatz wirklich einem Roboter weicht, hänge auch davon ab, wie günstig die Technologie in den nächsten Jahren wird und wie Betriebe im einzelnen den Fortschritt gestalten.

Wenn Emotionen Zukunftsjobs bestimmen

Auch wenn die Künstliche Intelligenz in Zukunft Krankheiten besser diagnostizieren kann, ist es am Ende ein Mensch, der die Nachricht übermittelt. Und davon geht auch Frank Thelen aus: „Was Roboter und KI wahrscheinlich noch sehr lange nicht beherrschen werden, sind Emotionen und Empathie.“

Gerade in der Medizin spiele das Zwischenmenschliche eine große Rolle. Auch Kindergärtner, Pfleger und Lehrer wird es in Zukunft noch geben, ist sich Terry Gregory sicher: „Jobs, die eine hohe soziale Intelligenz erfordern, werden weiterhin gefragt sein.“

Je mehr Technologien es gibt, desto mehr Leute braucht es, die diese verstehen. Die Nerds von gestern sind die Gewinner von morgen. Informatiker, Programmierer und Entwickler sind gefragt wie nie. Kein großes Unternehmen kommt ohne IT-Abteilung aus, gut bezahlte Aufträge locken schon im Studium und auch später ist die Bezahlung sehr gut. Laut Computerwoche verdient ein IT-Sicherheitsexperte im Jahr etwa 75.000 Euro brutto.

Und obwohl Algorithmen bereits Trailer zusammengeschnitten, Kunstwerke gemalt und Melodien komponiert haben, glaubt selbst Frank Thelen nicht, dass Roboter eines Tages auch Künstler oder Entertainer ablösen: „Auch wenn sie theoretisch in der Lage ist, ein Bild zu malen, werden sich die meisten Menschen immer lieber ein von einem Menschen gemaltes Bild an die Wand hängen wollen.“

Co-Working-Spaces für Menschen und Roboter

Statt uns die Jobs wegzunehmen, könnten Roboter uns die Arbeit erleichtern. So stellen sich zumindest Experten wie Terry Gregory die Zukunft vor. In der Fachsprache heißen diese Maschinen „kollaborative Roboter“; in der Autoindustrie sind sie heute schon im Einsatz. „Sie haben menschliche Züge, sind kleiner und handlicher als die schweren Industrieroboter und interagieren mit den menschlichen Mitarbeitern“, erklärt Terry Gregory.

Auch in der Pflege könnten Roboter den Arbeitsalltag erleichtern. Lange Arbeitszeiten, körperlich anstrengende Aufgaben und ein schlechtes Gehalt machen die Branche momentan nicht gerade attraktiv für Berufseinsteiger. Viele Pflegekräfte klagen darüber, dass sie sich mangels Zeit kaum richtig um die Patienten kümmern könnten.

Würden Roboter ihnen Aufgaben abnehmen, hätten sie mehr Zeit für die Patienten. Manche Einrichtungen proben bereits die Zusammenarbeit von Pflegern und Maschinen. Dort helfen Roboter den Patienten aus dem Bett, sammeln dreckige Wäsche aus den Zimmern und versorgen die Patienten mit Getränken.

Auch Journalisten profitieren längst von Künstlicher Intelligenz. Algorithmen sind schon jetzt in der Lage, aus Informationen standardisierte Meldungen zu schreiben und etwa Sportergebnisse in einem Text zusammenzufassen. Auch hier bleibt Gregory zufolge mehr Zeit fürs eigentliche Geschäft: „Die Maschine nimmt die Meldungen, der kreative Journalist hat Zeit, einen längeren Hintergrundbericht zu schreiben.“

Allerdings machen die Programme auch Fehler. So meldete ein Computerprogramm der Los Angeles Times im Jahr 2017 ein Erdbeben in L.A., das in Wahrheit bereits im Jahr 1925 stattgefunden hatte. Über den Fall berichtete unter anderem die Süddeutsche Zeitung.

Dennoch gibt es eine Idealvorstellung: Roboter und Künstliche Intelligenz übernehmen lästige Arbeiten, vor denen wir uns sowieso am liebsten drücken würden. Der Mensch widmet sich komplexeren, kreativeren, sozialeren Tätigkeiten.

Jobs 2030: Das sind die Zukunftsaussichten

Schon heute nehmen Roboter und Maschinen uns Arbeit ab, auch wenn noch nicht jeder etwas davon mitbekommt. Das wird sich in Zukunft fortsetzen und gleichzeitig werden neue Jobs entstehen. In einer aktuellen Studie geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung davon aus, dass etwa 490.000 Jobs verloren gehen und 430.000 neue Jobs geschaffen werden.

Es würden allerdings vor allem solche Berufe entstehen, die ein Studium voraussetzen. Einfache Jobs, die keine besondere Ausbildung verlangen, fielen der Studie zufolge weg. Das Problem: Wenn der Fließbandarbeiter seinen Job verliert, kann er ab nächster Woche nicht als Programmierer anfangen.

Hier seien Unternehmen und die Politik gefragt, sagen Forscher. Es müsse gewährleistet sein, dass diese Menschen sich weiterbilden und umschulen können. Das Schlagwort „lebenslanges Lernen“ taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf.

Frank Thelen behauptet, dass es früher oder später nicht genug Arbeit für alle geben werde. Er fordert die Politik dazu auf, ein System zu schaffen, in dem Arbeitslosigkeit keinen gesellschaftlichen Nachteil bedeutet. Dazu schlägt er ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Jeder würde dann vom Staat Geld bekommen, ob er arbeitet oder nicht. Problematisch werde es ihm zufolge aber, den Menschen einen neuen Sinn im Leben zu geben.

Alles Einstellungssache: Rechtzeitige Vorbereitung auf die neuen Anforderungen

Sie haben IT-Kenntnisse und können programmieren? Top, dann müssen Sie sich wohl kaum um Ihre Zukunft sorgen.

Das heißt aber nicht, dass Sie jetzt unbedingt Informatik studieren müssen oder statt Spanisch besser eine Programmiersprache lernen sollten.

Wenn wir künftig Hand in Hand mit Robotern und Künstlicher Intelligenz arbeiten, ist es sinnvoll, ein Verständnis für Technologie zu entwickeln und mit ihnen umgehen zu können. Aber: Um ein Smartphone bedienen zu können, müssen Sie nicht die Algorithmen verstehen, die darin arbeiten.

Und: Wenn es um Menschlichkeit geht, haben Roboter bisher nicht den Hauch einer Chance gegen uns. Kein Computer ist so einfühlsam, verständnisvoll und interessiert wie ein Mensch.

Wer sich also für einen sozialen Job entscheidet, in dem Empathie gefragt ist, der wird auch in einer immer stärker automatisierten Zukunft einen festen Platz haben. Denn Experten sind sicher: Soziale, lehrende und kreative Jobs werden weiterhin von Menschen gemacht werden.

Frank Thelen rät Schulabgängern, sich mit Fächern zu beschäftigen, die die Welt erklären. Also Physik, Chemie, Mathematik und Geologie zu studieren. Denn nur wer die Welt versteht, sei in der Lage, diese zu verändern und durch radikale Innovationen weiter zu bringen.

Nach dem Studium oder der Ausbildung einen Job anfangen und für die nächsten 40 Jahre nichts anderes machen? Von dem Gedanken müssen wir uns wohl verabschieden, da ist sich Terry Gregory sicher. Es sei wichtig, flexibel zu bleiben und stetig Neues lernen zu wollen

Durch den Einsatz von Robotern und KI wird sich unser Arbeitsmarkt stetig verändern und wir werden uns immer wieder neu orientieren müssen und ständig weiterentwickeln. Lebenslanges Lernen – es gibt Schlimmeres.

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