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Klassenkampf zwischen Arbeitern und Angestellten – Homeoffice ist überall möglich

Neue Arbeitswelt Warum Homeoffice die Belegschaft spalten kann

Selbst für Berufe, in denen Heimarbeit eigentlich nicht möglich ist, suchen Firmen kreative Lösungen. Bei Bayer können Laboranten zu Hause arbeiten.

Von Michael Scheppe |

Weißer Kittel, Schutzbrille und Gummihandschuhe – das zieht Holger Franzke normalerweise bei der Arbeit an. Doch an einem Tag pro Woche trägt der Laborant mittlerweile Alltagskleidung. Dann nämlich, wenn er vom heimischen Wohnzimmertisch arbeitet. „Die Flexibilität macht das Arbeiten angenehmer und gibt mir eine Freiheit, die ich sehr schätze“, sagt Franzke.

Homeoffice fürs Labor? Für die Mitarbeiter des Bayer-Konzerns ist das nichts Ungewöhnliches mehr. Was auf den ersten Blick undenkbar scheint, funktioniert in der Praxis durchaus. Dabei führen die Mitarbeiter des Pharma- und Agrarkonzerns ihre Versuche zwar weiterhin im Labor durch. Doch die Auswertung und Dokumentation können die Mitarbeiter von zu Hause aus erledigen.

Bayer macht das nicht ohne Grund: So schön und flexibel die neue Arbeitswelt mit der zunehmenden Tätigkeit von zu Hause aus auch sein mag – der neue Trend zum Homeoffice birgt gesellschaftliche Sprengkraft. Denn Millionen von Beschäftigten müssen auch künftig tagtäglich in die Firma kommen, um vor Ort an Maschinen, in Laboren oder in Werkshallen zu stehen, während ihre Bürokollegen die große Freiheit haben, dort zu arbeiten, wo sie mögen.

Meist sind es die Gebildeteren und Besserverdienenden, die mobil arbeiten können. So waren zum Höhepunkt der Kontaktbeschränkungen in Deutschland im April 34 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice. Zum Vergleich: Unter den Angestellten mit Hochschulabschluss waren es sogar 60 Prozent. Das zeigen Daten des sozio-oekonomischen Panels, einer repräsentative Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland

Klassenkampf zwischen Arbeitern und Angestellten

In Unternehmen droht post Corona ein neuer Klassenkampf zwischen Arbeitern und Angestellten, der gar die ganze Gesellschaft spalten könnte, befürchten Soziologen. Diese Problemaik beschäftigt nicht nur Bayer, sondern das Gros der Firmen in Deutschland.

Und Unternehmensberater. Deloitte-Partner Volker Rosenbach geht davon aus, dass in Firmen, in denen viele Menschen an Maschinen arbeiten, selbst der Verwaltungsbereich nicht in dem Maße wie zu Krisenzeiten Homeoffice machen könne, weil das mit der Unternehmenskultur nicht vereinbar sei. Solche Unternehmen werden auch bei neuen Arbeitsmodellen nach Corona „mehr Anwesenheitszeiten haben als andere“.

Rainer Strack, Personalexperte bei BCG, rät Firmen, dass Mitarbeiter auch in fertigungsnahen Tätigkeiten alle zwei Wochen die Möglichkeit bekommen sollten, einen Tag von zu Hause administrativen Tätigkeiten nachzugehen. So könnte die Corona-Pandemie dazu führen, dass Unternehmen selbst für Berufsfelder, in denen viel Präsenz erforderlich ist, vermehrt Lösungen für mobile Arbeit suchen.

So wie Bayer. Pionierarbeit bei dem Konzern haben die Laboranten im Pharma-Forschungszentrum in Wuppertal-Aprath geleistet. Schon Ende 2018 testeten sie die Heimarbeit in einem Pilotprojekt.

Zunächst waren viele Mitarbeiter skeptisch, sie sorgten sich, ob die Zusammenarbeit so noch funktionieren könne. 30 der 130 Laboranten probierten es aus und machten gute Erfahrungen. Mittlerweile sind fast alle Laboranten mit Laptops versorgt. „Die Coronakrise hat das Projekt nochmal deutlich beschleunigt“, sagt Institutsleiter Helmut Haning.

Sein Mitarbeiter Holger Franzke nutzt die Möglichkeit der Heimarbeit seit Beginn des Experiments. Gerade in der Zeit der Kontaktbegrenzungen sei diese Option hilfreich gewesen, erzählt er. Ungefähr 20 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er am heimischen Schreibtisch. Mehr geht nicht „Die Experimente müssen im Labor passieren, das ist einfach Teil meines Berufs.“

Von Aprath aus hat sich die Heimarbeit für Laboranten mittlerweile im gesamten Bayer-Konzern ausgebreitet. Kurz vor der Krise testeten einzelne Mitarbeiter am Pharma-Standort in Berlin das Wuppertaler Modell.

Während der Pandemie nutzen es fast alle, auch Laborantin Alexandra Kapfer arbeitete zum ersten Mal im Homeoffice – und zwar an zwei Tagen die Woche. „Mein Chef war zuerst skeptisch und ich musste ihm Arbeitslisten vorlegen, was ich zu Hause mache“, erzählt die 54-Jährige. „Doch Vertrauen und Verständnis sind in der Krise schnell gewachsen.“

Chance für Unternehmen, die Zukunft ihrer Arbeit mitzugestalten

Das beobachtet auch Bayer-Personaler Ralf Rademann. „Viele Führungskräfte mussten lernen, dass Arbeit im Homeoffice auch echte Arbeit ist.“ Bayer versucht nun auch in anderen Konzernbereichen, mobile Arbeit möglich zu machen: In der Pharmazieproduktion kann die Dokumentation auch von zu Hause aus geschehen.

Und die Auszubildenden treffen sich in ihren Lernwochen inzwischen auch virtuell mit ihren Ausbildern und müssen nicht immer vor Ort sein. „Das sind erste zarte Pflänzchen, wie mobile Arbeit bei Bayer wächst“, sagt Rademann.

Experimente wie jene von Bayer können helfen, nicht mehr darüber zu diskutieren, ob Heimarbeit möglich ist, sondern wie man Flexibilität in möglichst vielen Bereichen schafft. Stefan Rief, Institutsdirektor beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart sagt: „Gerade jetzt haben Unternehmen die Chance, die Zukunft ihrer Arbeit mitzugestalten“ – zum eigenen Vorteil, aber auch zum Vorteil der Angestellten.

Deutschlands Firmen sollten diese Möglichkeit nutzen, um eine Spaltung der Belegschaft zu vermeiden.

Mitarbeit: Larissa Holzki

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