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Wie Konzerne Abstand wahren: Siemens und Salesforce entwickeln Corona-App fürs Büro

Kampf gegen Corona Wie Konzerne Abstand wahren

Digitale Lösungen sollen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz helfen. Siemens und Salesforce bieten nun eine App für Abstand an.

Axel Höpner, Christof Kerkmann |

München, Düsseldorf Wenn in den nächsten Tagen und Wochen immer mehr Siemens-Beschäftigte in die Büros und Werke zurückkehren, werden viele von ihnen eine neue App auf dem Handy haben. Comfy heißt das Programm, das ab sofort bis Herbst in 30 Ländern an 600 Standorten für 100.000 Mitarbeiter zur Verfügung stehen soll.

„Viele Beschäftigte haben bei der Rückkehr wegen Corona Sorgen – ob ein Platz mit ausreichend Abstand für sie frei ist zum Beispiel oder der Tisch desinfiziert ist“, sagte Rainer Haueis, Digitalexperte bei Siemens Smart Infrastructure, dem Handelsblatt. Die App soll bei solchen Fragen helfen.

Die Abstandsregeln sind für die Unternehmen weltweit eine große Herausforderung bei der Rückkehr zu einer gewissen Normalität am Arbeitsplatz. „Dabei stellt sich eine zentrale Frage“, erläutert Carlo Velten, Mitgründer der Unternehmensberatung Cloudflight: „Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang in der Produktion, in der Logistik, in den Büros überwacht werden?“ Einerseits muss die Technologie zuverlässig funktionieren, andererseits darf sie Datenschutz- und Arbeitnehmerrechte nicht aushöhlen.

Digitaler Arbeitsschutz via App

Mit der Siemens-App Comfy konnten Beschäftigte schon seit knapp zwei Jahren zum Beispiel in der Gebäudetechnikzentrale in Zug in der Schweiz Licht und Temperatur in Räumen steuern. Nun können sie unter anderem ihre Anwesenheit melden und nachsehen, ob im Büro ein Platz für sie frei ist oder die Kapazitätsobergrenzen schon erreicht sind.

„Unsere Comfy-App unterstützt unser neues mobiles Arbeitsmodell, da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser planen können, wann sie vor Ort im Büro arbeiten“, sagt Siemens-Vize Roland Busch, der zugleich die Home- und Mobile-Office-Möglichkeiten massiv ausbauen will.

Technologiekonzerne wie Siemens, Salesforce und SAP, aber auch Mittelständler und Start-ups arbeiten derzeit an Lösungen, die es erleichtern sollen, die Einhaltung der Hygieneregeln zu überwachen und das Zusammenspiel von Büroarbeit und Homeoffice zu orchestrieren.

Steigende Infektionszahlen: Im schlimmsten Fall droht der Stillstand

„Den Markt für das intelligent vernetzte Gebäude gab es schon vorher“, sagt Siemens-Manager Haueis. Schließlich können durch intelligente Nutzung Büroflächen eingespart und Energiekosten reduziert werden. „Doch Corona gibt der Entwicklung einen Schub, das merken wir an vielen Kundenanfragen.“

Der Druck aufs Management ist schließlich groß: Kann sich das Coronavirus in einem Betrieb verbreiten, droht der Stillstand, wie Fälle von Webasto bis Tönnies zeigen. Und die Gefahr ist längst nicht gebannt, trotz der aktuell relativ niedrigen Infektionszahlen – eine neue Welle ist durchaus möglich. Nicht zuletzt fordern Versicherungen, die Vorgaben der Gesundheitsbehörden einzuhalten.

Siemens beschäftigt das Thema doppelt: für den eigenen Betrieb und als Geschäftschance. Die Münchener haben sich mit dem US-IT-Konzern Salesforce verbündet. Die Allianz verspricht Lösungen für das „Touchless Office“ („berührungsloses Büro“).

Raumbelegung durch Sensoren erfassen

Basis sind die Software Work.com von Salesforce und Lösungen von Siemens, zum Beispiel der Töchter Comfy und Enlighted. In ihren Zentralen wollen die beiden Unternehmen die Technik des Partners künftig einsetzen und mit den eigenen Lösungen verknüpfen.

Die aktuelle Belegung von Räumen wird mithilfe von Sensoren von Enlighted erfasst. Diese registrieren zum Beispiel, wenn sich irgendwo gerade keine Menschen aufhalten – dann kann das Licht runtergeregelt werden. „Jetzt dreht man den Spieß um“, sagt Haueis. Denn nun kann damit auch verhindert werden, dass sich zu viele Menschen auf zu engem Raum befinden.

Kamera misst Abstände

Mit der nächsten App-Aktualisierung sollen die Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, einen Raum oder einen Schreibtisch auch gleich zu reservieren. Grundsätzlich kann die Technologie auch die Kontaktverfolgung ermöglichen, wenn ein Mitarbeiter erfahren hat, dass er Corona-infiziert ist. Dies ist aus Datenschutzgründen aber nur eine Option.

Die Nutzung der App ist bei Siemens nicht verpflichtend. „Es ist eine Standardlösung auf freiwilliger Basis“, sagt Haueis. Sinnvollerweise sollten sich mindestens 70 Prozent der Beschäftigten beteiligen. Die Erfahrungen in Zug zeigen, dass diese Werte erreichbar sind. „Das ist ja ein cooles Angebot für die Mitarbeiter.“

Noch steckt die Entwicklung in den Kinderschuhen. „Ich sehe daher bislang noch wenige Unternehmen, die diese Technik im großen Stil einsetzen“, sagt Cloudflight-Mitgründer Velten. Der Berater erwartet in den nächsten Monaten und Jahren aber starke Zuwächse. Insgesamt geht es laut Experten um einen Markt, der etliche Milliarden Euro groß ist – die genaue Abgrenzung ist aber schwierig.

Amazon stellt seine Technik kostenlos bereit

Ob sich ein Standard durchsetzen wird oder es viele Eigenlösungen gibt, ist offen. Amazon beispielsweise hat einen „Distance Assistant“ entwickelt, der die Abstände zwischen den Mitarbeitern in den Logistikzentren überwacht. Eine Kamera misst mithilfe einer Bilderkennung, wie nah sich die Menschen kommen – sind es weniger als zwei Meter, werden sie auf einem Monitor mit einem roten Kreis angezeigt. Ähnlich wie eine Geschwindigkeitsanzeige an einer Straße soll die Anzeige Bewusstsein für das Risiko schaffen.

Der Onlinehändler setzt das System Medienberichten zufolge in einigen seiner Gebäude ein. Durchaus mit gutem Grund: In einigen Logistikzentren ist es zu Corona-Ausbrüchen gekommen, trotz Sicherheitskonzepten. Der Konzern sieht sich daher dem Vorwurf ausgesetzt, zu wenig für den Schutz der Mitarbeiter zu tun. Die selbst entwickelte Technik stellt er nun auch anderen kostenlos zur Verfügung.

Handschuh warnt Träger, Abstand zu wahren

Auch Start-ups wollen sich einen Teil des Kuchens sichern. Erst vor wenigen Wochen stellte Pro Glove für eine seiner Apps eine neue Funktion vor, die mithilfe von Bluetooth-Technologie dabei helfen soll, Fabrikarbeiter am Arbeitsplatz vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Dabei misst die „Proximity“ („Nähe“) genannte App den Abstand zwischen zwei Arbeitern über das Bluetooth-Modul eines angeschlossenen Smartphones – ganz ähnlich wie bei der Corona-Warn-App.

Der Unterschied: Statt Begegnungen zwischen zwei Nutzern für die Nachverfolgung aufzuzeichnen, warnt der Handschuh seinen Träger einfach, ausreichend Abstand zu wahren. Theoretisch lässt sich die App auch ohne dazugehörigen Handschuh nutzen – allerdings entfällt dann die auffällige Warnung, die den Handschuh bei einem zu geringen Abstand nicht nur aufleuchten, sondern auch vibrieren lässt.

Das Münchener Start-up Kinexon hält Bluetooth-Lösungen für zu ungenau. Die Firma vertreibt ein Armband mit Ultrabreitbandsensoren, auch dieses warnt, wenn der Mindestabstand unterschritten wird. „Wir bieten einen digitalen Schutz, der dem analogen überlegen ist, und das zu geringeren Kosten“, sagt Gründer Alexander Trinchera. Für eine Maske pro Tag und Mitarbeiter seien 90 Cent bis zu einem Euro fällig. SafeTag von Kinexon koste pro Mitarbeiter und Tag etwa 60 bis 90 Cent.

Nur wer kein Fieber hat, kommt rein

Auch einige Hersteller von Unternehmenssoftware haben in den vergangenen Wochen als Reaktion auf die Corona-Pandemie neue Funktionen entwickelt. So erweitert SAP ein System für die Immobilienverwaltung: Hausmeister können nun die Hygieneregeln und Schwellen für die Belegung von Büros festlegen, Mitarbeiter von zu Hause aus einen Arbeitsplatz reservieren.

Service Now hat ebenfalls eine Reihe von Programmen entwickelt. So gibt es eine „Safe Workplace App“, mit der Arbeitgeber ihre Mitarbeiter im Schichtbetrieb verteilen und Zeitpläne für Hygienemaßnahmen festlegen können. Ein anderes Programm sammelt Gesundheitsdaten wie die Temperatur der Mitarbeiter – nur wer kein Fieber hat, kommt rein.

Mit digitalen Helfern auf Distanz zu gehen ist eine Möglichkeit. Doch es gibt noch eine Alternative: weiter verstärkt auf das Homeoffice zu setzen. Siemens will es allen Mitarbeitern weltweit ermöglichen, künftig im Schnitt zwei bis drei Tage pro Woche mobil zu arbeiten. „Damit verbunden“, versprach der künftige Konzernchef Roland Busch, „ist auch ein anderer Führungsstil, der sich an Ergebnissen orientiert, nicht an der Präsenz im Büro.“

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