Jobwelt Zeit für gesunde und kooperative Wissensmanager

Das Ausleben individualistischer Freiheit geht zu Ende, sagt Zukunftsforscher Erik Händeler. Jetzt beginnt das Zeitalter von Individuen, die vom Ganzen her denken.

Interview: Anne Koschik |

Zeit für gesunde und kooperative Wissensmanager

Kooperation im Team

Foto: contrastwerkstatt/Fotolia.com

Solche Individuen kooperieren und übernehmen völlig frei Verantwortung. Ganz wichtig dabei ist die Gesunderhaltung der Menschen – für ein funktionierendes System.

"Es geschah eines Morgens, als alle Banker beschlossen, gierig zu werden und unseren Wohlstand zu verzocken, weswegen das Bruttosozialprodukt 2009 um fünf Prozent einbrach. Dann haben sich die Regierungen verschuldet, um so etwas wie die Abwrackprämie zu finanzieren – als wenn Autos in unserer Gesellschaft ein knappes Gut wären! Die Notenbanken haben ganz viel Geld in die Märkte gepumpt, und die Leute fürchten die Inflation, die aber nicht kommt, weil gleichzeitig die Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt."

So beschreibt Zukunftsforscher Erik Händeler die öffentliche Wahrnehmung einer Finanzkrise, mit deren Ausläufern die Welt noch immer zu kämpfen hat. Seine persönliche Wahrnehmung ist das allerdings nicht.

Denn im Gegensatz zur klassischen Volkswirtschaftslehre in Deutschland folgt seine realwirtschaftliche Sicht "dem von Schumpeter bekannt gemachten russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff (1892 – 1938), der 40 bis 60 Jahre lange Konjunkturzyklen identifizierte, die von einem technischen Netz samt dazu gehörender Erfolgsmuster getragen werden". Die Erfindung der Dampfmaschine, Eisenbahn und Computer zeugen davon.

Immer wenn die Zeit vorbei war, "in denen diese Erfindungen die Kosten senkten und die Unternehmen produktiver machten, kam es zu großen Finanz- und Wirtschaftskrisen", erklärt der Zukunftsforscher. Denn mangels Gewinn hätten Unternehmer dann keinen Grund zu investieren und Menschen zu beschäftigen, die Zinsen tendierten gegen Null und das freie Geld fließe an die Börse und schaffe dort eine Kursblase. Die jetzige Weltwirtschaftslage ist für Erik Händeler deswegen logisch und "ganz normal". Was aber wird folgen?

Herr Händeler, als Zukunftsforscher können Sie uns doch sicher verraten, wodurch die Wirtschaft 2014 ins Schwingen kommt?
Ganz klar: Durch ein verbessertes Sozialverhalten und durch Gesundheitsförderung.

Das klingt nicht nach großen Schwingungen?
Ich bin überzeugt, dass sie kommen werden. Denn die Wirtschaft steht unter Druck, weil Ressourcen knapp werden. Das schreit nach Veränderungen.

Denken Sie dabei auch an Energie und Umwelt?

Viele sind dieser Ansicht. Tatsächlich meine ich aber die Gesundheit. Fragen Sie mal einen Mittelständler, was sein größtes Problem ist. Dann wird er jammern, dass er nicht die richtigen Leute findet, er schon wieder vorm Arbeitsgericht war und ihm die Lohnnebenkosten über den Kopf wachsen. Die Ursache dafür sind mangelnde Gesundheit, ein die Pflegeversicherung belastender Lebens- und Arbeitsstil in den Jahrzehnten zuvor, krankheitsbedingte Frühverrentung und die ständig steigenden Krankheitsreparaturkosten.

Neue Erkenntnisse sind das nicht gerade. Worauf wollen Sie konkret hinaus?
Gesundheit war in früheren Zeiten zwar auch knapp, aber es war nicht die relativ knappste Ressource. Natürlich gab es mehr Wohlstand, wenn man dem Bergarbeiter seine Spitzhacke nahm und ihm stattdessen einen Elektrobohrhammer gab. Der Fortschritt lag in technischen Innovationen. Aber heute, wo wir allein 20 Jahre in Bildung, Berufserfahrung und Beziehungskapital investieren müssen, bis man jemanden allein hochproduktiv vor sich hin arbeiten lassen kann, da können wir es uns nicht mehr leisten, die Leute mit Mitte/Ende 50 halbtot in Frührente zuschicken. Deswegen wird Gesundheit zum knappen Gut. Und weil in der Wissensgesellschaft vor allem die Fähigkeit, Kompetenzen zu verbinden, über den Erfolg entscheidet, wird auch Sozialverhalten zum knappen Gut. Beide gehören zusammen, denn schlechtes Sozialverhalten macht die Leute krank. Umgekehrt verhalten sich seelisch gesunde Menschen auch kooperativ.

Gesundheit, Freiheit und Erfolg sehen die Deutschen auch im Werte-Index 2014 ganz vorne. Wo sind nachhaltige Verbesserungen möglich?
Das mit der Freiheit wird meist so verstanden: Ich kann ständig neu entscheiden, was ich mache. Freiheit ist aber, sich in Freiheit für etwas zu entschieden und dann dabei zu bleiben. Frei ist nicht der Esel, der sich nicht entscheiden kann und zwischen zwei Heuhaufen verhungert. Freiheit ist, sich entschieden zu haben. Sonst kann man keine langfristigen und nachhaltigen Ziele erreichen. Oder stabile Lebensverhältnisse, die ressourceneffizient sind. Individuelle Freiheit war ein nötiger Entwicklungsschritt, um sich von dem Gruppendruck früherer Zeiten zu befreien, seine Werte zu reflektieren statt sie nur zu übernehmen, und seine eigenen persönlichen Stärken und Schwächen zu identifizieren.

Und heute?
In der Wissensgesellschaft müssen wir einerseits individuell mitdenken und zur Not gegen den Chef und gegen die Kollegen für die bessere Lösung argumentieren. Aber viel mehr noch als bisher werden wir vom Ganzen her denken müssen statt von der eigenen Kostenstelle und Karriere, das macht den Wettbewerbsunterschied von Kulturen aus. Die Verbesserung ist also nicht mehr ein noch stärkeres Ausleben von individualistischer Freiheit, sondern Individuen, die kooperieren und Verantwortung für andere oder für das Ganze übernehmen – aber eben im Gegensatz zu früher freiwillig, nicht erzwungen. Das ist produktiver als eine Gruppenethik oder reiner Individualismus.

Welchen Wandel brauchen wir im Gesundheitssystem und in der Arbeitswelt?
Statt zu warten, bis die Leute mit Diabetes II daherkommen, müssen wir schon vorher in die Gesunderhaltung der Gesunden investieren. Das machen heute die Unternehmen und viele einzelne, nicht aber die Gesundheitspolitik. Ein gesundheitsförderndes System würde den Menschen helfen, ihren Lebensstil zu verbessern, also zu verstehen, warum sie sich ohne Stress mehr bewegen sollen und welche Art von körperlicher Betätigung zu ihnen passt, ohne sie zu überfordern. Nur so können die Leute länger im Beruf bleiben. Bisher sträuben sich die Leute gegen die Vorstellung, länger zu arbeiten, weil sie meinen, so wie heute bis 67 arbeiten zu müssen.

Was ist falsch an dem Gedanken?
Wenn wir wollen, dass die Leute länger arbeiten – und wir werden es aus mathematischen Gründen wollen müssen – dann geht das nur, wenn wir die Arbeit verändern: Wir brauchen eine "Fünf-Stunden-Schicht" in der Produktion ab 58. Viele Ältere wären bereit, länger mitzuarbeiten, aber nicht mehr unter diesen Verhältnissen. Wir müssen bei den Älteren den Druck rausnehmen, ihnen dann aber auch weniger bezahlen, was in Ordnung ist, weil die Kinder aus dem Haus sind und die Immobilie meistens abbezahlt. Studien zeigen, dass die Älteren fast keine Fehler machen und unterm Strich produktiver sind als Junge, die mit Hurra Ausschuss produzieren. Aber die Älteren haben keine Lust mehr, weil wir nichts mehr in sie investieren. Wer alle drei Jahre eine neue Herausforderung bekommt, entwickelt gar nicht erst negative Altersbilder im Kopf.

Wo kommt speziell in der Wissensgesellschaft die Gesundheit ins Spiel?
Bei der Gesundheit geht es jetzt vor allem auch um seelische Gesundheit. Am Fließband war es egal, ob die Leute miteinander zurechtkamen oder nicht. Aber heute, wo verschiedene Spezialisten zusammenarbeiten müssen, ist die Situation kritisch: Wenn da jemand komisch reagiert oder neurotisch leicht verhaltensauffällig ist, dann lähmt das die Produktivität des ganzen Teams. Das ist gefährlich: Denn das Einzige, wodurch sich Firmen, Länder und Kulturen voneinander unterscheiden werden, ist die Fähigkeit der Menschen vor Ort, mit Wissen umzugehen. Hört sich banal an, ist es aber überhaupt nicht. Denn Umgang mit Wissen ist Umgang mit anderen Leuten, die wir unterschiedlich gut kennen, unterschiedlich gerne mögen, und mit denen wir unterschiedlich viele, berechtigte Interessensgegensätze haben.

Auf welche Veränderungen müssen wir uns in der Jobwelt einstellen?
Früher sind Mitarbeiter in der Hierarchie umso schneller und höher aufgestiegen, je mehr Bildung und Fachwissen sie hatten. Heute sind die Einzigen, die sich fachlich vor Ort auskennen, jene auf der unteren Ebene, also Facharbeiter und Sachbearbeiter. Die müssen ihrem Chef fachlich widersprechen dürfen. Und der Chef ist vor allem dazu da, Ressourcen zu moderieren, den Informationsfluss zu gestalten, die Leute zu fragen: Was braucht ihr, um gut zu arbeiten, wie kann ich Euch helfen? Und wenn wir uns in der Geschäftsleitung so entscheiden würden, wie wirkt sich das auf Euch und den Kunden aus, erklär mir das mal, hilf mir.

Der Informationsfluss verändert sich…
Genau. Informationen gehen nicht mehr nur von oben nach unten, sondern im gleichen Maße von unten nach oben. Mehr Kommunikation heißt dann eben auch: Mehr Schnittstellen zwischen Menschen. Als in den 1920er Jahren immer mehr Autos auf den Straßen fuhren, mussten Verkehrsregeln her. Angewendet auf die Zukunft der Arbeit bedeutet das: Wo ständig Dinge neu zu verhandeln sind, brauchen wir jetzt Regeln, wie man kritisiert, Kritik verträgt, wie man Lösungen ringt. Auf der Webseite www.neuearbeitskultur.de sammle ich übrigens Vorschläge dazu, da stehe ich erst am Anfang.

Sehen Sie bereits Ansätze zu einer neuen Ethik in der Arbeitswelt?
Ja, es gibt sie – aus ökonomischer Notwendigkeit. Es geht darum, Wahrhaftigkeit statt Manipulation auszulösen, Konflikte fair zu klären statt zu unterdrücken, Beziehungen zu versöhnen. Nur wo eine dienende Kultur herrscht und keine internen Machtkämpfe ausgetragen werden, wird es gelingen, das gesamte Organisationswissen zu mobilisieren. Der Wettbewerb der Weltwirtschaft wird in der Wissensgesellschaft über diese Kultur ausgetragen werden.

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