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Gegen den Fachkräftemangel Auf den Bus gekommen: Wie ein Mittelständler aus dem Sauerland Google nacheifert

Die Firma Viega hält ihre IT-Fachkräfte mit einem ausgeklügelten Transportsystem bei der Stange.

Von Michael Scheppe |

Auf den Bus gekommen: Wie ein Mittelständler aus dem Sauerland Google nacheifert

Bus

Per Shuttle-Service zur Arbeit. Wenn die Fachkräfte nicht aufs Land wollen, werden sie halt abgeholt.

© Viega

Leise Schlagermusik tönt aus dem Busfahrerradio. Zehn Mitarbeiter sitzen in dem Gefährt, einige gucken aus dem Fenster und essen ihr Frühstücksbrot, andere schreiben Mails auf ihren Laptops. Es ist kurz nach halb sieben am Morgen, gerade hat der Bus seine Haltstelle in Köln verlassen. Sein Ziel: die Zentrale der Firma Viega in Attendorn.

Shuttle für begehrte Spezialisten

Es ist kein gewöhnlicher Linienbus, sondern ein firmeneigener Shuttle-Service, der die Mitarbeiter des Sauerländer Mittelständlers jeden Morgen von der Domstadt nach Attendorn und nachmittags wieder zurückfährt. Mittlerweile geht das seit zwei Jahren so. Viega ist auf den Bus gekommen. Denn der Firma fehlen Fachkräfte – gerade im IT-Bereich.

34 Wochen dauerte es damals, bis Viega einen offene IT-Posten besetzen konnte. „Das tat weh und behinderte das Wachstum des Unternehmens“, sagt Personalchef Peter Schöler. Die Programmierer wollten nicht in die Provinz. Aber auch die Firma war nicht bereit, ihren Sitz zu verlegen. „In Attendorn liegt die DNA und die Kultur von Viega“, sagt Schöler. Und das solle auch so bleiben.

So wie dem Sanitär- und Heizungstechniker geht es vielen Mittelständlern. Sie profitieren vom internationalen Geschäft, wollen an ihren Wurzeln aber festhalten. Doch die Fachkräfte bringt diese Einstellung auch nicht aufs Land – zumal sie unbeweglich sind.

Denn selbst unter Führungskräften ist gerade einmal jeder Zweite bereit, für einen Job umzuziehen, wie das Managerbarometer der Beratungsfirma Odgers Berndtson zeigt.

Abholservice wie im Silicon Valley

Viegas Lösung für das Dilemma: ein Bus. „Wenn die Leute nicht mehr umziehen wollen, dann holen wir sie eben da ab, wo sie wohnen“, sagt Schöler. Der Attendorner Mittelständler ließ sich bei seiner ungewöhnlichen Idee von Apple, Facebook und Google inspirieren. Die Tech-Firmen im Silicon Valley betreiben schon länger ganze Busflotten, um ihre Mitarbeiter zu den Zentralen zu schaffen.

In Kalifornien sind die Straßen voll und die Mieten in den Metropolen hoch. Um die Mitarbeiter auch aus dem Umland zu holen und den Verkehr zu entlasten, setzen die Amerikaner eben auf Busse. In Deutschland sind solche Maßnahmen nicht sonderlich verbreitet. BMW beispielsweise betreibt in Bayern an vier Standorten Werksbusse mit knapp 150 Fahrplänen.

Stellenbesetzung durch künstlich geschaffene Nähe

Obwohl das Konzept bei anderen Firmen erfolgreich erprobt ist, war man in Attendorn zunächst skeptisch. Als Schöler das Vorhaben seinen Geschäftsführer-Kollegen vorstellte, erntete er zunächst Stirnrunzeln. Doch er hatte gute Argumente: Eine eigens in Auftrag gegebene Standortanalyse hatte potenzielle IT-Talente im Rheinland und Ruhrgebiet ausgemacht.

Deshalb hatte Viega bereits 2016 im Technologiezentrum Dortmund eine Etage für IT-Fachkräfte gemietet – und auf diese Weise schnell 13 neue Mitarbeiter gefunden. Diese, das spiegelten sie Viega, hätten nicht für das Unternehmen gearbeitet, wenn es nicht den städtischen Standort eröffnet hätte.

Leichte Überzeugungsarbeit

Mit dem Bus ließe sich daran doch anschließen, so der Gedanke. Denn einen weiteren Teilstandort in Köln zu eröffnen war damals nicht denkbar. „Zu dieser Zeit war das Unternehmen noch nicht reif dafür, überall kleine Hubs aufzubauen“, sagt Schöler. Doch die 80.000 Euro, die der Bus samt Fahrer jedes Jahr kostet, bewilligte der Chef.

Und das Investment scheint sich gelohnt zu haben. Allein durch den Shuttleservice konnte Viega 15 neue Mitarbeiter überzeugen. Und offene IT-Stellen bekommt man im Sauerland nun schon nach 22 Wochen besetzt – drei Monate schneller als zuvor. So verwundert es nicht, dass heute niemand mehr das Bus-Projekt infrage stellt.

Verbundenheit mittels WhatsApp-Gruppe

In dem Gefährt sitzen auch nicht mehr ausnahmslos ITler, sondern auch Kollegen aus anderen Abteilungen, die zwar in Köln wohnen, aber in Attendorn arbeiten wollen. Fast 30 Mitarbeiter fahren regelmäßig mit, über WhatsApp-Gruppe und Excel-Liste organisieren sie, wer einen Platz bekommt.

Thilo Kost, Trainee aus dem Bereich Innovationsmanagement, ist Teil dieser Gruppe. „Man ist nicht so gestresst als wenn man selbst gefahren wäre“, sagt der 31-Jährige. Was er an dem Shuttle auch schätzt: Er lernt Kollegen aus anderen Abteilungen kennen. Dadurch habe er sich ein zusätzliches Netzwerk aufgebaut, erzählt er. Kost stammt gebürtig sogar aus Attendorn. Nur dort leben will er nicht.

Fahrendes Büro

Als er sein Studium in Köln beendet hatte, wurde er auch durch den Bus auf Viega als Arbeitgeber aufmerksam. Für Personaler Schöler hat sich das Gefährt mittlerweile sogar zum Personalmarketing-Instrument entwickelt. „Dadurch haben wir Leute für Viega begeistert, die das einfach gut finden.“

Der Bus startet um 6.30 Uhr in der Domstadt und kommt um kurz vor 8 Uhr in Attendorn an. Um 16.30 Uhr geht es wieder zurück. Die starren Fahrzeiten haben auch die Arbeit derjenigen verändert, die nicht mit dem Bus fahren. Die einzelnen Abteilungen haben ihre Besprechungszeiten so angepasst, damit auch die Shuttlenutzer teilnehmen können.

WLAN hat der Bus jedenfalls an Bord. Damit können die Mitarbeiter die Fahrt nach Absprache mit ihrem Vorgesetzen auch als Arbeitszeit nutzen. Oder sie lauschen eben den Schlagern aus dem Busfahrerradio.

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