Moderne Bewerbungsformen Worauf es bei einer Videobewerbung ankommt

Anschreiben? Tabellarischer Lebenslauf? Es geht auch anders: Denn viele Unternehmen setzen auf Videobewerbungen. Was bringt das? Ein Selbstversuch.

Von Lisa Pausch |

Worauf es bei einer Videobewerbung ankommt

Bewerbung per Video

Immer mehr Unternehmen lassen Videobewerbungen zu.

© DigitalVision Vectors/Getty Images

Das Smartphone auf eine Armlänge Abstand, genau gerade, damit die Nase nicht riesengroß verzerrt wird. Soll ich mit einem Lächeln anfangen oder mit einem neutralen Gesicht? Auf jeden Fall energisch! Also „Hallooooo“. Das wirkt gekünstelt. Noch mal, diesmal zurückhaltender, bestimmt und professionell. Oh, ich muss in die kleine Kamera schauen und nicht auf den Bildschirm. So müssen sich Youtuber in ihren Anfängen gefühlt haben.

Motivationsschreiben schiebe ich meistens vor mir her wie eine langweilige Hausarbeit. Ich schreibe sie nur, weil irgendeine Frist drückt oder weil sie mir nachts in einer spontanen Eingebung aus den Händen fließen. Ich scheine in die Zeit zu passen. Luuk Houtepen von SThree, einer der größten Personalberatungen in Europa, fordert: „Schafft das Bewerbungsschreiben ab!“

So zeigen andere ihre Motivation: Videobewerbungen im Check

Parallel lassen immer mehr Unternehmen Videobewerbungen zu, um von Kandidaten einen echteren, persönlicheren ersten Eindruck zu bekommen. „Wir nutzen das Videoformat seit Mitte des Jahres und haben nicht nur mehr Bewerbungen erhalten, sondern völlig neue Nutzergruppen für uns gewonnen“, erklärte mir eine Edeka-Sprecherin.

Beginnen wir bei Youtube: Ich finde das Video von Lydia Kersting. Es fällt mir auf, weil es im typisch breiten Kinoformat gedreht wurde. Die 17-jährige Schülerin aus Schloss Holte-Stukenbrock bei Bielefeld hat sich mit einem Video beim Sportkonzern Adidas für das duale Studium „Marketing und Medienmanagement“ beworben. Ein Jahr vor Beginn sollte die Bewerbung eingehen, ein Video war nicht explizit gewünscht.

„Da stand nur: Bitte bewerbt euch kreativ“, erzählt Lydia. „Da dachte ich gleich, mit einem Video kann ich mich am besten präsentieren.“ Auch andere Bewerber ließen sich einiges einfallen. Im vergangenen Jahr gingen Powerpoint-Präsentationen, Videos, Interviews, Instagram-Kanäle und Wikipedia-Einträge ein, berichtet eine Sprecherin von Adidas. „So hat sich zum Beispiel jemand als Smoothie-Rezept vorgestellt oder seine Bewerbung als Produkt im Adidas-Shop gestaltet.“

Der Sportartikelhersteller kam auf den Geschmack: „Nachdem wir letztes Jahr gute Erfahrung gemacht hatten, haben wir die kreative Bewerbung dieses Jahr zur Pflicht gemacht und berücksichtigen auch keine klassischen Bewerbungen mehr.“

So polieren Sie Ihr Image auf: Ohne Drehplan geht es nicht

Lydias Video wirkt auf den ersten Blick nahezu perfekt: Satte Farben, viele Schnitte, schönes Licht und eine schlanke 17-Jährige, die Ukulele und Klavier spielt, singt, Gedichte schreibt und vorträgt, im Fitnessstudio über das Laufband rennt, Volleyball spielt und in einem Pflegeheim aushilft. Über einen lockeren Beat erzählt ihre Stimme im Hintergrund, was sie motiviert.

„Ich habe schon ein bis zwei Wochen überlegt, was ich wann wie und wo machen will“, sagt Lydia. Per Hand habe sie einen vierseitigen Drehplan erstellt, ihren Text in Stichpunkten notiert. Gedreht wurde an fünf Tagen, Szenen bis zu acht Mal wiederholt.

Für das Fitnessstudio und den Park kümmerte sie sich telefonisch um eine Drehgenehmigung. Bei der Kameraperspektive berieten sie Freunde, die neben der Schule bereits eine kleine Videoagentur gegründet haben. Die Schülerin ist in der nächsten Runde gelandet, jetzt folgt das Interview bei Adidas. Natürlich per Video.

So kommen Sie bei Unternehmen an: Authentizität zählt

Der kurze Imagefilm kann als Selbstdarstellung de luxe im besten Fall spiegeln, was sich nicht in Wörtern speichern lässt: Ausstrahlung. Persönlichkeit. Charme. Für so ein bewegtes Selfie muss man keine Rampensau sein. „Wir erwarten keine Videos von professionellen Agenturen“, sagt Heike Tyrtania, Personalchefin bei der Daimler TSS. „Wir suchen ja auch keine Schauspieler oder nur extrovertierte Leute.“

Der IT-Dienstleister des bekannten Autoherstellers tritt auf seiner Website jugendlich auf als die „coole IT-Tochter der Daimler AG“. Man kann sich über ein Bewerbungsportal oder, seit Ende 2015, mit einem 15-Sekunden-Video bewerben. „Gerade bei Berufseinsteigern, die noch kein ausgereiftes Profil haben, wollen wir im Kern wissen: Was will jemand bei uns tun und warum?“

Dafür muss man sich registrieren mit dem Xing-, LinkedIn– oder Facebook-Account („Irgendwie müssen wir unser erstes Date ja ausmachen, oder?“). Weil Letzteres auch mal heikel sein kann, betont Daimler TSS auf der Bewerbungsseite: „Die Fotos vom letzten Urlaub auf Facebook? Keine Panik, privat ist privat, und hier schauen wir nicht hin.“

Nur jeder zehnte Bewerber entscheide sich bisher für die Videovariante, so Tyrtania, der Spaß am Experimentellen führe aber mitunter zum Erfolg. „Wir sind über so ein Video durchaus schon auf spätere Mitarbeiter aufmerksam geworden.“
Gesucht werden vor allem authentische Personen – das gelte auch für das Outfit im Bewerbungsvideo. „Am besten so, wie man dann auch in die Firma kommen würde, gerne casual“, sagt die Personalchefin.

Dann will ich mal selbst praktisch starten mit der Produktion einer Videobewerbung. Und für meine Filmpremiere hole ich mir professionelle Hilfe beim „Bewerbungspapst“ Jürgen Hesse aus Berlin. Ich frage ihn: Was muss ich beim Dreh beachten?

Doch wissen Firmen das zu schätzen? Deutsche Unternehmen hinken in Sachen digitales Personalmanagement hinterher. Meine Anfragen an rund 20 große Unternehmen in Deutschland bestätigen es. Unternehmen wie die Deutsche Bank, BASF, Bayer oder Dr. Oetker können sich Videobewerbungen generell vorstellen, stecken aber nach eigenen Angaben noch in der „Prüfungsphase“.

Bosch setzt auf zeitversetzte Videointerviews mit vorgegebenen Fragen, „um Verzerrungen durch den Einfluss des Interviewers auszuschließen“. Zudem sei laut dem Pharmakonzern Bayer die rechtliche Situation beim Datenschutz noch nicht abschließend geklärt.

So machen Sie es sich leicht: Videobewerbung per App verschicken

Hinzu kommt: „Viele Firmenchefs investieren in ihre Digitalstrategien, aber nicht, wenn es ums Personalwesen geht“, sagt Thomas Paucker, Geschäftsführer von JobUFO. Das Berliner Start-up JobUFO hat eine gleichnamige App entwickelt, mit der sich Bewerber direkt per Video auf Stellenanzeigen in der App bewerben können.

Ich registriere mich, wähle aus (nur) guten Eigenschaften aus (kreativ/ehrgeizig/logisches Denken) und trage ein paar Daten ein, die dann als Lebenslauf erscheinen. Derzeit stehen rund 70.000 Stellen online, etwa von Edeka, Apollo Optik oder der Deutschen Bahn. Laut JobUFO liefen in diesem Jahr schon mehr als 40.000 Bewerbungen über diese Plattform.

JobUFO, aber auch Konkurrenten wie Talentcube, JobTube oder Viasto scheinen in Tinder-ähnlicher Manier das Bewerbungsverfahren revolutionieren zu wollen. Ist mein Video erst mal aufgenommen, kann ich mich in wenigen Sekunden überall bewerben. Und auf ein Match mit einem passenden Arbeitgeber hoffen.

So tickt die Zeit: Welche Bewerbungstrends in sind

Das kommt der Generation Smartphone entgegen. Eine Studie zu den „Recruiting Trends 2018“ des Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Unis Bamberg und Erlangen-Nürnberg im Auftrag der Jobplattform Monster kommt zu dem Schluss: Mehr als 42 Prozent der Befragten suchen unterwegs auf dem Smartphone nach offenen Stellen – das sind mehr als doppelt so viele wie 2014.

Wohin geht dann der Trend? Karriereberater Jürgen Hesse ist sich sicher: In den nächsten Jahren werden Bewerbungen eher in Richtung Sprachbots gehen. „Der Computer stellt Fragen und analysiert dann Wortwahl, Satzbau oder Tonfall und zeigt, wie intelligent und pflegeleicht Bewerber sind“, erläutert Hesse.

Was meine Umfrage auch ergeben hat: Die meisten Personaler lernen künftige Mitarbeiter aktuell am liebsten bei der aktiven Recherche kennen, also über LinkedIn oder Xing, auf Konferenzen, Messen, über persönlichen Austausch oder auf Empfehlung von Kolleginnen und Kollegen.

Lydia würde sich jederzeit wieder per Video bewerben. „Es war schon ein ungewohntes Gefühl“, sagt sie. Bei den Dreharbeiten hätten manche Leute seltsam geschaut. „Aber dann bin ich über meinen Schatten gesprungen. Jetzt ist das völlig okay für mich.“ Lydia hofft nun auf die Zusage.

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