Arbeitgeber Staat Befristete Jobs und immense Belastungen

Zu wenig Nachwuchs gibt es im öffentlichen Dienst, denn die Babyboomer-Generation verabschiedet sich nach und nach. Im Interview kritisiert Beamtenbund-Chef Ulrich Silberbach den durch zunehmenden Personalmangel entstehenden Druck und die hohe Anzahl der Befristungen.

Interview: Jan Guldner, wiwo.de | , aktualisiert

Befristete Jobs und immense Belastungen

Arbeitgeber Staat

Foto: Picture-Factory/Fotolia.com

Herr Silberbach, dem deutschen Staat fehlen nach Berechnungen Ihrer Organisation mehr als 200.000 Beschäftigte, Beamte wie Arbeitnehmer. Woran liegt das?

Ulrich Silberbach: Im öffentlichen Dienst wurde über Jahrzehnte Personalabbau mit dem Rasenmäher betrieben. Gleichzeitig hat man das zu bewältigende Auftragsvolumen permanent erhöht, anstatt mit Hilfe einer gesunden Aufgabenkritik Bürokratieabbau zu praktizieren. Wenn man dann auch noch die demografische Entwicklung vollkommen aus den Augen verliert, kracht es halt irgendwann im Gebälk. Dieses Krachen ist nun deutlich vernehmbar, und alle politisch Verantwortlichen gucken betroffen und sagen "Och, das ist ja blöd jetzt."

Wie macht sich dieses Krachen im Gebälk, wie Sie es nennen, konkret bemerkbar?

In den kommenden 20 Jahren geht jeder zweite Beschäftigte in den Ruhestand, das ist die Generation der Babyboomer. Wegen der rigiden Personalsparpolitik wurden aber über eine Dekade lang kaum noch neue Kräfte eingestellt und ausgebildet, das heißt, auf diese Babyboomer folgen jetzt erstmal weder Menschen noch Know-how.

Und wo bleibt der Nachwuchs in den Behörden?

Aktuell haben wir bei Bund, Ländern und Kommunen rund 198.000 Auszubildende und Anwärter. Das reicht vorne und hinten nicht, um das strukturelle Personaldefizit zu kompensieren. Diese jungen Menschen sind weder fertig mit ihrer Ausbildung noch können viele von ihnen sicher sein, dass Vater Staat sie überhaupt dauerhaft in ein Arbeitsverhältnis übernimmt – denn leider hält nämlich der öffentliche Dienst auch noch den Negativ-Rekord in Sachen Befristungen: Die Quote liegt je nach Rechenart bei mindestens 40 Prozent und trifft vor allem junge Beschäftigte nach Abschluss ihrer Ausbildung.

Was macht diese Personalnot mit den Leuten die im öffentlichen Dienst tätig sind?

Der Druck ist enorm. Die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen schieben Hunderttausende von Überstunden vor sich her. Auch die Zahl der Erkrankungen steigt. Die meisten Beschäftigten im öffentlichen Dienst sind trotz aller Widrigkeiten engagiert, sie brennen für den Dienst, den sie für die Allgemeinheit leisten. Aber viele von ihnen gehen dabei zunehmend über ihre Leistungsgrenze hinaus, betreiben Raubbau an ihrer Substanz. Das kann und darf nicht so weitergehen, der Staat hat seinen Beschäftigten gegenüber eine Fürsorgepflicht.

In der jüngeren Vergangenheit kam es immer wieder zu Behördenversagen, sei es beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge oder in der Berliner Stadtverwaltung. Liegt auch das an der Überlastung der Mitarbeiter?

Die Folgen eines öffentlichen Dienstes, der auf der Felge fährt, können Sie tagtäglich besichtigen: Tausende fehlende Kita-Plätze, mitunter monatelange Wartezeiten bei Behördenangelegenheiten, Pflegenotstand und Lehrermangel, marodeste Infrastrukturen, weil es im technischen Dienst an Ingenieuren und Architekten fehlt, äußerst schleppende Digitalisierung von Verwaltungsleistungen. Darunter leiden die Bürgerinnen und Bürger ebenso wie die Wirtschaft, die einen funktionierenden, leistungsfähigen und zeitgemäß technisierten öffentlichen Dienst als wesentlichen Standortfaktor braucht.

Wo spüren denn insbesondere Unternehmen den behördlichen Personalmangel?

An unzähligen Stellen: Wenn der Staat es nicht hinbekommt, für die Beschäftigten dieser Unternehmen eine geregelte und finanzierbare Kinderbetreuung bereitzustellen. Wenn der Staat es nicht hinbekommt, die Kleinen in seinem Bildungssystem fit für Großes zu machen, wenn Unternehmen ständig auf den Staat warten, ihm Briefe mit Datenträgern statt ZIP-Dateien schicken müssen, wenn Bauvorhaben nur mit dramatischem zeitlichen Verzug umgesetzt werden können. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Welchen Ausweg sehen Sie aus dieser misslichen Lage?

Deutschland ist als Standort nur so gut wie sein öffentlicher Dienst. Wir müssen endlich aufhören, die Beschäftigten darin als Kostenfaktor mit zwei Ohren zu sehen. Das sind dringend benötigte hoch qualifizierte Fachkräfte, die sich in den Dienst aller stellen und von denen die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft entscheidend abhängt.

Und wie findet man diese Fachkräfte? Auch die Wirtschaft kämpft mit Engpässen.

Wir brauchen eine flächendeckende moderne und nachhaltige Personalstrategie. Die strukturellen Lücken werden wir nur mit temporären Kräften wie Quereinsteigern halbwegs unfallfrei überbrücken können, aber auch hier muss größter Wert auf Qualität gelegt werden.

Fällt es bei der aktuell guten Konjunktur nicht schwerer, geeignete Nachwuchskräfte zu finden?

Es ist seit jeher so, dass es die Menschen in schlechten Zeiten zum Dienst beim Staat zieht, sie aber, wenn die Wirtschaft brummt, profitablere Anstellungen suchen. Hinzu kommt heute allerdings der demografische Wandel mit seinen durchaus dramatischen Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot: Mehr Arbeitgeber müssen sich weniger Personal teilen – da wird es eng.

Wenn das Angebot knapp, der Bedarf aber groß ist, steigt auch die Gefahr, dass diejenigen im Staatsdienst landen, die für die Jobs in der Wirtschaft nicht gut genug waren.

Im öffentlichen Dienst gilt das Prinzip der Bestenauslese, das heißt, der Staat muss sich darum bemühen, die besten Köpfe für seinen Dienst zu gewinnen, damit er auch das Beste für Bürger und Land leisten kann. Bislang brauchte man etwa neun Bewerber, um einen geeigneten Aspiranten zu finden. Heute gestaltet sich die Lage mitunter leider so, dass sich kaum noch zwei Bewerber auf eine Position finden, etwa im technischen oder im Gesundheitsdienst. Da muss man dann entscheiden, ob man die Stelle weiter unbesetzt lässt oder zähneknirschend besetzt, obwohl man eigentlich lieber eine größere Auswahl und damit Chancen auf Besseres gehabt hätte.

In der Wirtschaft wird seit langem im Kampf um die Köpfe aufgerüstet. Unternehmen überbieten sich mit besseren Gehältern, schöneren Arbeitsumgebungen, flexibleren Arbeitszeiten.

Der öffentliche Dienst steht auf dem Arbeitsmarkt im direkten Wettbewerb mit der Privatwirtschaft. Und die kann in konjunkturell guten Zeiten und angesichts des Arbeits- und Fachkräftemangels immer noch etwas oben drauflegen. Das kann der Arbeitgeber Staat nicht mal eben so, weil er an tarifliche und haushaltsgesetzliche Vorgaben gebunden ist.

Was der Staat tun, um sich attraktiver zu machen?

Er könnte noch viel stärker herausstellen, dass er genau jene sinnhaften Aufgaben bietet nach denen die jungen Menschen suchen. Vielen sind ein verantwortungsvoller, der Allgemeinheit nutzender Job und eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privat wichtiger als das reine Cash. So ein stimmiges Gesamtpaket hat der öffentliche Dienst. Selbstverständlich ist auch hier noch Luft nach oben – etwa in punkto leistungsgerechte Bezahlung, Arbeitsplatzausstattung und -gestaltung, aber im Grunde sind das schon einige gute Argumente.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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