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Maulkörbe sind keine Lösung
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Meinungsvielfalt im Job

Freiheit mit Grenzen

Lilian Fiala | Lin Freitag | Jan Guldner | Daniel Rettig, wiwo.de
Unternehmen stehen auf Querdenker? Von wegen: Im Alltag endet die Meinungsfreiheit oft an der Bürotür. Wer sich dagegen auflehnt, gefährdet seinen Job.
Vor einigen Monaten wollte Gerald Hensel etwas loswerden. Unternehmen, fand der 41-Jährige, sollten erfahren, wenn ihre Werbung auf Seiten mit rechtem Gedankengut auftaucht. Am 23. November 2016 veröffentlichte er einen entsprechenden Text auf seiner privaten Homepage. Und weil Hensel als Werber ein Gespür dafür hat, welche Worte Leser locken, gab er dem Artikel eine plakative Überschrift: "Kein Geld für Rechts".

Wenig später kam der Hass – in Form von 50 Morddrohungen und 1000-fachen Anfeindungen im Netz. Hensel hatte nicht nur erklärt, warum Unternehmen oft nicht wissen, auf welchen Websites ihre Werbung landet, sondern zudem Seiten genannt, die er persönlich für populistisch und extremistisch hielt und die für darauf werbende Unternehmen zum Problem werden könnten.

Hensel stand zu seiner Meinung, zog aber den konkreten Hinweis auf eine bestimmte Seite kurz darauf zurück. Doch da hatte ihn die Trollarmee schon im Visier – und seinen Arbeitgeber gleich mit. Hensel arbeitete damals als Digitalstratege bei der Werbeagentur Scholz & Friends. Der Netzmob witterte eine Verschwörung und rief dazu auf, Kunden der Agentur zu boykottieren. Hensel verließ das Unternehmen. Freiwillig, wie er sagt.

Meinungsfreiheit endet an der Bürotür?

Heute beschäftigt er sich für die Unternehmensberatung Plot damit, wie Firmen eine eigene Haltung entwickeln und mit veröffentlichten Ansichten der Mitarbeiter umgehen können. Natürlich müsse man sich als Arbeitnehmer bewusst sein, dass die private Meinung im Konflikt zum Unternehmen stehen kann: "Und es ist schwierig, wenn der Arbeitgeber wegen meiner Meinung massive Probleme bekommt."

Huch.

Behaupten nicht gerade kreative Unternehmen wie Werbeagenturen seit Jahren, dass sie Vielfalt schätzen und Querdenker fördern? Bedeutet das letztendlich nicht auch, dass sie selbst schräge Ansichten akzeptieren müssen, solange diese nicht gegen Gesetze verstoßen? Oder endet die Meinungsfreiheit in Wahrheit an der Büropforte?

Diese Fragen werden neuerdings wieder intensiv und emotional diskutiert – vor allem wegen James Damore. Bis Mitte Juli war der Harvard-Absolvent ein Nobody und hatte einen gut bezahlten Job als Entwickler bei Google inne. Heute ist er weltbekannt und arbeitslos.

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