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Moderner Arbeitsstil, modernes Vergütungssystem: New Pay in der Praxis

New-Pay-Pionier Wigwam In diesem Unternehmen können sich Mitarbeiter ihr Gehalt wünschen

Der Abschied vom klassischen Gehaltsmodell funktioniert bei diesem Unternehmen seit vier Jahren.

Gehalt | Von Claudia Obmann |

Jeder Mitarbeiter sagt offen, wieviel Gehalt er gerne hätte. Nach diesem ungewöhnlichen Vergütungsansatz verfährt die Berliner Kommunikationsagentur Wigwam. Und das schon lange.

Weil es zum ungewöhnlichen Arbeitsstil passt: Bereits seit zehn Jahren gibt es keinen Häuptling mehr, sondern nur noch Indianer. Also keinen Vorgesetzten, der Aufgaben verteilt, Ziele vorgibt und die Leistung der anderen beurteilt. Als mündiger Mitarbeiter entscheidet jeder selbst, was wie zu tun ist, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.

Dadurch passte aber auch das klassische Gehaltsmodell nicht mehr. Als die Agentur 2016 in eine Genossenschaft mit 25 gleichberechtigten Teilhabern umgewandelt wurde, beschlossen die Kollegen, es stattdessen mit dem Wunschgehalt zu probieren.

Selbsteinschätzung: Was ist meine Arbeit wert?

Eugen Friesen, heutiges Vorstandsmitglied, erklärt das neue Prinzip: „Jeder soll selbst über den Wert seiner Arbeit entscheiden dürfen.“ 
Also wurde vor vier Jahren zum ersten Mal gemeinsam ein Mindestgehalt festgelegt und dann reihum Wünsche nach persönlichen Zuschlägen geäußert. 

Dabei komme es auf die jeweiligen Bedürfnisse an, erläutert Friesen:

• Der eine ist Single und wünscht sich neben einem anständigen Auskommen inklusive Bahn-Fahrkarte noch eine zusätzliche Altersvorsorge.
• Der andere hat zwei Kinder in der Ausbildung und finanziert ein Haus.
• Die Dritte will, dass sich ihre teure Weiterbildung und die langjährige Berufserfahrung auszahlt und stellt sich ein entsprechendes Vergütungsplus vor.

Transparenz: Sehen, ob Einsatz und Gewinn zusammenpassen

Friesen: „Offen über das Gehalt zu reden, ist wichtig für die Arbeitszufriedenheit.

Allerdings: Im ersten Jahr lag das Wunschgehalt aller Wigwam-Teilhaber zusammen um 20 Prozent über dem tatsächlich von ihnen erwirtschafteten Gewinn. Konnte also zunächst so gar nicht ausgezahlt werden.

Friesen: „Doch das war für uns alle ein gemeinsamer Ansporn, auf dieses Ziel hinzuarbeiten“. Inzwischen sei das jeweilige Wunschgehalt zu rund 90 Prozent realisiert – bei einem aktuellen Mindestgehalt von monatlich je 2200 Euro brutto für jeden.

Neutralität: Willkür und Verhandlungsgeschick spielen keine Rolle

Größter Vorteil dieser „New-Pay“-Methode: Es entsteht kein Gehaltsgefälle aufgrund des Geschlechts oder weil der eine Kollege aggressiver verhandelt als der andere oder vielleicht mit dem Vorgesetzten im gleichen Fitnessstudio trainiert.

Auch unklare Beurteilungskriterien oder fehlende verbindliche Formeln zur Bemessung der gezeigten Leistung sorgen nicht länger für Frust über das finanzielle Resultat bei Mitarbeitern.

Im Gegenteil. Willkür und persönliches Verhandlungsgeschick sind neutralisiert. Und Motivationstricks, etwa persönliche Bonus-Versprechen, die Chefs einem Mitarbeiter wie dem Esel die Möhre vorhalten, damit er sich bewegt, sind bei Wigwam komplett überflüssig.

Solidarität: Ellenbogenmentalität hat keine Chance

Auch fähige Quereinsteiger stellen sich so besser. Friesen verweist auf ein Beispiel aus den eigenen Reihen: Eine studierte Architektin mit jahrelanger Branchenexpertise, aber null Erfahrung in Sachen Agenturarbeit, hätte nach klassischen Vergütungsprinzipien – die Seniorität auf der jeweiligen Position oder schlicht Betriebszugehörigkeit honorieren – kaum Chancen auf ein faires Gehalt.

Bei Wigwam, wo Kunden wie Die Grünen oder die Hilfsorganisation Terres des Hommes unterschiedlichste Projekte vom Pop-up-Infostand bis hin zum Messebau beauftragen, werde ihr für das Kollektiv wertvolle Know-how hingegen angemessen honoriert.

Teamwork: Führungsgedanke neu belebt

Da bei Wigwam Projektarbeit vorherrscht, wechselt auch die jeweilige Rolle der Teilhaber. Es führt, wer sich für das jeweilige Thema zuständig und qualifiziert fühlt. Und nicht derjenige, der es am besten versteht, sich in der Unternehmenshierarchie voranzukämpfen.

Und schließlich haben die Berliner Befürworter des „New Work plus New-Pay“-Ansatzes noch einen wichtigen Vorteil entdeckt: Jeder Wigwam-Genosse ist heute Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Person.

Das führt laut Friesen dazu, „dass nicht nur diejenigen haften, die offiziell als Geschäftsführer im Handelsregister eingetragen sind, wie bei vielen anderen Unternehmen, sondern alle.“ So würden nicht nur gemeinsam zu fällende Entscheidungen mehr durchdacht. Sondern  das beflügele ein in der schnellen und komplexen Wirtschaft immer dringlicheres Erfolgsprinzip: Teamwork – zum vielpropagierten Kundennutzen.

Was wiederum auch jedem einzelnen Indianer des Berliner Wigwams zum Vorteil gereicht. 

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