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Schwierige Bewerbungsfragen
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Vorstellungsgespräche

"Wie viele Smarties passen in einen Bus?"

Teil 2: Kein Königsweg im Vorstellungsgespräch

Hat die Beraterbranche Nachwuchssorgen?

Ochmann: Gute Berater zu bekommen, ist tatsächlich schwierig geworden. Das Image der Branche ist längst nicht mehr so strahlend wie noch vor ein paar Jahren. Der Beruf ist nach wie vor sehr vielseitig, interessant und verspricht eine hohe Lernkurve, ist jedoch auch sehr arbeits- und sehr reiseintensiv. Das möchte nicht jeder machen.

Die Unternehmen müssen also heute netter sein, um die wenigen Bewerbern nicht zu vergraulen?

Reif: Bewerbungsgespräche stellen heute für beide Seiten eine Testsituation dar. Auch die letztlich nicht angenommenen Kandidaten nehmen aus dem Bewerbungsgespräch einen subjektiven Eindruck mit. Und den teilen sie mit vielen anderen in den sozialen Netzwerken.

Ochmann: In einem Vorstellungsgespräch testen wir die Qualität eines Bewerbers ab, werben aber zeitgleich auch um ihn.

Wie sieht ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen heute aus?

Ochmann: Wir geben den Kandidaten sehr komplexes Datenmaterial mit wichtigen sowie unwichtigen Materialien an die Hand. Damit kann er sich eine Stunde lang auseinander setzen. Anschließend muss er eine halbe bis Dreiviertelstunde lang in einem Auswertungsgespräch erklären, was er dem Kunden anhand des Datenmaterials raten würde oder was seine Lösungsansätze sind.

Keine Aufgabe, die man richtig oder falsch lösen kann...

Ochmann: Es gibt hier keinen Königsweg, aber wir können in diesem Auswertungsgespräch gut erkennen, ob der Kandidat das hat, worauf es für uns ankommt. Das sind die Fähigkeit, sich mit den Problemen der Kunden auseinanderzusetzen, Problemlösekompetenzen und analytisches Denken.

Reif: Uns Recruitern geht es doch gerade um den Blick auf die Kombination der verschiedenen Kompetenzen. Erst dadurch entsteht ein Bild, das uns die mögliche Performance eines Bewerbers – basierend auf seinem Potenzial und Talent– besser einschätzen lässt.

Ein Spaziergang ist ein Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmensberatung vermutlich trotzdem nicht.

Ochmann: Das ist für die Kandidaten natürlich eine Stresssituation, aber wir spielen nicht mit unseren Bewerbern. Und diese Gespräche finden, unabhängig von den Antworten des Bewerbers, immer in einem sehr wertschätzenden Umfeld und auf Augenhöhe statt. Wir versuchen dem Kandidaten schon im Vorstellungsgespräch eine Arbeitsprobe seiner künftigen Tätigkeit zu geben. Dabei soll niemand vorgeführt werden.

Was machen Sie, wenn jemand eine Frage nicht beantworten kann?

Ochmann: Innerhalb des Interviews werden natürlich Vertiefungsfragen gestellt. Es kommt immer mal wieder vor, dass jemand dann bei einer Frage blank ist und nicht weiter weiß. Dann wechseln wir das Thema, wir pieksen dann nicht weiter.

Also ist die Branche doch netter geworden.

Ochmann: Fiese Fragen gibt es – auch in der Breite – schon seit Jahren nicht mehr. Da hat sich die Welt wirklich verändert. Eben weil sich auch der Markt verändert hat. Speziell der Markt für gute Berater ist sehr eng geworden.

Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 29.07.2016
 

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