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Unternehmen sollten ihren Bewerbungsprozess überdenken
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Frustration für Fachkräfte

Bewerbung als Hürdenlauf

Kerstin Dämon, wiwo.de
Wer in der IT, der Gastronomie oder dem Handwerk arbeiten will, muss keine Essays schreiben können. Außer, man bewirbt sich gerade. Dann erwarten Unternehmen plötzlich feinste Prosa. Die Bewerber sind genervt.
"Ein Anschreiben für eine Bewerbung verfassen, ist wie Sauerbraten machen: Ich würde gerne, kann's aber nicht."

1.034 Nichtakademiker wurden gefragt, wie leicht ihnen das Schreiben von Bewerbungen fällt. Was den Bewerbern dabei in den Sinn kam, ist häufig ziemlich unangenehm. Sie gaben Vergleiche wie "Bügeln müssen", "eine Strafarbeit in der Schule", "Besuch beim Zahnarzt" an. Andere sagten gleich, Bewerbungen schreiben sei die Hölle.

Insgesamt bezeichneten 55 Prozent der Befragten das Anschreiben als größte Hürde auf dem Weg zum neuen Job. Er könne sein Potenzial einfach nicht schriftlich rüberbringen, klagte einer.

Schriftliche Überzeugungsarbeit leisten

Das Problem ist verständlich. Keiner der Befragten ist Schriftsteller, Rhetoriker oder Sprachwissenschaftler. Es handelt sich um Angestellte und Arbeiter, alle mit Berufsausbildung, keiner mit einem abgeschlossenen Studium. Trotzdem verlangen potenzielle Arbeitgeber von der Altenpflegerin, dem Fleischereifachverkäufer, der Technikerin und dem Schlosser, dass sie erst einmal schriftlich von sich überzeugen.

Bevor es um die handwerklichen Fähigkeiten geht, erwarten die Unternehmen spannende Motivationsschreiben. Der erste Satz soll neugierig machen, der Inhalt fesseln, der Schlusssatz eine Pointe haben. Die Personalabteilungen wollen gute Kurzgeschichten, statt langweiligem Einheitsbrei. Wer "Hiermit bewerbe ich mich als ..." schreibt, landet auf dem Absage-Stapel.

Natürlich gibt es immer noch 45 Prozent Bewerber, die sagen, dass ihnen das Anschreiben keine Mühe mache. Allerdings greift von denen jeder Vierte auf eine Vorlage zurück, die nur minimal für die jeweilige Bewerbung angepasst wird. Sechs Prozent davon nutzen Anschreiben aus dem Netz, ein Prozent lässt sich das Anschreiben von einem Ghostwriter erstellen.

Bewerber genervt vom Anschreiben

Die Aussagekraft eines Anschreibens – besonders bei den Ausbildungsjobs – darf ohnehin bezweifelt werden. Dass ein Kellner sich um einen Job bewirbt, weil er schon als kleiner Junge davon geträumt hat, in diesem einen Restaurant Getränke zu servieren, ist nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich. Auch die durchschnittliche Köchin sucht vermutlich einen Job bei einem Arbeitgeber, der pünktlich und fair bezahlt, einfach zu erreichen ist und wo sich die Überstunden im Rahmen halten. "Ich möchte bei Ihnen arbeiten, weil ich hoffe, dass Sie kein Ausbeuterbetrieb sind", sollte im Anschreiben aber trotzdem nicht stehen. Auch nicht, wenn es stimmt.

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Entsprechend sind 60 Prozent der Fachkräfte aus dem Tourismus- und Gastgewerbe davon genervt, Anschreiben verfassen zu müssen. Im Handwerk, in der Produktion, im Rechts- und interessanterweise auch im Personalwesen sind es mehr als 57 Prozent. Also bei denen, die unter anderem für das Lesen und Bewerten von Bewerbungen bezahlt werden.

Neue Formen des Recruiting

Wenn selbst die keine Lust mehr haben, eine klassische Bewerbung zu schreiben, sollten Unternehmen vielleicht ihren Bewerbungsprozess überdenken. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die stark umworbene Fachkräfte suchen. Die Krankenschwester oder der Elektrotechniker bewerben sich nämlich im Zweifelsfall bei dem Unternehmen, dass sie nicht schon vor dem ersten Gespräch frustriert.

Unternehmen wie Telefonica, eismann oder Henkel tun dies bereits. Sie setzen auf mobiles Recruiting, also Bewerben per Smartphone und sogenannte One-Klick-Bewerbungen, mit denen sich Bewerber mit einem Klick über ihr Linkedin- oder Xing-Profil bewerben können. Auch die Daimlertochter Daimler TTS setzt auf die 15 Sekunden Bewerbung. Wenn der Lebenslauf überzeugt, klingelt beim Bewerber das Telefon. Die Mehrheit der deutschen Unternehmen – je nach Untersuchung sind es 63, 80 oder 87 Prozent – besteht jedoch weiterhin auf ein Anschreiben. Dabei wäre dessen Abschaffung nicht der Untergang der deutschen Wirtschaft, sondern eine zeitgemäße Methode, Kosten einzusparen und attraktiver für Fachkräfte zu werden.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2017
 

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