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Kaum jemand verbleibt sein ganzes Leben im selben Beruf.
Foto: Jürgen Priewe / Fotolia.com
Die Qual der Berufswahl

Abschlüsse bleiben auch in Zukunft das A und O

Thorsten Firlus-Emmrich, wiwo.de
Der digitale Wandel wird viele Berufe verändern, manche werden verschwinden. Doch digitale Kompetenz ist viel mehr, als nur ein Handy bedienen zu können. Was Eltern ihren Kindern bei der Berufswahl raten können.
Frau Matthes, früher haben sich Jugendliche einen Beruf ausgewählt, erlernt und anschließend ausgeübt. Der digitale Wandel wird viele Berufe verändern oder verschwinden lassen. Was können Eltern Ihren Kindern bei der Berufswahl heute raten? Britta Matthes: Diese Problematik stellt sich, das stimmt. Die Frage ist jedoch, ob wir in Deutschland nicht die Frage der Berufswahl überhöhen. Wir müssen lernen, dass die erste Entscheidung für einen Beruf nicht unbedingt die letzte ist. Selbstverständlich werden auch in Zukunft bestimmte Berufe wie Arzt, Anwalt oder Lehrer nur über einen bestimmten Weg zu erreichen sein.


Zur Person:
Britta Matthes leitet in Nürnberg die Forschungsgruppe "Berufliche Arbeitsmärkte" im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Dort beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen des Digitalen Wandels auf den Arbeitsmarkt, zuletzt mit der Frage, welche Bundesländer den höchsten Bedarf an Anpassung des Arbeitsmarktes haben.


Aber wir brauchen bei Eltern wie Jugendlichen ein Umdenken: Dass jemand 40 Jahre im gleichen Beruf verbleibt, wird immer seltener. Die Berufe werden sich viel stärker verändern, als es früher der Fall war. Die zu erledigenden Aufgaben werden nicht mehr dieselben sein.

Wenn Berufe verschwinden, wie soll man noch Hoffnung haben, dass es den Traumberuf geben wird?

Ich würde nicht hinterfragen, ob es den Beruf des Lokführers oder des Ingenieurs in 30 oder 40 Jahren noch gibt. Wir gehen davon aus, dass es auch Lokführer, Tischler und Ingenieure geben wird; nur sehen die Berufe wahrscheinlich völlig anders aus. In unserer Analyse zur Digitalisierung gehen wir davon aus, dass ein Beruf unter Anpassungsdruck gerät, wenn er zu 70 Prozent bereits heute von Computern oder Robotern erledigt werden kann. Das bedeutet nicht, dass der Beruf ganz verschwindet, sondern dass er andere Fähigkeiten verlangt. Das kann auch eine Chance sein: Ein Beruf, der ein hohes Potenzial hat, von Computern erledigt zu werden, ist gleichzeitig ein Beruf, der gerade weil dort Computer oder Roboter die Arbeit übernehmen, mit guten beruflichen Entwicklungs- und Aufstiegschancen verbunden sein kann.

Sie können also zu allem und zu nichts raten?

Ja. Für Eltern ist es ein Problem, dass sie lernen müssen, dass die Biographien anders verlaufen werden als in vorigen Generationen. Sie sollten entspannter sein. Denn die Wege sind für die kommenden Berufsgenerationen viel offener. Es wird viel leichter sein, den Beruf zu wechseln. Es werden sich mehr Weiterentwicklungsmöglichkeiten ergeben. Die Querverbindungen zwischen den Berufen werden zunehmen. Eltern sollten sich viel stärker zurücklehnen und den Berufswahlstress, den die Kinder ohnehin schon haben, von ihnen nehmen. Die Vielfalt an Optionen überfordert uns, die Kinder und eigentlich alle. Wenn aber die anfängliche Berufswahl keine endgültige Entscheidung mehr fürs Leben bedeutet, ist es auch nicht mehr so essentiell, womit ein junger Mensch ins Berufsleben einsteigt. Es ist also in Ordnung, mit dem einem zu beginnen und später gegebenenfalls etwas anderes zu machen. Man findet etwas, was zu einem passt und entscheidet viel kurzfristiger.

Die linearen Berufswege früherer Generationen werden zur Ausnahme?

Ja, auch wenn ich nicht mal sicher bin, ob die Laufbahnen früher auch immer so geradlinig waren, wie es immer beschrieben wird. Es wird bei vielen Menschen, die in der Produktion oder als Angestellte tätig waren, so gewesen sein, aber vor allem Menschen mit sehr erfolgreichen Karrieren haben ihren Beruf auch schon früher gewechselt.

Gilt das für alle Berufe?

Nein, bei einigen fällt es etwas leichter, den einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Wer sich entscheidet, Arzt zu werden, der wird sicher auch in der digitalisierten Berufswelt Arzt bleiben. Aus meiner Sicht wird es zwei gegenläufige Entwicklungen geben: Zum einen werden die Aufgaben, die ein Mensch in einem Großbetrieb, der auf dem aktuellsten technologischen Stand produziert, so vielfältig sein, dass eine berufliche Ausbildung nicht ausreicht, um den Anforderungen zu genügen. Sie brauchen hybride Qualifikationen, um die Probleme, die bei der automatischen Produktion entstehen, lösen zu können und zu dürfen. Gleichzeitig wird es eine Re-Traditionalisierung mancher Berufe geben, weil das Internet die Möglichkeit gibt, Nischenproduktion effizient zu betreiben und die Kunden zunehmend auf Individualität Wert legen. Ein Tischler, der sehr individuelle Möbelstücke herstellt, findet dank der Digitalisierung viel leichter seine Kundschaft als das früher der Fall gewesen wäre. Es wird wichtig sein, die Nische zu finden und zu besetzen.

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