Zer­reiß­pro­be So verliert man Mitarbeiter

Lange Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen, nervige Kollegen oder zu wenig Gehalt: All das mögen Gründe sein, warum Angestellte mit ihrem Job unzufrieden sind. Doch nichts frustriert Mitarbeiter am Arbeitsplatz mehr als ihr Chef. Die meisten Angestellten kündigen, weil sie sich schlecht geleitet fühlen.

Anne Ritter | , aktualisiert

So verliert man Mitarbeiter

Foto: Nomad Soul/Fotolia.com

Die Folgen von Kündigung sind langfristig: Das Unternehmen verliert das Know-How des Mitarbeiters und womöglich sogar seine Kunden. Es muss die Stelle neu ausschreiben, den passenden Kandidaten finden und einarbeiten. Das ist ein Aufwand, der Zeit und Geld kostet.

Auch die Motivation der verbleibenden Mitarbeiter wird durch ständigen Personalwechsel gehemmt. Das ist das zentrale Ergebnis des "Engagement Index", einer repräsentative Motivationsstudie des Beratungsunternehmens Gallup, die jährlich die emotionale Bindung von Beschäftigten ermittelt.

Nicht alle, die kündigen, machen das offiziell. Die "innere Kündigung" ist eine Haltung der Arbeitsverweigerung, die dem Geschäft noch viel mehr schadet. Wenn Mitarbeiter nur so tun, als arbeiteten sie, wird das Unternehmen sozusagen von innen ausgehöhlt.

Vertragsbruch durch Chef

"Chefs spielen eine große Rolle bei diesem Phänomen – oft sind sie nicht dazu geschult, Menschen zu führen", erklärt Kurt Stapf, Wirtschaftspsychologe und Co-Autor des Buches "Innere Kündigung. Wenn der Job zur Fassade wird".

Die zentrale Ursache für die innere Kündigung sei der Bruch des "psychologischen Arbeitsvertrages". Dieser enthält unausgesprochene Erwartungen, die der Arbeitnehmer an das Unternehmen stellt: Werden sie nicht erfüllt, fühlt er sich betrogen.

Der Betroffene beginnt zum Beispiel damit, Verantwortung zu verweigern, was zur Folge hat, dass Eigeninitiative und Leistung sinken. Indirekt protestiert er damit gegen schlechte Führung: "Aus motivierten Leuten werden Verweigerer, wenn ihre Bedürfnisse und Erwartungen bei der Arbeit über einen längeren Zeitraum ignoriert werden", sagt Marko Nink, Studienleiter der aktuellen Gallup-Untersuchung.

Die Ergebnisse der Studie alarmieren: Fast ein Viertel, also 24 Prozent der Befragten, hat innerlich bereits gekündigt. 61 Prozent machen nur Dienst nach Vorschrift und gerade 15 Prozent der Beschäftigten haben eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber, die dazu führt, dass sie sich freiwillig für dessen Ziele einsetzen.

Dabei schaden sich die Betriebe nicht nur selbst: Die innere Kündigung ihrer Mitarbeiter verursacht auch einen erheblichen Schaden für die Volkswirtschaft. Die jährlichen Kosten durch Produktionseinbußen liegen nach Gallup-Hochrechnungen in Deutschland bei 112 bis 138 Millionen Euro..

Zufriedenheit wird am Chef gemessen

Wie zufrieden Mitarbeiter in ihrem Job sind, hängt davon ab, wie gut sie ihr Verhältnis zum Chef bewerten. Mit einem Anteil von 40 Prozent ist dieser Faktor der wichtigste für die Arbeitszufriedenheit – das fanden Wissenschaftler von der Fakultät für Psychologie der Ruhr Universität Bochum heraus. Je weniger zufrieden Mitarbeiter mit ihrem Chef sind, umso weniger zufrieden sind sie mit ihrer Stelle. Wichtig sei den Mitarbeitern ein vertrauensvoller, sensitiver und fairer Umgang sowie ein gutes Aufgabenmanagement.

Die Mitarbeiter machen ihre Vorgesetzten für die innere Kündigung verantwortlich. "Man fragt sie nicht nach ihrer Meinung, gibt ihnen weder positives Feedback, noch eine konstruktive Rückmeldung zur Arbeitsleistung und interessiert sich nicht für sie als Mensch", so Marko Nink.

Ungebundene Mitarbeiter hemmen die Arbeitsprozesse und gefährden die Zukunft des gesamten Unternehmens – durch ihre negative Arbeitshaltung lassen sie die schöpferische Kraft für Innovation und Wachstum versiegen. Motivierte Mitarbeiter haben hingegen nicht nur mehr, sondern sogar bessere Ideen.

"Dabei geht es nicht darum, dass Mitarbeiter jeden Tag bahnbrechende Innovationen hervorbringen – von entscheidender Bedeutung sind auch die vielen vermeintlich kleinen Ideen der Beschäftigten", erklärt Marco Nink. Die Vorschläge von emotional hoch gebundenen Menschen führten in 89 Prozent der Fälle zu Einsparungen, mehr Umsatz oder zu höherer Effizienz.

"Meine wichtigste Erfahrung als Manager ist die Erkenntnis, dass die Mitarbeiter das wertvollste Gut eines Unternehmens sind und damit auch das wichtigste Erfolgskapital", sagte schon Werner Niefer, der von 1989-93 Vorstandvorsitzender der Mercedes-Benz AG war. Dies scheint aktueller denn je – denn noch wird die Mitarbeiterbindung von Arbeitgebern offensichtlich leichtfertig vernachlässigt.

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