Wolf Bauer "Das kreative Potenzial ist ungeheuer"

Wolf Bauer, Chef des Film- und Fernsehproduzenten Ufa, über die Talentsuche im Internet, warum er jetzt wieder Kinofilme macht, der Oscar aber für ihn nicht so wichtig ist.

Petra Schäfer | , aktualisiert

Herr Bauer, die Ufa ist seit Jahren als TV-Produzent erfolgreich. Warum wollen Sie jetzt auch Kinofilme machen?

Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder überprüft, ob ein großes Unternehmen wie die Ufa unter wirtschaftlich vernünftigen Aspekten Kinofilme produzieren kann. Aber erst jetzt haben sich die richtigen Rahmenbedingungen ergeben. Deshalb haben wir uns entschlossen, in größerem Umfang Kino zu machen: In diesem Jahr vier bis fünf Filme, im nächsten Jahr sechs. 2011 sollen es acht bis zehn sein.

Welche Rahmenbedingungen sind das?
Die Akzeptanz für den deutschen Kinofilm ist stark gewachsen. Der Marktanteil deutscher Kinofilme lag im letzten Jahr bei fast 27 Prozent - das beste Ergebnis seit 1991. Außerdem gibt es bessere Finanzierungsmöglichkeiten für aufwendigere Budgets. Der deutsche Filmförderfonds hat positive Effekte in der Filmwirtschaft erbracht. Aber auch die bessere Exportfähigkeit und die Chancen, die sich in der digitalen Welt für die Auswertung von Kinofilmrechten ergeben, waren uns wichtig.

Braucht der überschaubare deutsche Markt überhaupt weitere Produzenten?
Dringend. Constantin Film stellt als einziger deutscher Produzent eine größere Anzahl von Filmen her. Der Produzentenmarkt ist hierzulande zu kleinteilig. In den 50er-Jahren gab es in Deutschland bis zu 900 Millionen Kinobesucher pro Jahr. Es gab über zehn Firmen, die jährlich mehr als fünf Filme produziert haben. Ich bin überzeugt, dass ein Markt wie Deutschland für eine stabile Filmindustrie sogar mehr als zwei größere Hersteller braucht.

Was macht einen erfolgreichen Film aus?
Das entscheidet sich schon bei der Stoffauswahl. Ein Kinofilm muss für das Publikum gemacht werden. Kino ist ein Gemeinschaftserlebnis: große Bilder, große Gefühle radikal erzählt. Mich fasziniert emotionales Erlebniskino und mich deprimieren leere Kinosäle. Von 170 deutschen Kinofilmen im Jahr schaffen es nur 25, mehr als 200000 Zuschauer ins Kino zu bringen. Dafür gewinnen sie Oscars - so wie aktuell der Kurzfilm "Spielzeugland" oder 2007 "Das Leben der Anderen".

Sind das Zufallsprodukte?
"Das Leben der Anderen" war ein Geniestreich des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck. Inzwischen gibt es aber fast jedes Jahr Oscar-Nominierungen für einen deutschen Kinofilm. Denken Sie an "Nirgendwo in Afrika", "Die Fälscher", "Der Untergang", dieses Jahr war es der "Baader-Meinhof-Komplex". Aus einer Vielzahl internationaler Filme ausgewählt zu werden, ist schon bemerkenswert.

Ist der Oscar ein Ziel für Sie? 
Ehrlich gesagt: Es ist eine schöne Anerkennung, wenn man mit Preisen bedacht wird. Aber wir werden keine Filme machen, um Preise oder gute Kritiken zu bekommen. Wir wollen zuallererst Filme produzieren, die faszinieren und deshalb viele Zuschauer ins Kino locken. Wer Preise anstrebt, landet zwischen allen Stühlen.

An welchem Projekt hängt Ihr Herz besonders?
An "Der Medicus", die Verfilmung des Bestsellers von Noah Gordon. Schon nach der Lektüre des Romans vor 18 Jahren wollte ich den Film machen. Aber wir waren damals für einen Film dieser Größenordnung noch nicht aufgestellt. Jetzt bin ich sehr froh, dass wir die Rechte bekommen haben. Wir sind noch mitten in der Drehbucharbeit. Der Film selbst kommt frühestens in drei Jahren in die Kinos.

Wie finanzieren Sie so ein Großprojekt?
Wir ziehen die Fernsehsender als Lizenznehmer mit heran. Ohne das Fernsehen können Sie in Deutschland eine Filmfinanzierung gar nicht bewerkstelligen. Dazu kommen Vorverkäufe an Auslands- , DVD- und digitalen Verwertungsrechten. Auch Filmförderungen des Bundes und der Länder sind unverzichtbar.

Warum setzen Sie sich jetzt dem Stress einer Unternehmensgründung aus?
Mich lockt die unternehmerische Herausforderung. Zudem ist Kino für die Ufa ein Wachstumsfaktor. Für mich persönlich bedeutet es, dass ich wieder mit Autoren, Regisseuren und Darstellern zusammenarbeite. Das habe ich lange vermisst. Ist Kino die Krönung Ihrer Karriere? Dazu muss die Ufa Cinema erst einmal zum Erfolg werden. Aus strategischer Perspektive ist der Ausbau unserer Aktivitäten im digitalen Bereich viel bedeutsamer. Kino ist eine wunderbare Ergänzung unseres Portfolios und bietet in den nächsten Jahren noch einmal eine Wachstumschance. Aber am Ende muss die Ufa als Inhalte-Spezialist für alle Verwertungsplattformen die richtigen Programmangebote gestalten - das ist die entscheidende Voraussetzung zur Zukunftssicherung. Insofern möchte ich die Bedeutung unserer Kinoaktivitäten nicht zu hoch hängen.

Wohin geht Ihre Reise im Unterhaltungsgeschäft?
Als Inhalte-Kreateur und Inhalte-Besitzer sind wir in der Lage, alle digitalen Verwertungsplattformen in der Zukunft zu bespielen. Es ist egal, ob es sich dabei um Fernsehen oder Internet-Angebote wie Youtube handelt. Vor allem aber sind wir Geschichtenerzähler. Vom Kinofilm über Serien bis zum Event-Film für das Fernsehen oder Entertainmentformaten wie "Deutschland sucht den Superstar".

Sind Sie auf allen Plattformen vertreten?
Wir haben gerade großen Erfolg mit der "Piet-Show" bei der Internet-Community StudiVZ gehabt. Über zweieinhalb Millionen Mal wurde die Soap-Parodie abgerufen. Viele Auguren hatten uns vorher davor gewarnt, unser Programm einer Social-Community anzubieten - die Nutzer würden sich dort nur belästigt fühlen. Von wegen! Sie haben die Show dankbar aufgenommen. Wir haben für das Format sogar erste Sponsoren gewinnen können. Daraus kann sich ein nachhaltiges Geschäftsmodell entwickeln.

Wie schnell kann ein Dickschiff wie die Ufa im Internet überhaupt sein?
 Sehr schnell. Wir waren die Ersten, die vor vier Jahren eine neue Form von Fortsetzungsvideos für das Internet definiert haben. Aber jede Neuerung muss zuerst vom Konsumenten wahrgenommen werden, er muss seine Bedürfnisse definieren. Und es muss klar sein: Wer ist bereit, dafür zu bezahlen? Der Konsument oder Sponsoren und Werbekunden? Wir testen jetzt mit Verwertungspartnern und Plattformbetreibern neue Geschäftsmodelle.

Mit Erfolg?
Keiner kann heute sagen, dass er schon das Geschäftsmodell der Zukunft entdeckt hätte. Aber ich habe keinen Zweifel: Solange wir Programminhalte bieten, die die Kunden faszinieren, die ihnen helfen, mit ihrer Lebenssituation besser klar zu kommen, schlauer zu werden, unterhalten zu werden, wird es auch Refinanzierungsmöglichkeiten geben.

Haben wir in Deutschland genug Talente, um solche neuen Inhalte zu entwickeln?
Wir müssen uns da nicht verstecken. Gerade durch die Güte der Ausbildung, die wir in Deutschland an den Film- und Fernsehakademien haben, besitzen wir ein ungeheures Potenzial an besonders talentierten Autoren, Produzenten, Regisseuren und Schauspielern. Mit diesem Kreativpotenzial haben wir eine gute Zukunft.

Was raten Sie jungen Einsteigern in der Medienbranche?
Unnachgiebig zu sein beim Umsetzen der eigenen Vorstellungen und Ziele. Ich bin immer beeindruckt, wenn jemand etwas unbedingt will, wenn ich merke, dass er alles einsetzt, um sein Ziel zu erreichen. Diese Leute schaue ich mir sehr genau an, denn sie haben das energetische Potenzial, das wir suchen. Wenn sie auch noch Talent haben, sind sie bei uns richtig.

Wie finden diese Leute denn zu Ihnen?
Die Marke Ufa hat Strahlkaft, denn bei unseren Produktionsfirmen arbeiten Top-Produzenten. Die ziehen Talente an! Wir haben aber auch gerade ein Casting-Portal im Internet eröffnet, "Your Chance". Dort geben wir talentierten Menschen die Möglichkeit, sich bei uns vorzustellen.

Können Sie nicht einfach bei Youtube Ausschau halten?
Schön wär's. Wenn wir Youtube ansehen, dann finden wir dort viele unserer Programme. Der sogenannte "Consumer generated content" hat sich leider selbst entzaubert. Wir sind aber der erste Produzent, der eine Vereinbarung mit Youtube getroffen hat. Wir können dort eigene Kanäle mit Programm bestücken und sind an den Werbeeinnahmen beteiligt.

Wie laufen jetzt in der Krise die Geschäfte für die Ufa?
Wir sind zufrieden. Aber wir sehen natürlich mit Sorge in die Zukunft. Die werbefinanzierten Fernsehsender müssen mit Einbußen bei den Nettowerbeeinnahmen rechnen. Das wird sich auch auf die Programmbudgets niederschlagen - wobei wir für unseren Bereich eher zuversichtlich sind. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Phasen suchen Menschen im Kino oder im Fernsehen Zerstreuung.

Mit welchem Programmformat verdienen Sie denn am besten?
Es sind vor allem Formate, die täglich produziert und ausgestrahlt werden und so das größte Volumen erbringen, die uns wirtschaftlich Freude machen. Auch wenn in der einzelnen Episode relativ wenig Deckungsbeitrag steckt, so findet sich in der Summe doch ein gewisses Ertragspotenzial. Wichtig für unsere Zukunft werden aber der Rechtebesitz und die Beteiligung an allen Verwertungsarten sein. Bei einigen Formaten wie "Deutschland sucht den Superstar" sind wir schon an der gesamten Verwertungskette beteiligt. Aber im Vergleich zu dem, was unsere amerikanischen Kollegen bei "American Idol" an Rechteauswertung betreiben können, sind wir hier noch schwach positioniert. 

Tun Sie etwas dagegen?
Die Branche hat eine Produzentenallianz gegründet, um die gemeinsamen Interessen effizienter zu vertreten. Zurzeit bestehen mit den deutschen Sendern überwiegend Vertragsmodelle, die den Produzenten alle Rechte abnehmen. Das werden wir ändern müssen. Wir haben einen erheblichen Aufwand an Forschungsund Entwicklungsinvestitionen bei der Entwicklung von neuen und innovativen Programmen. Dafür müssen wir einen fairen Anteil an der Auswertung bekommen. Der Erfolg der deutschen Produktionswirtschaft wird in Zukunft ganz klar davon abhängen, ob es gelingt, selbst geschaffene Rechte zu behalten und zur Auswertung zu bringen.

Lohnt sich die Produktion von Fernsehfilmen überhaupt?
Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das kein vernünftiges Geschäftsmodell, weil es sich um Einzelstücke mit enormen Investitionen in die Kreation eines Unikats handelt. Am Ende gibt es wenig Möglichkeiten, einen angemessenen Deckungsbeitrag zu erwirtschaften. Trotzdem leisten wir uns eine große Zahl von Einzel-Fernsehfilmen. Wir machen das aus Reputationsgründen: Die Ufa wird dadurch als ein hoch kreatives Unternehmen angesehen.

Welche Bedeutung hat die Ufa innerhalb des Bertelsmann-Konzerns?
Wir sind ein Teil des Produktionsgeschäfts der Fremantle Media, einer Tochter der RTL Group. Inhaltekreation ist heute erklärtermaßen eines der Kerngeschäfte bei Bertelsmann - früher waren wir eher Randgeschäft. Unser Betätigungsfeld hat also durchaus einen gewichtigen Stellenwert.

Sie sitzen als einziger Vertreter aus dem aktiven Management des Konzerns im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung - an der Seite der Eigner Liz und Reinhard Mohn. Ist das für Sie ein Ritterschlag?
Ich fühle mich geehrt. Es ist ein Vertrauensbeweis, und dem versuche ich gerecht zu werden. Am Ende geht es darum, der Stiftung qualifizierten Rat zu geben. Das macht Arbeit, aber auch Freude. Ich kann mich dort gesellschaftspolitisch engagieren. Der Leitgedanke der Stiftung ist es, den Menschen Teilhabe an einer globalisierten Welt zu ermöglichen. Dazu muss der einzelne Mensch in allen Bereichen gefördert werden. Die Gesellschaft gilt es über ihre Institutionen zu stärken, aber auch politische Systeme bedürfen stets der Verbesserung. Das ist für mich als früherer Journalist eine wunderbare Möglichkeit, mich einzubringen.

Vermissen Sie den Journalismus?
Ich möchte nicht mehr zurück. Aber es gab Zeiten, wo ich ihn richtig vermisst habe. Am Anfang habe ich bei der Ufa noch als Producer weiterhin für das Polit-Magazin "Kennzeichen D" gearbeitet. Irgendwann musste ich mich dann entscheiden und habe es nie bereut. Wenn ich zu Hause alte Bänder von meinen Fernsehbeiträgen finde, werde ich aber manchmal nostalgisch und denke: Vielleicht hätte aus mir auch ein anständiger Journalist werden können ...

Zur Person:

Geboren 1950 in Stuttgart studiert Wolf Bauer nach dem Abitur Publizistik und Kunstgeschichte in München und Berlin. Schon während seines Studiums dreht Bauer Beiträge für das ZDF-Politmagazin "Kennzeichen D". 1980 steigt er als Produzent bei der Ufa Film & TV Produktion ein. Elf Jahre später wird er Vorsitzender der Geschäftsführung der Bertelsmann-Tochter. Unter seiner Führung entwickelt sich die Ufa mit ihren Tochterfirmen zu Deutschlands größtem Film- und Fernsehproduzenten ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Deutschland sucht den Superstar", "Dresden", "Sturmflut"). 2007 gründet Bauer die Ufa Cinema. Auf der Liste der Kino-Projekte stehen unter anderen die Verfilmungen der Bestseller "Der Medicus" von Noah Gordon, "Die Mittagsfrau" von Julia Franck sowie die Kinderbuchreihe "Hanni und Nanni" von Enid Blyton.

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