Wirtschaftsstudium Staatlich oder privat: Klausuren im Vergleich

Prof. Dr. Christoph Metzger hat zwei Klausuren einer staatlichen und einer privaten Hochschule miteinander verglichen - ohne die Herkunft zu kennen. Metzger ist Professor für Wirtschaftspädagogik und Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.

T. Farin, Ch. Parth | , aktualisiert

Ausgangsfrage

Stellen verschiedene Universitäten in sehr ähnlichen oder identischen Fachgebieten an die Studierenden gleich hohe Anforderungen? Sind Abschlüsse diesbezüglich gleich viel wert?
Dies sind Fragen, welche gleichermassen Studierende und Dozierende, aber auch Abnehmer von Universitätsabsolventen immer wieder und berechtigterweise stellen. Ein Indikator neben vielen andern für einen solchen Vergleich ist die Qualität von Prüfungen.

Ein exemplarischer Vergleich – und eine Einschränkung vorweg

Der Beurteiler wurde gebeten, schriftliche, wirtschaftswissenschaftliche Prüfungen zweier Universitäten, eingegrenzt auf zwei Fachgebiete des Grundstudiums, miteinander in Bezug auf deren Qualität zu vergleichen und zu beurteilen. Konkret lagen dem Beurteiler von zwei Universitäten je eine Prüfung in Accounting (Kostenrechnung) und in Marketing sowie die zugrunde liegende Modulbeschreibung vor, nicht jedoch durchgängig die Musterlösungen und gar nicht die Benotungsschlüssel.

Auch wenn, wie im Folgenden gezeigt, einige vergleichende Feststellungen gemacht werden können, muss gleich vorweg die Problematik eines interuniversitären Vergleichs adressiert werden. Es sind nur soweit identisch anspruchsvolle Prüfungen anzustreben, als auch die Basis, nämlich Unterrichtsprogramm und -realisierung einschliesslich der Lernbedingungen für die Studierenden identisch sind. Ein Vergleich müsste also eigentlich zunächst bei einem gründlichen Vergleich dieser Basis ansetzen. Da dies im vorliegenden Fall nicht möglich ist, geht es im Folgenden primär darum, die Qualität der Prüfungen jeder Universität bezogen auf deren Basis, namentlich die verfügbare Modulbeschreibung, zu beurteilen und interuniversitäre Vergleiche höchstens als Tendenzen zu qualifizieren.

Qualität von Prüfungen: Anforderungen an gute Prüfungen

Gute Prüfungen müssen in hohem Masse gültig und zuverlässig sein. Die Gültigkeit zu beurteilen heisst zu fragen: Erfasst die Prüfung wirklich das, was sie erfassen soll? Repräsentiert die Prüfung also jene Kompetenzen im Sinne von Wissen und Können in genügendem Masse, über welche die Studierenden gemäss Modulbeschreibung und dessen Realisierung in Unterricht und Selbststudium verfügen sollen? Die Zuverlässigkeit zu beurteilen heisst zu fragen: Erfasst die Prüfung das, was sie messen soll, möglichst ohne Messfehler, d.h. wird die Erbringung und Beurteilung einer Prüfungsleistung nicht durch Faktoren wie Zufall, Ungenauigkeit der Fragestellung, Störungen während der Prüfung, unpräzise Korrekturanleitungen, Vorurteile etc. verfälscht?

Die Konkretisierung dieser Kriterien wird aus dem folgenden Vergleich ersichtlich (s. zur Differenzierung auch: Metzger, C. & Nüesch, C. [2004]. Fair prüfen. Ein Qualitätsleitfaden für Prüfende an Hochschulen. Hochschuldidaktische Schriften Bd. 6. St. Gallen: Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen)

Beurteilung

1. Modulbeschreibung

Insgesamt kommt der Beurteiler zum Schluss, dass die Modulbeschreibungen beider Universitäten nur teilweise kompetenzorientiert formuliert sind. Soweit sie dies aber sind, sind sie an der Universität 2 aussagekräftiger formuliert. Die angegebene Literatur lässt vermuten, dass die Ansprüche an die Studierenden an der Universität 2 etwas höher als an der Universität 1 sind.

Dies sei ausführlicher begründet. In Marketing wird an beiden Universitäten nur der Inhalt grob umschreiben (Universität 1: Marketingstrategie und Marketing-Mix; Universität 2: Geschäftsfeldstrategien als Grundlagen für Entscheidungen bezüglich Produkte und Zielgruppen). Kompetenzen im Sinne von Können werden jedoch nicht definiert; immerhin wird im zweiten Fall ein entscheidungsorientierter Ansatz deutlich. In Accounting wird in beiden Fällen nicht nur der Inhalt grob umschrieben, sondern auch eine Kompetenz definiert. Allerdings ist die Formulierung „Anwendung gelernter Begriffe und Methoden der Kostenrechnung“ (Universität 1) weniger aussagekräftig als „Wissen über Konzepte der Kostenrechnung und Nutzung der Informationen zur Dokumentation, Kontrolle und Entscheidung“ (Universität 2). Bezüglich Literatur fällt auf, dass im ersten Fall nur jeweils ein Lehrbuch genannt wird, während im zweiten Fall eine breite Palette von Literatur aufgeführt wird, wobei allerdings nicht deutlich wird, wieweit was auch wirklich verpflichtende Grundlage darstellt.

Insgesamt sind die vorgelegten Modulbeschreibungen eine wenig differenzierte Basis für den nachfolgenden Vergleich der Prüfungen – ein solcher wird aber gleichwohl gewagt. Für die Konstruktion der entsprechenden Prüfungen sowie die Kommunikation der Prüfungsanforderungen an die Studierenden sind die Modulbeschreibungen an beiden Universitäten für sich allein betrachtet eine unzureichende Basis, sie dürften aber, so ist zu hoffen, durch Prüfungsmerkblätter, Unterrichtsmaterialien und schliesslich durch die Lehrveranstaltungen selbst verdeutlicht werden.

2. Inhaltliche Streuung der Prüfung

Für beide Universitäten kann festgestellt werden: In beiden Fachgebieten streuen die Aufgaben gut über die aus den Modulbeschreibungen erkennbaren Themen, auch wenn die Aufgabenzahl variiert (Universität 1: In beiden Fächern sind 5 Aufgaben in 90 Minuten zu lösen. Universität 2: In Accounting sind 6 Aufgaben in 60 Minuten, in Marketing 3 Aufgaben in 60 Minuten zu lösen).

3. Kognitives Anspruchsniveau der Prüfung

Auch wenn die Unterschiede in den Modulbeschreibungen berücksichtigt werden, sind aus Sicht des Beurteilers die Prüfungen der Universität 1 etwas weniger anspruchsvoll als jene der Universität 2, da im ersten Fall kaum höhere kognitive Prozesse wie etwa Analysieren, Evaluieren und Kreieren verlangt werden. Dies sei wiederum begründet.

Erinnern und Verstehen von Begriffen und Konzepten (d.h. Wiedergabe von Begriffen und Strukturen sowie deren Umschreibung, sei es theoretisch oder / und mittels Veranschaulichung an Beispielen) genügt an der Universität 1, um in Accounting mindestens die Hälfte oder in Marketing zwei Drittel der Prüfungsleistung zu erbringen. An der Universität 2 sind dies in Accounting ebenfalls 50%, in Marketing jedoch nur 40%.

Das Umgehen mit Wissen wird an der Universität 1 mittels quantitativ orientierter Anwendungsaufgaben (Berechnungen, Kalkulationen) geprüft, was in Accounting rund 50%, in Marketing etwa ein Drittel der Prüfungsleistung ausmacht. An der Universität 2 nimmt der Umgang mit Wissen im Fach Marketing einen bedeutend höheren Teil ein und scheint qualitativ anspruchsvoller zu sein (Beurteilen unternehmerischer Entscheidungen sowie fallbezogenes Kreieren eines Konzepts). In Accounting wird zusätzlich zur Anwendung quantitativen Verfahrenswissens auch die eigentliche Problembearbeitung und -lösung (Entscheidungen treffen aufgrund einer Deckungsbeitragsrechnung) gefordert.

4. Format der Prüfung

Gültigkeit und Zuverlässigkeit von Prüfungen werden auch durch die folgenden Aspekte des Prüfungsformats mitbestimmt.

Anweisungen und Aufträge

An beiden Universitäten erhalten die Studierenden klare Anweisungen zur Prüfung (Zeit, Hilfsmittel etc.). Unabhängig von der Bearbeitungsform (siehe unten) sind die Aufgaben verständlich und präzise gestellt; im besondern erfahren die Studierenden genau, welche Aufträge bzw. Prozesse sie zu erfüllen haben.

Bearbeitungsform

Es überwiegen klar so genannte Bearbeitungsaufgaben, d. h. Aufgaben, in denen die Studierenden selbst eine Antwort formulieren müssen. Insgesamt lässt die Universität 2 dabei etwas mehr Beantwortungsspielraum zu, was allerdings auch höhere Anforderungen an die zuverlässige, d.h. objektivierte Korrektur der Lösungen verlangt. Nur in Marketing der Universität 1 werden, zu einem Drittel gewichtet, sog. Auswahlaufgaben gestellt, d.h. Aufgaben, in denen die Studierenden unter vorgegebenen Antworten auswählen müssen. Diese werden fälschlicherweise als Multiple Choice Aufgaben bezeichnet, in Wirklichkeit handelt es sich um 30 voneinander unabhängige Richtig-Falsch-Aufgaben. Zu bemängeln ist dabei, dass für einen falschen Entscheid ein Minuspunkt vergeben wird, was zwar die Ratewahrscheinlichkeit verringert, jedoch ausser Acht lässt, dass Studierende, die nichts ankreuzen, nicht zwangsläufig besser sind als jene, die falsch ankreuzen – z.B. könnte jemand eine Aufgabe ja aus Zeitmangel auslassen.

Bei den Bearbeitungsaufgaben der Universität 1 handelt es sich erstens um Kurzantwortaufgaben („Definieren Sie ….“, „Erläutern Sie kurz ….“), zweitens und mehrheitlich um Aufgaben zur freien, aber eingeschränkten Bearbeitung („Berechnen Sie ….“, „Erklären Sie ….“). An der Universität 2 werden in Accounting Aufgaben zur freien, aber eingeschränkten Bearbeitung („Erklären Sie, weshalb …., „Geben Sie ein Beispiel ….“, „Berechnen Sie ….“) gestellt, welche allerdings im Vergleich zur entsprechenden Prüfung der ersten Universität etwas ausführlichere Antworten verlangen. In Marketing der Universität 2 werden Aufgaben zur freien, ausführlicheren Bearbeitung („Beurteilen und Argumentieren Sie …“, Stellen Sie unterschiedliche Verfahrensweisen dar….“, Entwerfen Sie Ideen….“) gestellt.

Bearbeitungszeit

Anzahl und Form der Aufgaben einerseits und zur Verfügung gestellte Zeit anderseits stehen überwiegend in einem „gespannten“ Verhältnis zueinander, was die Zuverlässigkeit der Prüfungen verringern kann. An der Universität 1 erscheint die vorgegebene Zeit in beiden Fachgebieten als knapp, was ein sehr zügiges Durcharbeiten der Aufgaben verlangt. Nur gerade für die genannten Auswahlaufgaben in Marketing wird eine grosszügige Rahmenzeit vorgegeben. An der Universität 2 erscheint die vorgegebene Zeit in Accounting als äusserst knapp, mindestens wenn man als Basis die hierzu vorliegende Musterlösung beizieht. In Marketing verlangen die breiter gestellten Aufgaben zumindest ein zügiges Denken im Sinne von Beurteilen und Kreieren.

Gesamturteil

Auch wenn die dem Vergleich der Prüfungen zugrunde liegenden Modulbeschreibungen wenig differenziert sind und nicht hinreichend über den jeweils vorangegangenen Lehr-Lernprozess aufklären können, wagt der Beurteiler folgende vergleichende Aussagen.

Alle vier analysierten Prüfungen sind insofern sehr gültig, als sie jeweils thematisch breit streuen. Klare Anweisungen und Aufträge tragen in allen Prüfungen zur Zuverlässigkeit bei. Diese wird, insgesamt stärker in Universität 2 als 1, durch hohen Zeitdruck während der Prüfungen gestört. 

Ein gewichtiger Unterschied lässt sich im Anspruchsniveau der Prüfungen von Universität 1 und 2 ausmachen. Im zweiten Fall werden anteilig mehr kognitiv anspruchsvolle Prozesse gefordert und über teilweise weiter gefasste Bearbeitungsaufgaben auch ermöglicht. Dieser Unterschied kann zwei Wurzeln haben: Schon die Anforderungen an die Studierenden im Lehr-Lernprozess sind etwas höher, oder selbst bei gleichen Anforderungen wird das Potential dieses Prozesses in den Prüfungen besser ausgeschöpft.

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