Wirtschaftskanzleien Honorare für Top-Anwälte schrumpfen

Für externe juristische Berater steigt der Wettbewerbsdruck, weil Unternehmen zunehmend versuchen, nicht mehr nach Stunden, sondern pauschal oder erfolgsbezogen abzurechnen. Wie eine aktuelle Umfrage der WirtschaftsWoche zeigt, sind die Stundenhonorare der Top-50-Kanzleien gesunken.

Claudia Tödtmann, Jörg Lichter / wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Kurt F. Dominik/Pixelio

Ins Gerede gekommen

Kürzlich rauschte es aufgeregt im Blätterwald: Der Ex-CDU-Politiker und Anwalt Friedrich Merz von der Frankfurter Kanzlei Mayer Brown habe für seine Bemühungen um den Verkauf der Düsseldorfer WestLB ein Tageshonorar von 5000 Euro kassiert. Die "Süddeutsche Zeitung" schlug in die gleiche Kerbe: Duisburg habe nach der Love-Parade-Katastrophe bei der Düsseldorfer Kanzlei Heuking Kühn ein Gutachten für 300.000 Euro in Auftrag gegeben – und müsse gleichzeitig aus Geldnot Schwimmbäder schließen.

Die auf den ersten Blick überteuerte Rechnung relativiert sich bei genauem Hinsehen: In Duisburg war ein neunköpfiges Team mehrere Monate lang am Werk, verteidigt Ute Jasper die Honorarhöhe. Die Heuking-Partnerin leitete das Love-Parade-Juristen-Team. Das Team habe "in Spitzenzeiten rund um die Uhr arbeiten müssen", rechnet auch die Stadt Duisburg vor, zu Stundensätzen zwischen 250 und 390 Euro bei insgesamt über 900 Stunden Zeitaufwand.

Im Fall Merz gibt die Kanzlei zwar keinen Kommentar – doch von der auftraggebenden WestLB hieß es, das Honorar sei nicht höher als das eines McKinsey-Beraters.

408 Euro pro Stunde für Partner

Was bei Laien immer wieder für einen Aufreger gut ist, entlockt Experten nur ein Gähnen. Die Honorarnote für Duisburg bewegt sich im Mittelfeld und geht völlig in Ordnung. Wie eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter den Top-50-Wirtschaftskanzleien in Deutschland ergab, liegt der Stundensatz eines Partners im Durchschnitt bei 408 Euro, die Spanne bei 300 bis 625 Euro. Für den Einsatz angestellter Anwälte verlangen die Kanzleien mit 220 bis 340 Euro deutlich weniger – im Durchschnitt 274 Euro.

Gegenüber 2009 sind die Honorare damit um rund fünf Prozent gesunken. Damals lagen die Stundenhonorare für Partner im Schnitt bei 428 Euro, für angestellte Anwälte bei 288 Euro. Entsprechend ist auch der Gesamtumsatz der Top-50-Kanzleien zwischen 2009 und 2010 um vier Prozent gesunken – von 3,61 auf 3,49 Milliarden Euro.


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Abrechnung im Minuten-Takt

Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich auch regionale Unterschiede, sagt Heuking-Partnerin Jasper: In Hamburg etwa seien die Sätze niedriger als in Frankfurt oder Düsseldorf. Trotzdem: Top-Unternehmensberatungen verdienen mehr.

"Für Partner werden Tagessätze von rund 6000 Euro berechnet, für angestellte Berater von 3000 Euro", vergleicht Dietmar Fink, Professor an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und Experte für Unternehmensberater. Dafür werkeln die Strategieberater aber auch länger – manchmal 12 oder 16 Stunden, ohne dass sie dafür Aufschläge berechnen.

Juristen rechnen dagegen akribisch ab: Laut WirtschaftsWoche-Umfrage rechnen 60 Prozent der Law Firms (Kanzleien) im Sechs-Minuten-Takt ab, bei einigen klickt die Uhr alle 15 Minuten, bei anderen gar im Minutentakt. 83 Prozent aller Abrechnungen erfolgen auf Stundenhonorarbasis, der Rest über die gesetzliche Gebührenordnung oder pauschal. Noch.

Immer öfter wird Rabatt verlangt

Denn bei den Rechtsberatern wächst der Wettbewerbsdruck: Viele Unternehmen haben ihre Budgets für externe juristische Berater gesenkt. Und wie es in den den USA schon länger Trend ist, versuchen auch hiesige Unternehmen, statt Stundenhonoraren lieber Pauschalen, gedeckelte oder erfolgsbezogene Honorare zu vereinbaren. Etliche Kunden verlangen von vornherein Rabatt – manche pauschal 10 Prozent, andere gestaffelt, etwa 15 Prozent ab 100.000 Euro Umsatz.

"Immer öfter sitzt beim Pitch um eine Mandatsvergabe auch die Einkaufsabteilung mit am Tisch", berichtet Markus Meier, Partner bei Hengeler Mueller in Frankfurt. Das kratzt am Image der Elite-Advokaten, die sich bislang als Berater der Vorstände auf Augenhöhe sahen.


Foto: Kurt F. Dominik/Pixelio

Kampfpreise retten Umsätze

Selbst bei anspruchsvollen Großmandaten, wo der Preis früher kaum eine Rolle spielte, werde heute gefeilscht, bedauert ein Düsseldorfer Anwalt. Die Juristen kontern die Sparbemühungen ihrer Kunden: Mal wollen sie die Zahl der Mandantenbesprechungen begrenzen oder die der Bieter in einem Bieterverfahren.

Empörung herrscht unter den Top-Juristen über diejenigen, die versuchen, mit Kampfpreisen ihre Umsätze zu retten: Selbst manch einer unter den sechs größten Kanzleien sei sich dafür nicht zu schade, wenn man ein klangvolles Mandat im Portfolio haben wolle, erzählt Hengeler-Anwalt Meier. "Aber die schicken dann eben auch nicht die erste Garde", weiß Branchenkollegin Jasper.

Profitable Ausnahme sind nach Jaspers Einschätzung Compliance-Mandate, also etwa Verfahren wegen Korruption. Wenn es in einem Unternehmen lichterloh brenne, etwa weil das Kartellamt wegen Preisabsprachen mit Bußzahlungen drohe, Bestechungen oder Embargoverstöße nachgewiesen würden, rede keiner mehr über Geld. Da sei das Motto eher, so Jasper: "Guter Rat mag teuer sein, schlechten können wir uns aber jetzt erst recht nicht leisten."

So war es zum Beispiel im Fall des Industriedienstleisters Ferrostaal aus Essen, der einen dreistelligen Millionenbetrag an Schmiergeldzahlungen im eigenen Unternehmen befürchtete: Für ein Honorar von 77 Millionen Euro befragte die US-Kanzlei Debevoise & Plimpton 177 Mitarbeiter quer durch alle Hierarchiestufen – um am Ende nur 8,82 Millionen strafrechtlich relevante Bestechungsgelder zu finden.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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