Wirtschaft Kurzarbeit: Die Krise ist Schuld

In der Krise setzen viele Unternehmen auf Kurzarbeit. Eine neue Erfahrung für junge Arbeitnehmer. Sie kannten bislang nur den Höhenflug der Wirtschaft. Aussitzen oder lieber doch Umschulen? Karriere.de informiert Sie über die wichtigsten Punkte zum Thema Kurzarbeit.

Gero Brandenburg | , aktualisiert

Die Leopoldstraße in Schwabing und der Englische Garten sind die Lieblingsorte von Pia Knipping, wenn sie Freizeit hat. Die 24-Jährige hat momentan viel freie Zeit. Sie ist auf Kurzarbeit, schon seit Anfang April. Ihr Arbeitgeber, der Chiphersteller Infineon, hat die Arbeitszeiten seiner rund 4000 Mitarbeiter in der Konzernzentrale in München um durchschnittlich 20 Prozent reduziert. Ein Fünftel weniger Arbeitszeit, das ist ein Tag pro Woche. Zwar sorgt der staatliche Zuschuss dafür, dass Knipping nur sechs Prozent vom Nettoeinkommen verliert.

Komisches Gefühl

Manchen Kollegen, etwa im Werk Regensburg, trifft es härter. Dennoch sagt sie: "Für mich ist die Schmerzgrenze erreicht." So wie Knipping geht es derzeit zahlreichen Arbeitnehmern in Deutschland. Rund 1,1 Millionen Kurzarbeiter meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA) Anfang Juni. Hunderte Unternehmen, darunter Großkonzerne wie Siemens, Daimler und Thyssen-Krupp, haben ihre Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt. Die Flaggschiffe der deutschen Wirtschaft leiden ebenso unter der Krise wie der Mittelstand.

Für viele junge, gut ausgebildete Arbeitnehmer ist es ein komisches und beunruhigendes Gefühl. Als sie ihren Abschluss machten, war die Konjunktur noch im Höhenflug. Die Unternehmen konnten gar nicht genug Nachwuchs rekrutieren. Und den Absolventen selbst, vor allem den Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern, schienen beruflich kaum Grenzen gesetzt. Die Wirtschaftskrise hat sie ausgebremst. Immerhin: Pia Knipping wurde nicht überrascht. Sie wusste, was kommen würde. Infineon geht es seit geraumer Zeit nicht gut. Der Konzern ist erst vor wenigen Monaten aus dem Dax geflogen und schreibt tiefrote Zahlen.

Anfang 2009 meldete das Unternehmen Kurzarbeit für die Standorte in Dresden und Regensburg an. Dass die Zentrale in München folgen würde, war klar. "Ich war seelisch vorbereitet", sagt Knipping. Die junge Betriebswirtin muss zwar Einbußen hinnehmen, behält aber ihren Arbeitsplatz. Das Unternehmen spart Lohnkosten und will so durch die Krise kommen. Nicht jeder Arbeitgeber kann aber Kurzarbeitergeld bei der BA beantragen.

Die Voraussetzungen: Der Arbeitsausfall darf nur vorrübergehend sein, er muss mindestens ein Drittel der Beschäftigten betreffen und es müssen mindestens zehn Prozent des monatlichen Bruttogehalts entfallen. Ulrike Barkow, Fachanwältin für Arbeitsrecht, nennt einen weiteren wichtigen Punkt: "Der Arbeitgeber muss nachweisen, dass er alle zumutbaren Vorkehrungen getroffen hatte, um den Arbeitsausfall zu verhindern." Pia Knipping spricht offen über ihre Situation. Sie ist damit ein Einzelfall.

Viel Geld für wenig Arbeit

Andere Betroffene wollen nur anonym Auskunft geben, Steffen Bergmann (Name geändert) zum Beispiel. Der 32-jährige Wirtschaftsingenieur ist seit fünf Jahren bei einem großen Maschinenbauer in Baden-Württemberg angestellt. Kurz vor Weihnachten wurden alle Mitarbeiter informiert und die Kurzarbeit schrittweise eingeführt. Die Auftragsbücher sind leer und Bergmann ist deshalb seit Februar nur noch fünf Tage pro Monat im Betrieb, 25 Prozent seiner normalen Arbeitszeit.

Der IG-Metall-Sondertarifvertrag und BA-Geld sichern ihm dennoch 93 Prozent seiner Netto-Einkünfte. Das sind fast 2300 Euro. Viel Geld für wenig Arbeit. Bergmann, ledig und ohne Kinder, sagt: "Stimmt, das hört sich super an." Und das ist es auch - noch. Seine neue Freizeit nutzt er für Radtouren und Golf spielen. Seinem Vater hilft er beim Ausbau der Wohnung. Er liest Fachartikel und versucht, sich privat weiterzubilden. Seine Devise: bloß nicht hängen lassen und Trübsal blasen. "Bringt ja nichts", sagt er.

Nach neuen Jobs schaut er nicht. "Innerhalb der Branche zu wechseln, ist im Moment aussichtslos." Also wartet er ab. Und hat, wie man es vom Schwaben erwarten darf, einen großen Wunsch: "Ich will endlich mal wieder was schaffen." Über einen Mangel an Arbeit kann Claudia Hanke derzeit nicht klagen. In der Krise haben Personalreferenten wie Hanke viel zu tun. Die 27-jährige Sozialwissenschaftlerin hat für ihren Arbeitgeber, den Autozulieferer Baumann, im März Kurzarbeit anmelden müssen. Der Mittelständler im oberpfälzischen Amberg beschäftigt 200 Mitarbeiter.

Jeder fünfte ist in der Produktion und kann nur noch 60 Prozent arbeiten. Hankes Büro ist gut besucht, der Informationsbedarf ist groß. Sie selbst ist erst seit einem Jahr im Betrieb, jetzt ist ihr Krisenmanagement gefragt. Was tun mit Kollegen, denen die Arbeit ausgegangen ist? Hanke prüft die Arbeitszeitkonten, rät zu Elternzeit, bietet Weiterbildungen an. Alles stets in enger Absprache mit der Arbeitsagentur. Sie sagt: "Noch ist die Stimmung bei uns ganz gut." Und wenn die Krise anhält und die Aufträge ausbleiben? "Wir hoffen alle auf bessere Zeiten." *Name geändert

Was zahlt der Staat?

Um Kündigungen zu vermeiden, können Unternehmen Kurzarbeitergeld (KUG) beantragen. Das Kug wird maximal 24 Monate von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gezahlt. Die Beschäftigten erhalten 60 Prozent (mit Kind 67 Prozent) ihres Nettogehalts für die ausgefallene Arbeitszeit. Fiktives Beispiel: Der Ingenieur Max Müller, 28, ist ledig und ohne Kind. Er verdient mit Steuerklasse I 4000 Euro im Monat, davon bleiben ihm netto 2223,69 Euro. In Kurzarbeit ist er nur 50 Prozent der üblichen 40 Arbeitsstunden tätig. Diese Zeit bekommt er vom Arbeitgeber auch bezahlt. Das sind 1313,01 Euro. Für die andere Hälfte der Zeit erhält er den BA-Zuschuss: 60 Prozent vom Netto, also 546,41 Euro. Insgesamt bekommt er also 1859,42 Euro. Und er behält den Job.

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