Wirtschaft Aufschwung überrascht Arbeitsmarktprofis

Keiner kennt den Arbeitsmarkt so gut wie sie. Und trotzdem sind auch die Experten der Bundesagentur für Arbeit vom Frühjahrsaufschwung überrascht worden - und zwar positiv. Der Arbeitsmarkt blüht auf. Doch die Experten bleiben trotzdem skeptisch.

dpa | , aktualisiert

Andere hätten an seiner Stelle wahrscheinlich die Sektkorken knallen lassen. Doch überschwängliche Emotionen gehören nicht zum Stil von Frank-Jürgen Weise. Stattdessen kommentiert der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA) die jüngsten Arbeitslosenzahlen gewohnt zurückhaltend als „erfreuliche Entwicklung“. Dabei hat der Rückgang um 162 000 auf 3,406 Millionen selbst die Profis in der Nürnberger Bundesbehörde überrascht.

Zwar verblüffen die Arbeitsagenturen seit Monaten mit unerwartet robusten Zahlen. Doch selbst optimistische Volkswirte hatten diesen Sprung nicht für möglich gehalten. „Auf dem Arbeitsmarkt hat es im April einen unerwartet deutlichen Frühjahrsaufschwung gegeben“, erklärt Weise die Entwicklung. Nach dem langen und frostigen Winter stellen Baufirmen, Landwirte und Gärtnereien nun erneut ein. Hinzu kommt die anziehende Konjunktur, die so mancher Firma wieder die Auftragsbücher füllt. Die Arbeitslosenquote sank deshalb um gleich 0,4 Punkte auf 8,1 Prozent.

Arbeitsmarkt von Wirtschaft abgekoppelt

„Der Arbeitsmarkt hat sich in gewisser Hinsicht von der etwas unsicheren Einschätzung der Wirtschaftslage abgekoppelt“, beschreibt Weise das Phänomen des „deutschen Jobwunders“. Gründe dafür seien die nun greifenden Konjunkturprogramme der Bundesregierung, der Aufschwung in manchen Branchen sowie die Entscheidung der Unternehmer, wegen des demografischen Wandels ihre erfahrenen Fachleute nicht zu entlassen. Hinzu kommt natürlich noch die Kurzarbeit, auf die gebeutelte Firmen gleich massenhaft zurückgegriffen haben.

Doch es gibt noch einen anderen Grund für die guten Zahlen: Die BA erfasst die Arbeitslosen inzwischen nach engeren Kriterien. 170 000 Menschen sind deshalb bislang aus der Statistik verschwunden. Nach der alten Zählweise wäre die Arbeitslosenzahl im April im Vergleich zum Vorjahr also nahezu konstant geblieben.

Unterbeschäftigung gleichgeblieben

Dass diese Betrachtungsweise realistischer ist, unterstreicht auch die Entwicklung der Unterbeschäftigung, die auf Jahressicht ebenfalls auf dem gleichen Niveau geblieben ist. Als unterbeschäftigt gelten neben Arbeitslosen etwa auch Ein-Euro-Jobber, Kranke oder über 58- Jährige, die innerhalb von zwölf Monaten kein Jobangebot bekommen haben.

Zwei weitere Faktoren dürften die Freude des BA-Chefs über die April-Zahlen dämpfen. Zum einen liegt die Erwerbstätigkeit - das statistische Spiegelbild der Arbeitslosigkeit - nach den jüngsten Daten vom März mit 39,91 Millionen noch immer um 86 000 unter dem Vorjahreswert. Zum anderen wäre diese Lücke wesentlich größer, wenn nicht eine Zunahme von Teilzeitjobs den Rückgang bei den Vollzeitbeschäftigungen zum Teil ausgeglichen hätte.

Über die zukünftige Entwicklung herrscht deshalb Unsicherheit. Selbst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CSU), die den deutschen Arbeitsmarkt als „Fels in der Brandung“ lobt, warnt: „Ohne die Entlastung durch die Kurzarbeit stünde der Arbeitsmarkt auch in dieser April-Bilanz nicht so gut da. Im Umkehrschluss bedeutet das: Bei zunehmender wirtschaftlicher Erholung werden Unternehmen zunächst nur zurückhaltend einstellen.“

Hinzu komme die schwer einzuschätzende Lage der Weltwirtschaft. Auch die in Europa engagierten Unternehmen müssten mit Unbekannten wie Länderrisiken, dem Verhalten der Banken, dem Zugang zu Firmenkrediten und der Solvenz von Exportkunden kalkulieren. Von der Leyens Fazit: „Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist gut, aber wir sind noch nicht über den Berg.

Nach 24 Wochen neuer Job

Doch es gibt Lichtblicke. Da ist etwa der spürbare Rückgang bei der Kurzarbeit selbst. Während beim bisherigen Höchststand im Mai 1,516 Millionen Menschen kürzer als gewohnt gearbeitet hatten, waren es nach jüngsten Schätzungen Anfang dieses Jahres nur noch 850 000. Und: Selbst wer arbeitslos wird, ist das in der Regel nicht lange.

„Das ist nicht dieser monolithische Block. Hinter den Beständen am Arbeitsmarkt verbirgt sich eine ganz, ganz enorme Dynamik“, hatte der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Joachim Möller, kürzlich gesagt. Im Schnitt fangen die Betroffenen nach 24 Wochen wieder bei einem neuen Arbeitgeber an.

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