Willkommene Azubis Lehrjahre mit einem gewissen Etwas

Azubis von heute wollen mehr, als nur einen Beruf zu erlernen. Sie wollen sehen, wie das Leben mit Beruf funktioniert. Da müssen Betriebe noch umdenken. Der Wissenschaftler Ernst Deuer weiß, worauf es beiden Seiten ankommt.

Nora Schareika, wiwo.de | , aktualisiert

Lehrjahre mit einem gewissen Etwas

Lehrjahre im Wandel

Foto: peshkova/Fotolia.com

Es gibt höchst unterschiedliche Erklärungen für die hohe Abbrecherquote bei Auszubildenden – je nachdem, wen man fragt. Gibt es zwischen Azubis und Ausbildern ein großes Missverständnis?

Es ist ein klassischer Konflikt. Fragen Sie Ausbilder, nennen diese Leistungs- und Motivationsprobleme bei den Auszubildenden sowie deren falsche Vorstellungen bei der Berufswahl als Gründe. Fragt man die Auszubildenden, nennen sie häufig Probleme im Betrieb als Grund für den Ausbildungsabbruch, häufig hängen diese Probleme mit der Person des Ausbilders zusammen. Selten haben sie Probleme in der Berufsschule oder im privaten Bereich.

Wie kommen wir aus diesem Konflikt heraus? Haben beide Seiten ein bisschen Recht?

Natürlich, weil es alle diese Fälle gibt. Es kommt vor, dass motivierte Ausbilder an ihre Grenzen stoßen, weil sie die Erwartungen der jungen Menschen nicht treffen. Wenn die sich schon anders orientiert haben, kann man nichts mehr machen. Auf der anderen Seite gibt es junge Menschen, die durchaus motiviert in die Ausbildung kommen, auch viele Erwartungen hineinstecken. Wir wissen, dass die Berufsperspektive eine große Rolle spielt und die Azubis sich vorher viele Gedanken machen. Sie gehen in vielen Fällen sehr ernsthaft an die neue Aufgabe heran – und treffen auf Betriebe, die die Lehrjahre nach alter Tradition als "keine Herrenjahre" sehen. Da heißt es dann: Da muss man erstmal durch, nach drei Jahren sehen wir weiter. Aber drei Jahre durchhalten, zurückzustecken und dann mal sehen – das trifft immer weniger die Erwartungshaltung der jungen Menschen. Und das ist irgendwie sogar nachvollziehbar.

ZUR PERSON

Der BWL-Professor Ernst Deuer lehrt an der Wirtschaftsfakultät der DHBW Ravensburg Personalmanagement und Mitarbeiterführung. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit dem Ausbildungswesen.
Sind junge Leute heute weniger durchhaltefähig?

Die Jugendlichen sind nicht verweichlicht. Eher haben sich die Verhältnisse geändert. Die Vorstellung, drei Lehrjahre lang den Mund zu halten, fand noch keine Generation besonders reizvoll. Der Unterschied ist, dass die Jugendlichen aufgrund des demografischen Wandels heute eher in der Situation sind, auch mal wählen zu können – den Betrieb, den Beruf. Und das tun sie auch.

Was kann man tun, damit die Ausbildung eine ernsthafte Vorbereitung aufs Berufsleben bleibt und die Jugendlichen trotzdem gerne dabeibleiben?

Das ist kein Widerspruch. Der Anspruch von den Jugendlichen ist nach meinen Eindrücken überhaupt nicht so, dass Ausbildung ein Schongang sein müsste. Unterforderung ist mit das Schlimmste, was man jungen Menschen antun kann. Es gibt aber immer noch die "Kaffeekoch-Karrieren" oder dass der Azubi so mitläuft, als Handlanger gern gesehen ist, der Ausbilder ihn an die eigentlichen Herausforderungen aber viel zu spät oder gar nicht heranlässt. Das ist die größte Entmutigung, die Jugendliche erleben können.

Was sollten Ausbilder ihren Azubis bieten, um die Stellen attraktiver zu machen?

Grundsätzlich müssen die Ausbildungsbetriebe und das Ausbildungspersonal sich etwas einfallen lassen, um attraktiv zu erscheinen bei der Entscheidung für den Betrieb, aber auch, wenn es darum geht, dass die Azubis bleiben und eine Perspektive sehen. Work Life Balance ist da ein ganz wichtiges Stichwort. Es gibt ganz deutliche Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung, dass Privates und Berufliches sich gut vereinbaren lassen, und dem Entschluss, die Ausbildung im gewählten Betrieb abzuschließen. Man muss verstehen, dass auch junge Menschen Zeit als Budget wahrnehmen. Deshalb sollte die Zeit in der Berufsschule und im Betrieb durch gute und sinnstiftende Aufgaben attraktiv gestaltet werden. Das bedeutet in Berufsfeldern wie Handel, Hotel- und Gastronomiewirtschaft auch, beispielsweise auf die Arbeitszeiten zu achten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass dort die Abbrecherquoten besonders hoch sind.

Was wissen Sie über die grundsätzlichen Erwartungen von Jugendlichen an ihre Ausbildung? Sind die teilweise unrealistisch?

Wenn wir fragen, was Motive für die Entscheidung für eine Ausbildung sind, dann sind das eigentlich keine überraschenden, sondern nachvollziehbare, klassische Argumente. Da geht es darum, dass man noch durch die Schule begleitet wird und gleichzeitig schon durch die betriebliche Verankerung eine andere Lebenswelt kennenlernt. Auszubildende erwarten sich Perspektiven in Form einer betrieblichen Übernahme, wobei die nicht garantiert sein muss. Es reicht das Gefühl, dass jemand bei guter Leistung eine gute faire Chance hat, sich weiterzuentwickeln und dabeizubleiben. Die Erwartungen mögen im einen oder anderen auch mal unrealistisch sein, weil ja auch noch eine Rolle spielt, was der jeweilige Kandidat an Fähigkeiten mitbringt.

Wie sieht es mit der Vergütung aus? Ist die fair und angemessen?

Das ist natürlich immer eine spannende Frage. Fragen Sie Azubis, fallen die Antworten kritisch aus. Aber man kann nicht sagen, dass nur die Höhe ausschlaggebend ist. Wo das Gehaltsniveau höher ist, ist nicht automatisch die Abbrecherquote geringer. Es wäre zu einfach gedacht, einfach die Vergütung zu erhöhen. Es ist eine subjektive Wahrnehmung, ob ich mich gerecht entlohnt fühle.

Haben nur bestimmte Branchen ein Problem mit vielen Abbrechern?

Betroffen ist vor allem das Handwerk, die freien Berufe, Hauswirtschaft, Landwirtschaft, aber auch der ganze Bereich Industrie und Handel mit seinen kaufmännischen Arbeitsplätzen hat nur eine leicht unterdurchschnittliche Abbrecherquote. Der einzige Bereich, der auffällt, ist der öffentliche Dienst, der deutlich niedrigere Abbruchquoten hat. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass die Jugendlichen, die sich für eine Laufbahn dort entscheiden, das aus sehr abgewogenen Gründen getan haben und sich dadurch stärker gebunden fühlen. Wenn ich innerhalb der Branchen schaue, tun sich dort deutliche Streuungen auf. Es ist nicht so, dass im Handwerk, in Industrie und Handel alle Bereiche betroffen wären. Im Bankberuf haben wir Abbrecherquoten von sechs bis sieben Prozent, im Einzelhandel 20 bis 30 Prozent.

Welche Rolle spielt die Integration von Geflüchteten bei diesen Zahlen? Es wird ja immer wieder behauptet, die hohe Abbrecherzahl hätte damit zu tun.

Der jetzige Anstieg ist nicht auf die Geflüchteten zurückzuführen. Der Anteil von Auszubildenden aus dieser Gruppe ist zu gering. Bis sich das in einer Statistik mit fast 600.000 Azubis wiederfindet, ist es ein langer Weg.

Haben die vielen Projekte versagt, die die Abbrecherquoten senken sollten?

Ich will da nicht den Projekten die Schuld geben. Es ist einfach das typische Schicksal von Projekten: Drei Jahre lang wird ein guter Job gemacht, danach wird die Finanzierung eingestellt und man geht zur Tagesordnung über. Insofern ist es ein schwieriger Prozess, das Problem in den Griff zu kriegen. Es müsste ein dauerhafter Prozess sein, der branchenübergreifend und überregional greift und umsetzbar ist. Da stoßen wir an Grenzen.

Brauchen Ausbilder ein interkulturelles Training oder ist das zu viel verlangt?

Diversity Management oder interkulturelles Training für Ausbilder sind eine Facette von vielen möglichen Maßnahmen, aber sicherlich eine wichtige. Dem Ausbildungspersonal kommt eine wichtige Rolle zu. Je mehr Verständnis für Individualität vorhanden ist, je mehr Sensibilität geweckt wird, auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, umso mehr Chancen habe ich, die Signale zu erkennen und darauf einzugehen. Dann kann ich in vielen Einzelfällen konkret im Betrieb präventiv eingreifen, bevor es zu spät ist.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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