Wikifolio-Gründer Andreas Kern Innovative Börsengeschäfte

Der studierte Wiener Mathematiker und gelernte Börsenhändler Andreas Kern, 38, hat zusammen mit zwei Kompagnons, dem Unternehmensberater Herbert Lackner und dem Rechtsanwalt Peter Stock, die innovative Online-Plattform Wikifolio.com ins Leben gerufen, die derzeit als Beta-Version läuft. Im Juli ist offizieller Startschuss für den Börsenzertifikatshandel in Web2.0-Manier.

Interview: Anne Koschik | , aktualisiert


Foto: Kzenon/Fotolia.com

Welche Gründeridee steckt hinter Wikifolio.com?

Andreas Kern: Das ist einfach zu erklären: Ich war beruflich lange im Bankenbereich tätig mit einem Tagespensum von zehn bis 12 Stunden, sodass ich kaum Zeit für meine persönlichen Finanzangelegenheiten hatte. Als ich im Jahr 2008 eine kleinere Geldsumme anlegen wollte, war ich schockiert über die Empfehlungen der Banken. Zum Beispiel sollte ich mich bei einem Zertifikat, in das ich 5000 Euro investieren wollte, durch 300 Seiten Bedingungen kämpfen. Da hab ich mir gedacht, dass sowas auch einfacher gehen muss – und zwar mit Hilfe von Social Media und dem Web 2.0.

Finanzgeschäfte sind aber sehr privat. Diese über eine Community abwickeln zu wollen, wirkt doch etwas weit hergeholt.

Genau das finde ich nicht: Bereits heute nutzen rund 50 Prozent aller Haushalte Online-Banking. Und warum soll nicht eine Gemeinschaft von Gleichinteressierten, die wenig Zeit und Erfahrung hat, einem erfahrenen Anleger folgen, der das Wissen hat und es weitergeben will?

Vertrauen und Sicherheit wären zwei Stichworte.

Hinter Wikifolio steckt ein Team, das auf Kreativität und vor allem auf Erfahrung setzt. Letzteres ist für ein Startup eher untypisch – nicht zuletzt, weil Professionals mit langjährigem Wissen und Weitblick meist ihre hochdotierten Jobs nicht verlassen wollen. Aber Finanzdienstleistungen sind kompliziert, ohne entsprechende Vorkenntnisse geht es bei uns nicht.

ist eine innovative Anlegerplattform, die im Juli 2012 startet. Auf ihr können Trader ihre Anlagestrategien veröffentlichen – in so genannten Wikifolios. Anleger können in diese Wikifolios investieren. Inhaber von wikifolio.com ist die Wikifolio Financial Technologies GmbH mit Hauptsitz in Wien und einer Zweigniederlassung in Köln.




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Und was bedeutet das konkret für Ihr Geschäftsmodell?

Da wir ein erfahrenes Team sind, wissen wir, worauf es ankommt. Wer bei uns sein Geld anlegen will, hat sein Konto bei dem ihm vertrauten Online-Broker. Wikifolio muss keine sensiblen Daten abfragen oder preisgeben. Andererseits lebt Wikifolio von vollständiger Transparenz: Der Händler muss sein bisheriges Trading komplett offenlegen, seine Handelsstrategie und die Ergebnisse erläutern.

Um bei Wikifolio als Trader einzusteigen, muss er sich über einen Fragebogen und mit seinem Ausweis legitimieren. Bevor er richtig loslegen kann, muss er mindestens 21 Tage bei uns handeln und mindestens zehn Follower finden, die unverbindliche Vormerkungen für ihn abgeben. Erst dann wird aus seiner Handelsstrategie ein Zertifikat auferlegt, ein "Wikifolio Index Zertifikat" mit Wertpapierkennnummer (WKN). Das wird über unsere Wertpapierhandelsbank Lang & Schwarz emittiert, die mit allen wichtigen Online-Brokern verbunden ist.

Was soll daran besser sein als beispielsweise einer Fondsbeteiligung, die über die Hausbank abgewickelt werden kann? Wo liegt der Gewinn?

Prinzipiell bietet der Markt und das Internet mit allen wichtigen Informationen Banken und privaten Tradern heute eine gleich gute Performance. Die Banken sind also nicht mehr im Vorteil. Die Innovation unserer Idee liegt in vier Punkten:

  1. Die Handelsstrategie ist bei jedem führenden Online-Broker handelbar – und das ist neu in der Welt.

  2. Unserem Geschäftsmodell liegt ein faires Gebührenmodell zugrunde: Wir erheben für Anleger eine jährliche Zertifikategebühr mit knapp unter einem Prozent, die tagesgenau abgerechnet wird, und eine Performancegebühr zwischen fünf und 30 Prozent, die in der Strategie festgeschrieben ist und nur bei Gewinn fällig wird. Trader müssen nichts bezahlen, ihr Gewinn ist ein Teil der Performancegebühr.

  3. Wer Geld anlegen will, ist völlig flexibel, kann jederzeit ein- und aussteigen.

  4. Wir garantieren Transparenz in Echtzeit. Verglichen mit Hedgefonds zum Beispiel erfahren Anleger unmittelbar, wann der Trader Umschichtungen vornimmt.





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Das klingt zunächst beeindruckend. Aber rund vier Jahre hat es von der Idee bis zur Marktreife gedauert. Konnten Sie eingefleischte Fachleute von dem Konzept nicht so schnell überzeugen?

Doch. Wir haben lange recherchiert, am Modell gefeilt und Marktforschungen betrieben. In Deutschland konnten wir klar feststellen, wie unzufrieden die Leute mit den Banken und ihren Produkten waren. Sie machten sich Sorgen um ihr Geld, zeigten sich aufgeschlossen für Neues, hatten aber Angst – das war unser Ansatz. Denn hier steuern wir mit Transparenz dagegen.

Auch mit Bankvorständen haben wir gesprochen, von denen wir viel Rückenwind für die Idee und unsere Marktchancen bekamen. Manche waren wie vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht selbst darauf gekommen waren. Aber es gab große Herausforderungen, sowohl technische als auch rechtliche. Unser Geschäftsmodell dem Kreditwesengesetz unterzuordnen war das größte Problem. Und wir benötigten gute Partnerschaften. Dann kam die Finanzkrise: Die Banken zeigten sich damals wenig gesprächsbereit für derartige Innovationen. 2010 war unser Modell fix.

Wie viel Geld steckt in der Entwicklung?

Ein hoher einstelliger Millionenbetrag, der zu einem großen Teil – aber weniger als 50 Prozent – aus Eigenkapital finanziert wurde. Hinzu kommen Darlehen und Förderungen sowie Fachleistungen, etwa Gehaltsverzicht.


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Haben Sie auch an Businessplan-Wettbewerben teilgenommen?

Ja, im Herbst 2011 sind wir als Sieger aus dem österreichischen Startup-Contest hervorgegangen. Zudem profitieren wir davon, dass einige unserer Gesellschafter als Business Angel aktiv waren. Außerdem hat sich die VHB Digital, der Inkubator der Verlagsgruppe Handelsblatt, beteiligt – und zwar noch bevor wir den Wettbewerb gewonnen haben.

Wann rechnen Sie mit dem Turn-around?

Den wollen wir innerhalb von zwei Jahren schaffen. In dieser Zeit wollen wir das Unternehmen ausrollen: Nach dem Start im Juli in Deutschland fokussieren wir uns zunächst auf Österreich, später sollen weitere europäische Länder hinzukommen.

Woraus schöpfen Sie Ihre Hoffnungen?

Zurzeit läuft der Wikifolio-Cup: Ziel dieses – noch bis zum 30. Juni ausgetragenen – Wettbewerbs ist es, die zehn besten Trader Deutschlands zu finden. Das Ganze läuft bereits in Kooperation mit dem Online-Sparkassen-Broker über unsere Plattform. Schon jetzt sind dort über 1000 Strategien gelistet.

Fürchten Sie nicht, dass sich die Griechenlandkrise wiederum negativ auf Ihren Start auswirkt?

Nein. Sie hat im Wikifolio-Cup bei den Strategien zwar einiges durcheinandergewirbelt. Aber Wikifolio bildet auch ab, was alles möglich ist. Unseren Skeptikern sage ich immer: 70 Prozent der im Wikifolio-Cup vorgeschlagenen Handelsstrategien performen besser als der Dax-Index.

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