Whistleblower Lizenz zum Verpfeifen

Der Europäische Gerichtshof schützt Mitarbeiter, die berechtigte Kritik an ihrem Unternehmen öffentlich machen. In den Augen ihrer Arbeitgeber gelten sie schnell als Denunzianten, obwohl sie auf ernsthafte Missstände hinweisen.

Manfred Engeser, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: joejoe77/SXC

Schutz vor der Arbeitgeber-Willkür

15.000 Euro – so hoch ist die Entschädigung, die Brigitte Heinisch vom Europäischen Gerichtshof zugesprochen bekommt. Der Grund: Die 50-Jährige Krankenpflegerin war von ihrem Arbeitgeber, einem Berliner Pflegeheim, zu unrecht gekündigt worden, weil sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das Pflegepersonal überlastet sei und deshalb unter anderem die hygienische Versorgung der Patienten nicht mehr möglich sei.

Erst brachte sie ihre Hinweise intern vor, dann öffentlich per Flugblatt und Strafanzeige. 15.000 Euro – eine eher symbolisch zu verstehende Summe, die aber große Wirkung haben wird – weil das Urteil des Europäischen Gerichtshofs grundsätzlich klar stellt: Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt mehr als die Notwendigkeit, den Ruf des Arbeitgebers zu schützen.

Vulgo: Das Gericht erteilt die Lizenz zum Verpfeifen, neudeutsch Whistleblowing. Und das ist auch gut so.

Zugegeben: Wer aus niederen Motiven handelt – persönlicher Rache, Geldgier, krimineller Energie – sollte sich auch künftig nicht unter dem Deckmäntelchen der Ethik verstecken dürfen. Dass aber Whistleblower wie Brigitte Heinisch vor der Willkür ihrer Arbeitgeber geschützt werden, ist sinnvoll.

Denn nur wer einen Missstand aus nächster Nähe erlebt, kann ihn wirklich beurteilen. Und darauf hinweisen - mit dem Ziel, diesen Missstand abzustellen. Erst intern. Und wenn das nicht hilft und die internen Kontrollen nicht greifen, eben mit Hilfe der Öffentlichkeit.

Zum Nutzen der Allgemeinheit

Solche Leute gilt es zu schützen – zum Nutzen der Allgemeinheit. Denn die von Brigitte Heinisch offengelegten Informationen über die mutmaßlichen Mängel bei ihrem Arbeitgeber waren, wie der EUGH zu Recht feststellt, „zweifellos von öffentlichem Interesse".

Und gerade große Skandale kommen nur mit Hilfe solcher redebereiten Insider ans Licht: LKW-Fahrer, die davon erzählen, dass sie Gammelfleisch transportieren. Krankenschwestern, die von untragbaren hygienischen Zuständen im OP berichten. Oder Buchhalter, die darüber stolpern, dass Vorgesetzte die Renovierung des Privathauses über Firmenkonten abrechnen – zum Schaden der Aktionäre.


Foto: joejoe77/SXC

"Nestbeschmutzer, Denunzianten": Ablenken vom eigenen Versagen

Auch das Bröckeln des Schweizer Bankgeheimnisses geht auf das Konto eines redefreudigen Insiders. So hatte Ex-UBS-Manager Bradley Birkenfeld über die Machenschaften seiner Bank in den USA geplaudert und damit ein Strafverfahren gegen das Schweizer Finanzinstitut ins Rollen gebracht. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass die Regierung in Bern einen großen Teil des Schweizer Bankgeheimnisses freiwillig geopfert hätte?

Und auch die jüngsten Skandale rund um das inzwischen eingestellte britische Boulevardblatt News of the World wären wohl nicht ans Licht gekommen, hätte nicht Soan Hoare, ein ehemaliger Reporter des Blattes, gegenüber Kollegen von der New York Times ausgepackt.

Diese Möglichkeit gilt es zu wahren – und Mitarbeiter vor einem übereifrigen Arbeitgeber zu schützen, der aufklärende Angestellte als Nestbeschmutzer und Denunzianten brandmarkt, um vom eigenen Versagen abzulenken. Denn auch das zeigt die Erfahrung: Den eigenen Arbeitgeber zu verpfeifen, ist für Mitarbeiter wie ein Griff zum allerletzten Notschalter.

Bei Lappalien oder aus purer Rachsucht oder gar Lust an Aufschneiderei greift letztlich keiner zum Hörer, um sich bei Polizisten, Staatsanwälten aufzuspielen oder via Facebook oder Twitter öffentlich auszuheulen. Wer sich ein Herz fasst und auf Missstände im eigenen Unternehmen hinweist, tut dies in der Regel aus purer Verzweiflung. Oder wenn sie befürchten, dass Kollegen oder Kunden zu Schaden kommen – etwa bei Fällen von Umweltverschmutzung, bei Pfusch am Bau oder Lebensmittelskandalen.

EUGH-Urteil ist eine Chance

Auch Pflegerin Heinisch handelte in gutem Glauben. Und in der Überzeugung, dass die betoffenen Patienten nicht selbst in der Lage gewesen wären, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Das heißt auch: Sind Firmen und ihre Manager schlau, verstehen sie das Urteil nicht als Einschränkung ihrer unternehmerischen Freiheit, sondern als Chance auf Missstände aufmerksam gemacht zu werden. Und, im ureigensten Interesse, zügig dagegen einzuschreiten.

Wer den internen Warnschuss nicht hören will und seine Mitarbeiter nicht ernst nimmt, muss sich nicht wundern, wenn diese Informationen bald den Weg nach draußen finden. Und dann einen Schaden anrichten, der viel größer ist als der erste Ärger über den vermeintlichen Verräter.

Das sollte sich auch die Bundesregierung hinter die Ohren schreiben: Bis Ende 2012 muss sie eine gesetzliche Regelung zum Schutz von Whistleblowern einführen. Und würde gut daran tun, künftig diejenigen zu schützen, die auf Missstände hinweisen – etwa auch durch Gründung eine Hilfsfonds, wie er in Großbritannien oder den USA schon Usus ist.

Statt tatenlos dabei zuzusehen, wie diese Insider an den Pranger gestellt werden. Und statt Meriten zu ernten, Gefahr laufen, in Schimpf und Schande entlassen zu werden und seine Existenz aufs Spiel zu setzen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...