Wettbewerb "Missgunst gehört zum Berufsalltag"

Neid kann produktiv machen – wenn Konkurrenz gesund gesteuert wird. Was Führungskräfte zu beachten haben, erklärt die Arbeitspsychologin Julia Belting im Interview.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert


Foto: Henry Schmitt/Fotolia

Frau Belting, Sie haben sich mit Konkurrenzverhalten am Arbeitsplatz beschäftigt. Gehört Konkurrenz zum Arbeitsalltag?

Ja. Generell kann man sagen, dass Neid, Missgunst und Konkurrenz zum Berufsalltag in jeder Branche und in jedem Unternehmen gehören. Wo Menschen zusammen arbeiten, gibt es auch Konkurrenz. Und sie lässt sich auch positiv steuern. 

Konkurrenz hat einen erheblichen Einfluss auf das Arbeitsklima.

Das stimmt, aber das muss nicht zum Nachteil werden. Konkurrenz bedeutet Wettbewerb, sie ist wichtig für wirtschaftlichen Erfolg. Wir wissen, dass Unternehmen mit Monopolstellung weniger innovativ sind und kostenintensiver produzieren als Unternehmen, die im Wettbewerb stehen.

Das lässt sich auch auf das Individuum übertragen: Studien zeigen, dass Mitarbeiter produktiver, leistungsfähiger und kreativer sind, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, in dem es viele andere leistungsstarke Mitarbeiter gibt. Manche Unternehmen fördern deshalb den Wettbewerb unter den Mitarbeitern, durch Bonuszahlungen oder Auszeichnungen für die besten Mitarbeiter. Gesunde Konkurrenz führt dazu, dass sich Mitarbeiter angespornt fühlen. 


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Es ist aber auch ein anderer Effekt bekannt: Wenn viele an einem Seil ziehen, nimmt die Kraft von jedem einzelnen ab, weil sich alle auf die Kraft der Gruppe verlassen.

Entscheidend ist die Sichtbarkeit der Leistung: Wenn die Aufgaben in einem Team so verteilt sind, dass die Einzelleistung noch erkennbar ist, strengen sich alle an. Dann sind auch Bonussysteme sinnvoll. Voraussetzung ist, dass die Einzelleistung noch objektiv messbar sein muss. Bei dem Experiment mit dem Seil ist sie aber nicht mehr erkennbar. Dann kann es dazu kommen, dass sich Schwächere auf Kosten von Stärkeren durchmogeln. 

Streit ist dann programmiert.

Streit entsteht, wenn Arbeit ungleich verteilt ist, wenn die Hierarchie unklar ist und sich einzelne Mitarbeiter ungerecht behandelt fühlen. Gefühle wie Neid und Missgunst entstehen, wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, dass ihre Leistung nicht an transparenten und objektiven Kriterien gemessen wird. Das kann in Unternehmen mit flachen Hierarchien sogar ausgeprägter sein. Denn konkurriert wird vor allem unter Gleichen – also Mitarbeitern auf der gleichen Hierarchiestufe.

Schädliche Konkurrenz kann aber auch in einer gesunden Wettbewerbssituation entstehen, denn jeder Mensch geht unterschiedlich mit Konkurrenz um. Die einen sehen sie als sportliche Herausforderung, die anderen fühlen sich dadurch bedroht. Die Angst ist umso stärker, je mehr auf dem Spiel steht: die Versetzung, die Bonuszahlung oder sogar der Job. 


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Wie zeigt sich schädliche Konkurrenz?

Wenn Neid und Missgunst verleugnet werden und nicht mehr auf der Sachebene, sondern auf der Beziehungsebene mit unfairen Mitteln ausgetragen werden. Dann kann es zu Mobbing kommen. Das beginnt meist recht harmlos:

Wichtige Informationen werden nicht mehr weitergegeben, ein Kollege klaut dem anderen die Idee oder lässt ihn absichtlich bei einer Präsentation unerwähnt. Dieses Verhalten zielt darauf ab, den Konkurrenten auszubremsen. Manchmal äußern die Konkurrenten Zweifel an der Kompetenz des anderen – und organisieren sich schließlich Unterstützer. Es schaukelt sich dann ein Konflikt hoch. 

Wie können Führungskräfte ungesundes Konkurrenzverhalten in Ihrem Team erkennen?

Führungskräfte sollten auf die kleinen Anzeichen achten: Bekommen alle im Team alle Informationen? Wie kommunizieren die Mitarbeiter untereinander? Wird Kritik an einem bestimmten Mitarbeiter geäußert oder wird er sogar ausgegrenzt? An der Kommunikation untereinander lässt sich Konkurrenz frühzeitig erkennen. 

Wann muss eine Führungskraft eingreifen und wie lässt sich gegensteuern? 

Eingreifen muss sie, sobald mit unfairen Mitteln gekämpft wird und es zu Mobbing und Ausgrenzung kommt. Führungskräfte sollten die Konkurrenzsituation offen ansprechen und analysieren: Warum kommt es zu einem schädlichen Wettstreit? Könnten die Aufgaben anders verteilt werden? Sind die Leistungskriterien überhaupt transparent? Sinnvoll können auch Anreizsysteme sein, die statt Konkurrenz Kooperation fördern – also Teamboni statt Einzelboni.


Foto: Henry Schmitt/Fotolia

Ist es sinnvoll, das Arbeitsteam so aufzustellen, dass sich die Mitarbeiter nicht in die Quere kommen und jeder ein Aufgabengebiet hat, in dem er heraussticht?

Das finden wir oft in der Wissenschaft – und es zeigt sich, dass es hier weniger oft zu ungesunder Konkurrenz kommt. Allerdings ist eine solche Aufgabenverteilung zwischen den Mitarbeitern eines Teams oft nicht möglich, weil sich Arbeitsabläufe aufeinander beziehen oder man eben viele Mitarbeiter braucht, die die gleiche Arbeit verrichten – denken wir mal an Verkäufer. Hier hilft es, offene Konkurrenz klar zu benennen und die Spielregeln klar und transparent zu halten, um für einen Teamzusammenhalt zu sorgen. 

Sollten Führungskräfte Konkurrenzsituationen bewusst schüren?

Auch das kann ein Instrument zur Mitarbeiterführung sein, wenn der Wettbewerb kein Schädigungspotential entfalten kann. In der Werbebranche beispielsweise wird das häufig genutzt, wenn ein Wettbewerb für die beste Kampagnen-Idee ausgeschrieben wird.

Wenn Mitarbeiter um die besten Ideen streiten, ist die Möglichkeit begrenzt, den anderen oder den Kunden zu schaden. Anders sieht es aus, wenn beispielsweise Anlageberater eine bestimmte Anzahl an Abschlüssen erzielen müssen. Verantwortungsvolle Führungskräfte überlegen genau, unter welchen Umständen sie Konkurrenz fördern.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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