Wertpapiere Zertifikate - die etwas andere Geldanlage

Deutschland wird zum Wunderland der Zertifikate. Von bombensicher bis hochspekulativ ist für jeden Anlagetyp etwas dabei. Und auch für Börsenneulinge eignen sich die innovativen Wertpapiere. Junge Karriere erklärt Ihnen, worauf Sie bei der Auswahl achten müssen.

Sabine Hildebrandt-Woeckel | , aktualisiert

Erneuerbare Energien, China, Nanotechnologie, Öl oder deutsche Bluechips - mit Zertifikaten können Anleger nicht nur in Einzelaktien, sondern auch in Rohstoffe, Länder-Indizes oder Aktienkörbe zu bestimmten Themen investieren. Und täglich wird die Auswahl größer, denn der Markt für die innovativen Wertpapiere boomt: Galten Zertifikate noch vor ein paar Jahren als Spielzeuge weniger Börsenprofis, sind längst auch Kleinanleger auf den Geschmack gekommen. Einen genauen Marktüberblick hat aufgrund der enormen Vielfalt niemand mehr, aber Experten gehen davon aus, dass derzeit mindestens 150.000 Zertifikate gehandelt werden und deutlich mehr als 100 Milliarden Euro in solchen Derivaten investiert sind. Und ein Ende ist bislang nicht abzusehen. Das Derivate-Forum, die Interessengemeinschaft der neun größten Emittenten, geht sogar davon aus, dass sich der investierte Betrag innerhalb von zwei bis drei Jahren noch einmal verdoppeln wird.

Ein Grund für die wachsende Beliebtheit: Zertifikate gibt es für jeden Anlagetyp, von extrem sicherheitsbewusst bis risikobereit, und für jedes Interessengebiet. "Wer Aktien kauft, macht jede Kursbewegung eins zu eins mit", sagt Funda Tarhan von der niederländischen ABM Amro Bank, einem der größten Zertifikateanbieter. "Mit Zertifikaten dagegen lassen sich die Gewinne erhöhen und die Risiken begrenzen." Und trotzdem, so Tarhan weiter, "kann man sein Geld genau da investieren, wo man möchte". In alternative Energien beispielsweise, den Aufstieg von Schwellenländern oder die Förderung bestimmter Rohstoffe.

Miniraten sparen

Spannend für Berufseinsteiger und Kleinanleger sind Zertifikate, seitdem es auch Sparpläne gibt, mit denen sich monatlich kleine Summen investieren lassen. Zwar dominieren Fondssparpläne mit rund 90 Prozent, aber die Zertifikate holen auf. Vor allem Direktbanken wie DAB Bank oder Comdirekt bieten solche Sparpläne an, in der Regel ab Sparraten von 50 Euro monatlich, einzelne Institute sogar ab 25 Euro. Für diesen Betrag kauft die Bank dann zu einem monatlich festgesetzten Termin für den Sparer genau so viele Anteile des Zertifikats, wie es die Sparrate zulässt.

Wie bei Fondssparplänen kommt somit auch beim Sparen mit Zertifikaten der so genannte Cost-Average-Effekt zum Tragen, der das Kursrisiko ausgleicht. Denn ist der Kurs des Basiswertes niedrig, kriegt man mehr Anteile, ist er hoch, gibt es weniger. Dadurch zahlt man über einen längeren Zeitraum betrachtet einen Mittelwert. Allerdings: Sparpläne gibt es längst nicht für alle Zertifikate. Geeignet sind nur endlos laufende Produkte oder solche mit sehr langer Laufzeit. Die meisten Banken bieten Sparpläne in erster Linie auf Indexzertifikate an.

Wetten mit der Bank 

Doch langsam. Indexzertifikate? Basiswerte? Was ist das überhaupt? Börsenkenner sind zwar überzeugt davon, dass über 90 Prozent der Zertifikatebesitzer nicht wirklich verstehen, wie sie ihr Geld angelegt haben, die Münchener Finanzberaterin Svea Kuschel versucht dennoch eine Erklärung: "Im Prinzip sind die meisten Zertifikate nichts anderes als Wetten. Man wettet mit der Bank beispielsweise darauf, dass eine Aktie, ein Index oder auch Rohstoffe - also bestimmte Basiswerte - sich auf eine bestimmte Art und Weise entwickeln." Und je nachdem wie risikofreudig man ist, kann man diese Wette absichern. Im korrekten Bankdeutsch ist ein Zertifikat eine Inhaberschuldverschreibung, die von Emissionsbanken wie ABN Amro, Deutsche Bank oder Commerzbank ähnlich wie Anleihen ausgegeben wird. Die Papiere geben dem Anleger das Recht, an der Kursentwicklung bestimmter Einzelaktien oder Indizes teilzuhaben. Die Aktien selber hat der Anleger allerdings nicht in seinem Depot liegen.

Die Ausgestaltung der Papiere ist sehr unterschiedlich. Indexzertifikate beziehen sich direkt auf den Basiswert, das heißt, ein Anleger nimmt an der Entwicklung von Börsenindizes wie Dax, MDax, Nikkei oder Dow Jones teil. Andere Zertifikate enthalten Zusatzfunktionen wie Garantien oder Risiken. Dann spricht man von strukturierten Produkten, die beispielsweise Garantie-, Discount- oder Bonuszertifikate heißen. Bei diesen wird der Wettcharakter besonders deutlich. Auf den ersten Blick, weiß Beraterin Kuschel, scheint das Prinzip leicht verständlich - sicher ein Grund, warum Zertifikate und Zertifikatesparpläne immer beliebter werden. Tatsächlich jedoch, betont die Expertin, haben mitunter sogar erfahrene Anlagespezialisten "Probleme, einzelne Konstrukte und deren Bedingungen bis ins Detail zu verstehen". Hinzu kommt, dass Zertifikate längst nicht so sicher sind wie beispielsweise Fonds. Letztere werden staatlich überwacht und sind rechtlich Sondervermögen. Selbst wenn die Fondsgesellschaft Insolvenz anmelden muss, kommen die Gläubiger nicht an das angelegte Geld.

Bank-Bonität wichtig

Für Zertifikate dagegen gibt es nicht einmal ein Zulassungsverfahren, im Prinzip kann also jeder Zertifikate auf den Markt bringen und der Anleger genießt keinen Insolvenzschutz. Mit anderen Worten: "Geht die Emissionsbank pleite, ist das Geld futsch", gibt Finanzberaterin Kuschel zu bedenken. Das ist bei den Marktführern der Zertifikate-Branche wie Deutsche Bank, ABN Amro, Dresdner Bank und Commerzbank zwar eher unwahrscheinlich, sollte Anlegern aber zumindest bewusst sein. Der gängigen Meinung, dass Zertifikate günstiger sind als Fonds, widerspricht die Fachfrau und steht damit keineswegs alleine. Uwe Wystup, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, kritisiert vor allem, dass oft überhaupt nicht zu erkennen sei, was für Kosten auf den Anleger zukämen: "Den Emissionspreis eines Zertifikats kann meist nur der Emittent selbst erklären."

Auch die tägliche Preisfeststellung ist - abgesehen bei Indexzertifikaten - nicht immer transparent. Außerdem kassieren die Emissionsbanken häufig die Ausschüttungen und Dividenden der im Zertifikat vertretenen Unternehmen. Bei einem Index-Zertifikat auf dividendenstarke Standardwerte wie DAX, EuroStoxx oder S&P 500 macht das schon einen großen Unterschied.

Diese Einschränkungen bedeuten für Finanzexpertin Kuschel allerdings nicht, dass sie von Zertifikaten abrät. Sparer sollten allerdings bereit sein, sich ein wenig mit der Materie auseinander zu setzen. Eine Auffassung die auch Thomas Bieler, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale NRW, teilt. "Wer sein Geld in Zertifikaten anlegt", so sein glasklarer Tipp, "sollte es mit Börsenlegende Warren Buffett halten und nur kaufen, was er versteht." Denn von Garantiezertifikaten einmal abgesehen, so Bieler weiter, sei das Risiko keineswegs so gering wie es gerne verkauft wird.

Problem bei der Auswahl: Es ist gar nicht so einfach, gesicherte Informationen zu bekommen. Ratings wie beispielsweise bei Fondsprodukten gibt es für Zertifikate bisher nicht. Und auch Seiten im Internet, die Konditionen und Preise vergleichen, bringen eigentlich nur dann etwas, "wenn man bereits weiß, was man will", betont Bieler.

Mit Zertifikaten breit streuen

Wie also vorgehen, denn ganz auf Zertifikate zu verzichten, dazu raten nicht einmal Anlageschützer. "Vor dem Grundsatz der Risikostreuung, können Zertifikate durchaus sinnvoll sein", findet Markus Straub, stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Drei Fragen, so Strauch, sollte sich deshalb jeder Interessent vor dem Zertifikatekauf stellen: Wie lange kann ich auf mein Geld verzichten? Wie viel Risiko möchte ich eingehen? Und in welche Bereiche, etwa neue Technologien, möchte ich investieren?

Anhand dieser Vorgabe lassen sich dann relativ leicht geeignete Produkte finden, die allerdings unbedingt zwei weitere Kriterien erfüllen müssen: Um Kapitalverluste auszuschließen, müssen sie von einer erstklassigen Adresse kommen und dürfen keine versteckten Kosten enthalten. Emittenten, die dem Deutschen Derivate Institut (DDI) angehören, haben sich beispielsweise verpflichtet, Bonität und Preisstruktur offen zu legen. Grundsätzlich tun sich Anfänger zumeist am leichtesten, wenn sie auf Index-Zertifikate setzen. Weiterer Vorteil: In der Vergangenheit haben sie oft besser abgeschnitten als Investmentfonds mit vergleichbarem Anlageschwerpunkt. Darüber hinaus empfiehlt Verbraucherschützer Bieler Kleinanlegern bestenfalls Discount- oder Bonuszertifikate. Von komplizierten Hebelprodukten dagegen sollten Einsteiger die Finger lassen.

Bislang, so die Statistik des DDI, sind in Deutschland Garantiezertifikate am beliebtesten. Sie haben dem Produkt zum Durchbruch verholfen und halten mit 35,3 Prozent noch immer den weitaus größten Marktanteil - der allerdings kontinuierlich sinkt. Denn gerade für den langfristigen Vermögensaufbau eignen sie sich kaum. "Da kann man auch in Tagesgeld investieren", sagt Bankerin Tarhan, "mehr bringen Garantiezertifikate auch nicht."

Steuerwirrwarr

Die Besteuerung von Zertifikaten ist im Vorfeld der Abgeltungssteuer kompliziert. Bisher galt für Zertifikate: Nach einem Jahr Haltedauer sind die Gewinne steuerfrei. Für Zertifikate, die vor dem 14.3.2007 (Stichtagregelung) erworben wurden, bleibt diese Regelung auch bestehen. Wer danach gekauft hat, kann diese Steuerfreiheit nur noch in Anspruch nehmen, wenn das Zertifikat bis 30.6.2009 verkauft wird und bis dahin zwölf Monate gehalten wurde. Für alle Käufe ab 1.1.2009 gilt: Gewinne unterliegen der 25-prozentigen Abgeltungssteuer.

Steuerlich anders behandelt werden Garantiezertifikate, weil sie als Finanzinnovation eingestuft werden. Sie waren schon immer steuerpflichtig. Ab 1.1.2009 wird sich aber auch das ändern - zum Vorteil der Anleger. Denn dann greift "nur" noch die Abgeltungssteuer auf den Gewinn und nicht der persönliche Steuersatz, der ja mit Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer deutlich darüber liegen kann.

Glossar

Was ist ein Zertifikat? Zertifikate gehören zu den so genannten Derivaten. Sie sind also keine eigenständige Anlageform, sondern beziehen sich auf einen Basiswert. Das kann eine Aktie sein, aber auch ein Index oder mehrere Aktien (Basket). Über das Zertifikat erwirbt der Käufer die Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen von der Entwicklung des Basiswertes zu profitieren. Kurz: Der Anleger kauft keine Anteile, sondern wird Gläubiger. 

Garantie-Zertifikate sind die beliebtesten Zertifikate, denn sie garantieren das eingesetzte Kapital und bieten dadurch die größte Sicherheit. Einige sichern hundert Prozent, andere nur einen Teil ab. Der Anleger profitiert, wenn der Basiswert des Zertifikats steigt, allerdings nur in bescheidenem Umfang. Je höher die Garantie, umso geringer wird der Prozentsatz des Gewinns. Eigentlich nehmen sie unter den Zertifikaten eine Sonderstellung ein, denn sie gelten als Finanzinnovation, das bedeutet, die Gewinne unterliegen immer der persönlichen Besteuerung, egal wie lange das Garantiezertifikat gehalten wird.

Index-Zertifikate gelten als die unkomplizierteste Form. Der Anleger investiert nicht in eine Einzelaktie, sondern in einen Korb. Besonders beliebt: der Deutsche Aktienindex (DAX). Als eine Unterform gelten Themen-Zertifikate, die die zugrunde liegenden Werte einem Thema zuordnen, beispielsweise einer Branche. Damit ist es möglich, auf Trends oder neue Entwicklungen zu setzen.

Discount-Zertifikate sind mit einem Risikopuffer ausgestattet: Der Kunde zahlt beispielsweise bei einem Kurs einer Aktie von 100 Euro, lediglich 80 Euro. Das bedeutet, der Kurs könnte bis auf 80 fallen, ohne dass dies für den Anleger einen Verlust bedeutet. Fällt er noch tiefer, bekommt der Anleger am Ende allerdings nur den realen Wert. Und: Auch nach oben ist der Gewinn begrenzt, beispielsweise bei 120 Euro. Mehr gibt es nicht, egal wie hoch der Wert ist.

Bonus-Zertifikate haben ebenfalls einen Risikopuffer. Sie werfen dann Gewinn ab, wenn der Wert der zugrunde liegenden Aktie einen bestimmten Bonuswert erreicht - und während der gesamten Laufzeit über einer vorher festgelegten Kursschwelle bleibt. Sinkt sie darunter behält die Bank den Bonus und tut so, als ob der Kunde den Basiswert direkt gekauft hätte.

Eine beliebte Sonderform sind Express-Zertifikate, die dann Renditen abwerfen, wenn der Basiswert das vorher bestimmte Niveau nicht nur erreicht, sondern dies auch noch zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt.

Ein Sprint-Zertifikat setzt sich zusammen aus einem Basispreis und einem so genannten Cap-Preis. Es besteht die Möglichkeit einer Verdopplung des Basiswertes in der Zone zwischen Basispreis und Cap. Eine Begrenzung der doppelten Gewinnchance erfolgt allerdings durch den Cap-Preis. Dadurch entspricht das Risiko eines Sprint-Zertifikats dem des Basiswertes.

Knock-out-Zertifikate bergen die höchsten Gewinnchancen, aber mindestens ein genauso hohes Risiko. Daher eignen sie sich nur für absolute Kenner oder echte Zocker. Notiert der Basiswert bei 100 Euro und legt die Bank die Knock-out-Schwelle auf 80, kostet das Papier nur 20 Euro. Der Anleger profitiert dann von jedem Prozentpunkt Kursanstieg mit einem Hebeleffekt von fünf. Aber: Unterschreitet der Basiswert die Knock-out-Schwelle, ist der ganze Einsatz weg.

Was sind Zertifikatefonds? Im Mantel eines Fonds kann eine Streuung auf verschiedene Zertifikate und Strategien erfolgen. Auch hat der Fondsmanager die Möglichkeit der aktiven Gestaltung, das heißt, er kann je nach Marktgeschehen die Zertifikate austauschen. Anders als Zertifikate, die sehr schnell ausgegeben werden können, durchlaufen Zertifikatefonds ein gründliches Zulassungsverfahren, bevor sie auf den Markt kommen. Für Zertifikatefonds gelten außerdem steuerliche Vorteile.

Was kostet Sparen mit Zertifikaten? Anders als bei Fonds gibt es bei Zertifikaten keine festgelegten Ausgabeaufschläge. Die Emissionsbanken verdienen an der Differenz zwischen An- und Verkaufspreis, dem so genannten Spread. Dieser ist meist niedriger als ein Ausgabeaufschlag. Ausländische oder gemischte Indizes können aber auch teurer sein. Außerdem werden bei Kauf und Verkauf noch einmal Gebühren fällig, die zwischen 0,25 und 0,50 Prozent der Kaufsumme liegen, und einige Emittenten verlangen Managementgebühren. Darüber hinaus verbleiben oft die Dividenden beim Zertifikate-Anbieter und werden nicht an die Investoren ausgeschüttet.

Schlaumacher

Buchtipps: Zertifikate - simplified. Rendite kalkulierbar machen, Markus Jordan, FinanzBuch Verlag, 12,90 Euro; Geld steht jeder Frau, Svea Kuschel, Constanze Hintze, Allenburg Verlag, 14,95 Euro

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