Wechselfieber Deutschland auf Jobsuche

Kaum brummt der Arbeitsmarkt, kehren immer mehr Beschäftigte ihrem Chef den Rücken. Der Bürofrust ist groß wie lange nicht mehr. Schon sucht jeder dritte Beschäftigte einen neuen Arbeitsplatz. Tipps und Kniffe, damit der Jobwechsel gelingt.

Jochen Mai, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: phecsone/Fotolia

Mal aus Lust, mal aus Frust

Steigende Gehälter, mehr Vielfalt in der Belegschaft, neue Aufstiegschancen, Kampf um Talente – so offen und bewegt war der Arbeitsmarkt für Fach- und Führungskräfte schon lange nicht mehr. Die Arbeitslosenquote in Deutschland verharrt bei einem historischen Tief von 6,6 Prozent, das entspricht 2,8 Millionen Erwerbslosen. Überall werden Leistungsträger gesucht, gefördert und gepampert. Auch intern.

Für die meisten kommen diese Spaßmaßnahmen jedoch zu spät. Denn auch das beschreibt die Situation zahlreicher Arbeitnehmer: Selten wurde so viel über Unzufriedenheit im Job, Leistungsdruck und Burn-out geklagt wie heute. Nicht wenige schleppen sich morgens schon frustriert ins Büro, denken mit Grauen an den miesen Boss, die nervigen Kollegen – und die Arbeit ödet auch nur noch an. Oder sie macht sogar krank.

Die Zahl der Gestressten und psychisch Erkrankten wächst seit Jahren bedenklich. Burn-out gilt längst als Volkskrankheit, der "Spiegel" und "Stern" kürzlich Titelgeschichten widmeten. Überall schwelt der Frust. Und mit ihm die Bereitschaft, den Job zu wechseln.

Jeder Dritte sucht etwas Neues

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Arbeitnehmerumfrage den wachsenden Wunsch zu entkommen dokumentiert. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Online-Stellenbörse Jobware beispielsweise würde bereits mehr als jede dritte Fach- und Führungskraft (37 Prozent) ihren aktuellen Job aufgeben. Ganze 13 Prozent streben das sogar innerhalb der nächsten Monate an.

Eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services unter 2200 Beschäftigten bilanziert ein ähnliches Verhältnis: Auch hier ist jeder dritte Arbeitnehmer mit seinem derzeitigen Job unzufrieden, vor allem mit den Arbeitsbedingungen: Immer längere Arbeitszeiten (32 Prozent), gestiegene Jobanforderungen (17 Prozent) und die tägliche Pendelei ins Büro (16 Prozent) nagen an der Motivation der Befragten.


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Kompletter Neustart

Laut einer Umfrage des Global Workforce Index wiederum planen sogar mehr als zwei Drittel der Deutschen deshalb einen völligen Neustart: raus aus dem bisherigen Beruf, alles auf Null setzen und etwas ganz anderes machen.

Nur: Warum?

Rund 30 Prozent der Befragten hoffen so auf ein höheres Einkommen, weitere 25 Prozent haben schlicht neue Interessen, und jeder Fünfte sehnt sich nach einer ausgeglicheneren Lebensführung.

Gerade für Arbeitgeber, die derzeit über Fachkräftemangel oder den demografischen Wandel klagen, sind das deutliche Warnsignale. Nicht nur, weil unzufriedene Mitarbeiter weniger leisten, als sie könnten. Auch der Sprung von der inneren Kündigung bis zur tatsächlichen ist kein großer mehr.

Sicher, nicht jeder, der mit der Kündigung gedanklich liebäugelt, setzt sie am Ende auch in die Tat um. Doch zeigen Studien immer wieder: Wer erst einmal so richtig demotiviert am Schreibtisch hockt, wechselt im Schnitt binnen eines Jahres den Arbeitgeber. Die Gründe für die Kündigungswelle von unten sind fast immer dieselben: mieser Chef, ätzende Kollegen und eintönige Routinen – kurzum: Langeweile im Job.

Ätzende Kollegen, mieser Chef, Langeweile pur

Bei einer Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half unter mehr als 2400 Fachkräften sagte beispielsweise jeder zweite deutsche Arbeitnehmer, dass er für die Chance auf mehr Abwechslung sofort bei einem neuen Arbeitgeber anheuern würde.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum derzeit so viele ihren bisherigen Job aufgeben wollen: Der Arbeitsmarkt erlaubt es. Machten in den vergangenen Jahren Konjunkturkrisen, Unternehmenspleiten und Entlassungswellen Jobwechsel eher zu einem riskanten Roulettespiel, stehen die Chancen heute gut, sich nicht nur finanziell zu verbessern, sondern auch auf der Karriereleiter einen großen Schritt weiterzukommen.


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Der Schritt will trotzdem gut überlegt und geplant sein!

Die zwölf brennendsten Fragen, die sich Wechselwillige immer wieder stellen (sollten), hat die Wirtschaftswoche an sechs Karriereexperten weitergereicht und von ihnen beantworten lassen. Zu ihnen gehören die Düsseldorfer Outplacement-Beraterin Heike Cohausz; der Frankfurter Fachanwalt für Arbeitsrecht Peter Groll; die Karriereberaterin und Bestellerautorin Svenja Hofert; der Geschäftsführer der Delta-Personalberatung Stefan Koop; Tiemo Kracht, Geschäftsführer bei Kienbaum, sowie Marcus Schmidt, Geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Hanover Matrix.

Ob es bei dem Jobwechsel um einen Aufstieg, Umstieg oder gar Schritt zur Seite geht – in einem Punkt sind sich die Experten einig: Frust ist ein schlechter Ratgeber und Flucht nie eine kluge Lösung. Dafür sollten die Betroffenen die Gelegenheit nutzen, sich neu zu orientieren und genau zu hinterfragen, ob das Gras nebenan wirklich grüner ist und sie der neue Job ihrem Karriereziel tatsächlich näher bringt.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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