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"Warum wollen Sie überhaupt promovieren?"

Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt, in den ganzen fünf Jahren nicht, in denen ich nun an meiner Doktorarbeit schreibe. Normalerweise reicht bereits der Hinweis auf meine Promotion, daß man mich eigentlich gar nichts mehr fragt.

Gisa Funck | , aktualisiert

"Warum?" fragt er. Ich schlucke und stottere "Wa-wa-was?" Er wiederholt: "Warum?" "Warum was?" frage ich zurück - einigermaßen fassungslos. "Warum wollen Sie überhaupt promovieren?" fragt er - nun sichtlich genervt. "Ich, ähem ...", beginne ich, um dann abzubrechen und zu schweigen.

Warum?

Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt, in den ganzen fünf Jahren nicht, in denen ich nun an meiner Doktorarbeit schreibe. An einer Doktorarbeit über "Das Motiv des Fuchsschwanzes in der Fernsehserie ?Die Lindenstraße"". Tja, warum? Ich bin konsterniert. Die Frage nach dem "Worüber", nach dem "Was", nach dem methodischen "Wie", ja, die hätte ich ihm - wie aus der Pistole geschossen - beantworten können. Alle. Da hätte ich ihn zugepflastert mit Fakten zur ARD als Ersatzfamilie, zu Frau Beimer als Brechungsparabel virtueller Animalität. Aber: Warum?! Das ist in der Tat eine ungewöhnliche Frage.

Normalerweise reicht bereits der Hinweis auf meine Promotion, daß man mich eigentlich gar nichts mehr fragt. Schon gar nichts Unangenehmes wie etwa, warum ich in meiner WG prinzipiell nie abwasche? Oder - warum meine Eltern mir immer noch meine Miete bezahlen? Oder - warum ich mit 40 Jahren weder einen Job noch eine Familie noch ein eigenes Meerschweinchen vorweisen kann, das mir zumindest ansatzweise so etwas wie "erwachsene Reife" bescheinigen könnte?

Wenn solche Fragen doch noch hin und wieder auftauchen, trompete ich ihnen kurz und fest ein "ICH PROMOVIERE!" entgegen. Das hat den gleichen Effekt wie der Satz "Ich bin verliebt!" Er paßt immer - und entschuldigt alles.

Warum? Warum?

Ich spüre, wie meine Handflächen schwitzig werden. "Weil - alle - es - tun!" wispere ich schließlich. "Was?" fragt er. "Na, promovieren", erkläre ich. "Das machen alle meine Kommilitonen. Jeder zweite Berufsanfänger hat doch heute einen Studienabschluß. Um da überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben, muß man schon einen Doktortitel vorweisen können, gerade als Geisteswissenschaftlerin."

Er steckt sich eine Zigarette an und bläst Kringel in die Luft. Dann fragt er mich, ob ich einen Führerschein besäße. "Nicht direkt", antworte ich. Wie alle Doktoranden muß ich für meinen Professor 20 Stunden pro Woche Einführungsseminare geben und Erstsemester-Hausarbeiten korrigieren. "Unentgeltlich, versteht sich", füge ich glucksend hinzu - plötzlich in Plauderlaune. "Da blieb mir bisher weder das Geld noch die Zeit, Fahrstunden zu nehmen, Sie verstehen?" Er versteht. Jedenfalls nickt er.

Ob ich mir denn zutrauen würde, mit Kunden Verkaufsgespräche zu führen? "Oh, ja!" meine ich erleichtert. "Wissen Sie, Vorträge zu halten, das bin ich als Doktorandin ja gewöhnt! Ich habe dazu ein Papier vorbereitet." Triumphierend überreiche ich ihm mein 40-Seiten-Skript zur Konjunkturlage der Druckindustrie in Deutschland samt angehängter Statistik über die Verkaufszahlen der letzten Monate. Er starrt auf den schwarzen Pappumschlag.

Jetzt hast du ihn endlich soweit, denke ich, springe auf und zücke meinen Teleskopzeigestock. "Ad unum", doziere ich, und der Zeigestock tanzt vor seinem Gesicht, "nach Foucault besteht der Hauptcharakterzug von Räumen darin, daß sie gegenüber dem verbleibenden Raum eine Funktion besitzen. Für den deutschen Zeitungsverkauf, speziell im Rheinland, bedeutet das ..." Weiter komme ich nicht.

Herr Meyer ist ebenfalls aufgestanden. "Danke!", sagt er trocken und reicht mir die rechte Hand über den Schreibtisch hinweg. Ich falte meinen Zeigestock zusammen. "Und?" frage ich siegesgewiß. "Wann soll ich mit dem Zeitungsaustragen anfangen?" Meyer brummt: "Gar nicht!" - und läßt sich zurück auf seinen Bürostuhl plumpsen.

"Aber WARUM?" frage ich nun meinerseits. "Überqualifiziert!", schnaubt Meyer verächtlich, "völlig überqualifiziert."

Nachtrag:

Draußen vor seinem Büro wartete ein Junge von vielleicht 15 Jahren mit einer Baseballkappe. Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, ich habe diesen Jungen heute morgen auf dem Fahrrad gesehen - beim Zeitungsaustragen.

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