VWL Die Jungstars erobern Princeton und Co.

Eine neue Generation deutscher Wirtschaftswissenschaftler forscht jetzt an den besten Universitäten der Welt. Davon wollen auch die Fakultäten hierzulande profitieren.

Olaf Storbeck | , aktualisiert

Ben Bernanke hält ganz große Stücke auf diesen Mann. Als der US-Notenbankchef vor kurzem eine Liste mit der wichtigsten Literatur zur Finanzkrise für den US-Kongress erstellte, stammten zwei der vier Empfehlungen aus der Feder von Markus Brunnermeier. Und in einer Rede über den Zustand der Volkswirtschaftslehre, die Bernanke jüngst hielt, war Brunnermeier der einzige Ökonom, den er namentlich erwähnte - als Beispiel für einen Forscher, der die richtigen Lehren aus der Finanzkrise gezogen hat.

Brunnermeier ist Professor für Volkswirtschaftslehre (VWL) an der US-Elite-Universität Princeton - und deutscher Staatsbürger.

Noch vor zehn bis 15 Jahren wäre der 41-Jährige damit die ganz große Ausnahme gewesen. Heute ist so eine Karriere fast schon eine Selbstverständlichkeit. In den vergangenen Jahren ist eine neue Generation junger, deutscher Top-Ökonomen herangewachsen, die sich auf Augenhöhe befindet mit der globalen Ökonomie-Elite.

Ob in Princeton oder Stanford, in London oder Oxford, in Chicago oder Berkeley - es gibt kaum eine führende Ökonomie-Fakultät mehr auf der Welt, an der nicht mindestens einer der Superstars einen deutschen Pass in der Schublade hat.

Die meisten der deutschen Auslandsökonomen sind beruflich in den besten Jahren - zwischen 35 und 45 Jahre alt und damit in der für Forscher in aller Regel produktivsten Phase. "Es ist fast unglaublich, wie sehr sich die Situation geändert hat", sagt Volker Nocke, der seit 2009 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim ist und zuvor 14 Jahre in den USA und Großbritannien geforscht hat.

Ein Gesicht dieses Wandels ist Monika Piazzesi. Die Professorin für Makroökonomie an der Stanford University, die von 1989 bis 1994 Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und Bonn studiert hat, sitzt Tür an Tür mit dem Nobelpreisträger Kenneth Arrow.

Piazzesi untersucht, wie die Geldpolitik im Detail die Konjunktur beeinflusst, was die langfristigen Zinsen beeinflusst und wovon Aktienkurse abhängen - auch die Federal Reserve Bank arbeitet mit ihren Modellen. Piazzesis Doktorvater und heutiger Fakultätskollege Darrell Duffie bezeichnet sie als "den Superstar einer neuen Generation von Spezialisten für Wertpapierpreise". Ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht sie regelmäßig in den anspruchsvollsten Fachzeitschriften der Welt; bei der US-Denkfabrik National Bureau of Economic Research leitet sie eine Forschergruppe zur Preisbildung bei Wertpapieren und Immobilien.

Eigentlich war Piazzesi nur für ihre Promotion in die Vereinigten Staaten gegangen - weil es in Deutschland Mitte der 90er-Jahre so gut wie keine Experten für moderne Makroökonomie gab. "Ich hatte nie vor, in den USA zu leben", sagt sie. Aber die Vorstellung, nach der Promotion an einem Lehrstuhl in Deutschland noch eine Habilitation schreiben zu müssen, schreckte sie ab - schließlich konnte sie in den USA direkt als unabhängige Assistenzprofessorin anfangen.

So wie ihr ging es vielen anderen international erfolgreichen Nachwuchs-Ökonomen aus Deutschland: Im Hauptstudium oder nach dem Diplom wechselten sie ins Ausland, wo sie dank ihrer oft guten ökonomischen Grundausbildung erfolgreich waren und wegen der oft besseren Arbeitsbedingungen hängenblieben. Erfolgreiche Forscher verdienen an guten Universitäten in den USA und Großbritannien mehr als hierzulande, müssen zugleich weniger unterrichten und sich weniger um Verwaltungsaufgaben kümmern.

In der internationalen Wissenschaftsszene spielt die Nationalität eines Forschers keine Rolle.

"Da zählt vor allem, an welcher Universität man seine Doktorarbeit gemacht hat", sagt Fabian Waldinger. Der 32-jährige Deutsche, der an der London School of Economics promoviert hat, ist Assistenzprofessor an der Warwick University im englischen Coventry - und einer der Nachwuchsstars seiner Profession.

Rückkehrer anwerben
Auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Kiel hat Waldinger den Reinhard-Selten-Preis für junge Forscher erhalten. Eine seiner Arbeiten erscheint demnächst im "Journal of Political Economy" und damit in einer der weltweit fünf wichtigsten Fachzeitschriften.

Für die deutsche Wirtschaftswissenschaft ist der internationale Erfolg der jungen Wilden Chance und Risiko zugleich. Kurzfristig haben die heimischen Fakultäten mit einem "Brain Drain" zu kämpfen - in aller Regel sind es die besonders ehrgeizigen und erfolgreichen Forscher, die es ins Ausland zieht.

Auf Dauer aber können die deutschen Universitäten von der Entwicklung auch deutlich profitieren - weil es nicht wenige Auslandsforscher über kurz oder lang wieder in die Heimat zieht. "Mit den Rückkehrern kommt andere Weltsicht an die deutschen Fakultäten", betont Volker Nocke.

"Ich beobachte die Situation in Deutschland sehr genau", sagt zum Beispiel Piazzesi. "Ich hoffe, dass sich die Bedingungen so ändern, dass ich wieder in der Nähe von meinen Eltern und dem Rest meiner Familie wohnen und arbeiten kann."

Die führenden deutschen Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften umwerben die "Expatriates" seit Jahren gezielt - vor allem Frankfurt und Mannheim haben in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Rückkehrern von sich überzeugen können. Wie groß das Potenzial ist, zeigt das Handelsblatt-Volkswirte-Ranking, in dem die wissenschaftlichen Publikationen von Volkswirten nach internationalen Standards bewertet werden. Von den 100 forschungsstärksten deutschen Volkswirten, die jünger sind als 45 Jahre, arbeitet fast jeder zweite im Ausland.

Auffällig ist: Die ganz große Mehrheit der im Ausland erfolgreichen Ökonomen aus Deutschland sind Volkswirte - Betriebswirte haben bislang nur in Ausnahmefällen den Sprung an internationale Top-Adressen geschafft.

Einer der wenigen von ihnen ist Christian Leuz - der 43-jährige ist Professor für Rechnungslegung an der renommierten Booth School of Business der University of Chicago. Anders als die Mehrheit seiner Kollegen hat Leuz in Deutschland promoviert und habilitiert. In dieser Zeit hat er immer wieder an Austauschprogrammen mit US-Unis teilgenommen. "Ich habe damals nicht gedacht, dass ich Chancen auf dem US-Arbeitsmarkt hätte", sagt er heute. "Das ist mir erst klar geworden, als mir die University of Chicago eine Stelle als Assistenzprofessor angeboten hat."

Inzwischen haben die deutschen Auslandsökonomen auch angefangen, sich systematisch untereinander zu vernetzen: Es gibt einen E-Mail-Verteiler, über den Job-Angebote verschickt werden, und seit 2004 treffen sich die Forscher unmittelbar vor Weihnachten zu einer wissenschaftlichen Konferenz - in diesem Jahr findet das Treffen am 22. und 23. Dezember in Frankfurt am Main statt.

Untereinander vernetzt
"Die Leute helfen sich aber nicht so stark wie in anderen Netzwerken", berichtet Monika Piazzesi, die dank ihres italienischen Vaters auch dem Netzwerk der italienischen Auslandsökonomen angehört. "Die Italiener helfen sich stark bei der Jobsuche, laden sich gegenseitig zu Seminaren und Konferenzen ein und fördern die Forschung der anderen", berichtet sie. So würden Arbeiten von italienischen Autoren von Kritikern aus dem eigenen Land mit Samthandschuhen angefasst. Im deutschen Netzwerk sei das anders. "Aber das", sagt Piazzesi, "ist vielleicht auch besser so."

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