Vorteil FH-Studium Netzwerken für die Zukunft

Akademiker werden im Studium nicht genügend auf das Berufsleben vorbereitet, findet Hans-Hennig von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein. Er sagt: BWL & Co. sollten daher nur noch an FHs unterrichtet werden.

Jan Guldner, wiwo.de | , aktualisiert

Netzwerken für die Zukunft

Netzwerken 2

Foto: undrey / Fotolia.com

Herr von Grünberg, das Studium der Betriebswirtschaftslehre steht derzeit in der Kritik: Es sei nicht praxisnah genug und richte sich kaum nach den Bedürfnissen mittelständischer Unternehmen. Teilen Sie diese Diagnose?

Hans-Hennig von Grünberg: Größtenteils schon. Ich leite eine Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW), unser Ziel ist es, Absolventen hervorzubringen, die auf dem Arbeitsmarkt sofort bestehen. Und wenn sie nur bedingt praxistauglich sind, haben wir ein Problem. Wer hier studiert hat, soll wegen und nicht trotz seines Studiums einen Job bekommen. Und beim Fach Betriebswirtschaftslehre ist der Fall doch klar: Wer das studiert, möchte in einem Betrieb arbeiten.

Was müsste passieren, um das besser zu gewährleisten?

Die BWL ist eine angewandte Wissenschaft. Es geht also darum, aus dem erlernten Wissen einen ganz konkreten Beruf zu machen. Und das kann man am besten an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften. Deshalb sollten wir überlegen, ob wir an die Universität die Leute schicken, die forschen und um der Wissenschaft willen studieren wollen und an die praxisorientierten HAWs diejenigen, die akademisch auf einen Beruf vorbereitet werden wollen.

Zur Person

Prof. Dr. Hans-Hennig von Grünberg ist Präsident der Hochschule Niederrhein und Vorsitzender der Hochschulallianz für den Mittelstand. Gerade wurde er von der Wochenzeitung DIE ZEIT und dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung zum Hochschulmanager des Jahres 2017 gekürt.

Sie fordern eine klare Trennung zwischen rein forschungsorientierter Universität und berufsbildender Fachhochschule beziehungsweise Hochschule für angewandte Wissenschaft?

Im Prinzip schon. Zwei Drittel aller BWLer sind sowieso schon bei uns HAWs. Weit mehr als die Hälfte aller Professuren auch. Das größte Gewicht in der BWL-Ausbildung stemmen heute schon die Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Mein Wunsch wäre, dass bestimmte Studiengänge wirklich berufsorientiert und nur an HAWs angeboten werden.

Welche wären das zum Beispiel?

Die Zahl derer, die nach dem BWL-Studium ins akademische Feld gehen, kann man fast an einer Hand abzählen, daher sollten Betriebswirte vernünftigerweise ausschließlich an den HAWs akademisch ausgebildet werden. Außerdem könnten hier auch mehr Menschen in Gesundheitsfachberufen ausgebildet werden oder Informatiker, die sehr praktisch arbeiten.

Und wer bleibt an der Universität?

Diejenigen, die vor allem wissenschaftlich arbeiten, etwa in Fächern wie theoretischer Physik, Theologie, Medizin, Ägyptologie, zum Teil auch in Jura. Das ist auch eine Kostenfrage für die Gesellschaft. Wir können nicht alle Studierende zu Wissenschaftlern machen.

Nun haben Sie selbst auch theoretische Physik studiert und sind heute Präsident einer Hochschule. Würden Sie sich heute anders entscheiden?

Wäre ich noch mal 20, würde ich vielleicht auch dual studieren und etwas anderes, lebensnäheres machen. Eigentlich sind Typen wie ich doch Aussteiger. Wer theoretische Physik wählt, will vielleicht Albert Einstein hinterherlaufen. Aber im Grunde ist es ein Ausstieg aus unserer Gesellschaft – nur sagt einem das niemand. Es gibt eine riesige Zahl von solchen Studiengängen, die junge Leute eher wegführen von den eigentlichen Bedarfen dieser Gesellschaft.

Stimmt das denn wirklich? Ein häufig bemühtes Argument geht doch so: Egal, was man studiert, Physik, Chemie, Mathe – Unternehmen können diese abstrakten Denker immer gebrauchen, das praktische Handwerk lernen sie dann im Job.

Ich sehe das nicht so. Ich treffe mich zum Beispiel einmal im Jahr in Amerika mit deutschen Hochschulrektoren, um deutschstämmige Post-Doc-Studierende der großen amerikanischen Unis zu treffen. Da kommen einem viele wahnsinnig intelligente Leute entgegen, die alle richtig gut abstrakt denken können, aber keinerlei Berufsperspektive außerhalb des akademischen Milieus haben. Davon gibt es dann doch sehr viele.

Personaler schätzen es zwar, wenn Bewerber das Abstrakte beherrschen, aber noch wichtiger ist ihnen, dass sie zusätzlich einfach auf ihren Beruf hin ausgebildet sind.

Was ist die Konsequenz daraus?

Um bei den Physikern zu bleiben: Ich würde nur so viele theoretische Physiker ausbilden, wie ich in der Wissenschaft auch wirklich unterbringen kann.

Müssen denn überhaupt so viele Leute studieren? Es gibt Kritiker, die eine Akademikerschwemme befürchten.

Ich bin mit den 60 Prozent eines Jahrgangs, die heute studieren möchten, völlig d'accord. Die einfachen Berufe sterben weg, die Arbeitslosigkeit bei ungelernten Arbeitern ist sehr hoch, bei Akademikern aber sehr gering. Ich würde nur nervös werden, wenn die Akademiker nicht auf dem Arbeitsmarkt unter kämen, aber sie tun es. Auch wenn es viele erschüttert: Wir leben in einer Gesellschaft, in der selbst normale Berufe mittlerweile so komplex sind, dass ein Studium sinnvoll ist. Eine zunehmend komplexere Welt erfordert natürlich eine komplexere, eben akademische Ausbildung.

Wo ist dann das Problem?

Dass sich zu wenige junge Leute in praxisorientierten Studiengängen einschreiben.

Man kann doch schlecht den Studierenden vorschreiben, was sie zu studieren haben.

Das stimmt, die Gesellschaft kann nicht so ohne weiteres sagen: Ich hätte eigentlich gerne viel mehr BWLer und weniger Ägyptologen. Wenn jeder tun darf, was er will, dann entstehen automatisch ein paar Mismatches. Wenn das aber zu viel wird, muss ich die Studienplätze durch NC künstlich verknappen und zusehen, dass mehr Leute etwas machen, was wir als Gesellschaft wirklich brauchen. Das ist meine grundsätzliche Kritik: Das akademische Ausbildungssystem kennt keine Steuerung der Studierendenströme nach dem faktischen gesellschaftlichen Bedarf.

Aber nicht jeder beginnt doch aus dieser konkreten Bedarfslogik ein Studium.

Stimmt, wenn man Ägyptologie studiert oder altrussische Kirchengeschichte, dann ist das sicher nicht der Fall. Und das muss ja auch nicht sein. Eine ältere Forderung des Wissenschaftsrates lautet zum Beispiel, dass zwei von drei Studierenden an Hochschulen für angewandte Wissenschaften studieren sollten. Dort wird dann für den Beruf studiert. Und einer von Dreien studiert, weil er vielleicht den Bildungsgedanken wichtig findet oder weil er Lehrer, Mediziner, Jurist oder Theologe werden möchte, an der Universität. Das ist der kleinere Teil, aber immer noch ein großer Teil der Bevölkerung.

Was muss passieren, damit diese neue Aufteilung funktioniert?

Es muss klar werden, dass diese Unterscheidung zwischen Berufs- und Wissenschaftsorientierung bei der Studienwahl völlig ohne Wertung ist. Es muss beide Richtungen geben, aber klar ist: Die Gesellschaft braucht deutlich mehr Studierende in den berufsorientierten Studiengängen.

Angenommen, es käme dazu – warum wären etwa die angehenden Betriebswirte bei Ihnen an den Fachhochschulen so viel besser aufgehoben?

Meine persönliche Assistentin kam als BWL-Absolventin von der Universität zu uns an die Hochschule Niederrhein und hat dort zunächst unsere BWL-Studierenden betreut, hat also den direkten Vergleich. Was ihr sofort aufgefallen ist: Professoren gehen mit ihren Studierenden in die Mensa. Die kennen einander und nennen sich beim Namen. Sie organisieren Exkursionen, diskutieren und kümmern sich sehr um ihre Leute. Dafür ist aber Zeit nötig, die man aber hier hat, weil man sich eben nur um 100 und nicht um 1000 Studierende kümmern muss.

Ein besseres Betreuungsverhältnis könnte man auch unter Wohlfühlfaktor verbuchen. Hat das auch Einfluss auf den Berufseinstieg?

All unsere Professoren waren längere Zeit in der Praxis. Die haben ihre alten Kollegen von früher noch in ihrem Adressbuch und damit ein vernünftiges Netzwerk.

Und davon profitieren die Studenten?

Ja, natürlich. Das BWL-Studium besteht ja zum großen Teil aus Wissen, das man einmal erlernen muss, dann hat man es drauf. Zum Beispiel, was Kostenrechnung ist. Aber um in einen Beruf zu kommen, muss man auch die Praxis erlebt haben, in Praktika oder wenn man in Unternehmen Seminar- oder Abschlussarbeiten schreibt. Man muss Firmen kennen, um sich während des Studiums schon an das spätere Aufgabenfeld zu gewöhnen. Ich denke, es ist daher nur klug, dass man im Studium auch schon einen Betrieb kennen lernt. Aber ich finde, wir als Hochschulen sollen nicht nur Wissen erzeugen, sondern auch Wissen verteilen.

Was meinen Sie damit?

Jede Hochschule für angewandte Wissenschaft hat ein starkes Netzwerk zu den mittelständischen Unternehmen am Standort. Wir leben davon. Wir brauchen diese Mittelständler, um unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass das Wissen aus der Hochschule in die regionale Wirtschaft kommt.

Es klingt so, als verstünden Sie sich als eine Art Dienstleister.

Ja, und ich finde das nicht schlimm. Wir haben eine Bringschuld gegenüber der regionalen Wirtschaft. Unsere Studierenden sollten so ausgebildet werden, dass sie berufsfähig sind. Wir leisten insofern schon einen Zubringerdienst für die Wirtschaft. Wir haben natürlich die akademische Freiheit, die uns das Grundgesetz garantiert. Aber anders als bei Universitäten ist diese Freiheit durchaus in einer praktischen Perspektive zu sehen und das können Sie auch Dienstleister nennen.

Und wie genau läuft der Transfer zwischen Hochschule und Wirtschaft ab?

Zum Beispiel über Studierende, die Abschlussarbeiten in Unternehmen schreiben. Was sie dort lernen, vertiefen sie dann mit dem Professor an der Hochschule. Dadurch entsteht ein Kanal für den Wissensaustausch. Außerdem sind gemeinsame Forschungsprojekte wichtig, bei denen wir mit der Industrie angewandte Forschungsprojekte umsetzen. Diese sind vor allem lösungsorientiert. Das heißt, sie werden nie zum Nobelpreis führen, aber zu neuen, innovativen Produkten. Und drittens sind auch Gründer die Transferträger. Die großen Technischen Universitäten sind durchaus ähnlich unterwegs, aber die denken immer überregional und möchten international gesehen werden.

Heißt das im Umkehrschluss, als FH-Student kann ich die große Karriere beim internationalen Großkonzern vergessen?

Das denke ich nicht, aber ich glaube, auch ganz große Karrieren können ganz klein beginnen. Das große Problem der jungen Leute ist ja nicht, in ein Studium reinzukommen oder einen Abschluss zu machen, sondern nach dem Studium in den Beruf zu kommen. Durch unsere Kontakte in die Wirtschaft erleichtern wir das. Ob das für die gesamte Lebenszeit hält oder ob man nach ein paar Jahren weiterzieht, ist jedem selbst überlassen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...