Vorstellungsgespräche "Wie viele Smarties passen in einen Bus?"

Berater absolvieren die härtesten Eignungstests und machen zig Überstunden. Dafür jetten sie um die Welt und sind steinreich. Soweit das Klischee. Zumindest beim Vorstellungsgespräch verändert sich etwas.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

"Wie viele Smarties passen in einen Bus?"

Bewerbungsfrage_Smarties

Foto: mma23/Fotolia.com

"Wie würden Sie die Hungersnot auf der Welt lindern?", "Wie viele Smarties passen in einen Bus?", "Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie und warum?" Solche Brainteaser-Fragen beunruhigen Bewerber noch bevor sie tatsächlich im Vorstellungsgespräch sitzen.

Die fiesen Fragen sind eine Spezialität der Unternehmens- und Strategieberatungen, sagte Thomas Belker, Vizepräsident des Bundesverbandes der Personalmanager, kürzlich im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Wir haben deshalb bei Hans Ochmann, Geschäftsführer von Kienbaum, und Markus K. Reif, Leiter des Bereichs Recruiting & Employer Branding bei EY (vormals Ernst and Young), nachgefragt, auf welche gemeinen Fangfragen sich Bewerber bei ihnen einstellen müssen.

Über die Beraterbranche gibt es einige Klischees: viel Geld, viel Reisen, viel Arbeit, knallharter Auswahlprozess...

Hans Ochmann: Der Selektionsprozess ist enorm. Wir erwarten eine ganze Menge von den Bewerbern: Mit einem sehr guten Bachelor- und einem sehr guten Masterabschluss sowie hervorragenden Fremdsprachenkenntnissen ist es nicht getan. Wünschenswert ist auch ein privates soziales Engagement, das belegt, dass der Kandidat vielfältige Interessen und Talente hat.

Thomas Belker, Vizepräsident des Bundesverbandes der Personalmanager, sagt, dass gemeine Brainteaser-Fragen eine Spezialität der Unternehmensberatungen sind. Wie fies sind Sie wirklich zu Ihren Bewerbern?

Ochmann: Das analytische Denken der Berater ist unglaublich wichtig. Aber das überprüfen wir nicht durch solche Fragen à la "Wie viele Smarties passen in einen Busß". Wir lassen die Bewerber Fallstudien analysieren. Dabei handelt es sich wahlweise um reale Problemstellungen von Unternehmen, mit denen wir zusammen arbeiten oder um fiktive Fälle mit sehr realen Geschäftsbedingungen.

Marcus K. Reif: Wir haben ein großes Interesse daran, die Menschen, die zu uns kommen wollen, wirklich kennenzulernen. Und zwar im gegenseitigen Interesse. Schließlich geht es darum, Kandidaten zu finden, die möglichst gut ins Team passen, bei EY zurechtkommen und im Job nachhaltig aufblühen. Durch Brainteasern erfahren wir relativ wenig darüber, was der künftige Mitarbeiter unter realen Bedingungen wahrscheinlich leisten kann. Denn Brainteaser-Fragen adressieren im Wesentlichen die Analyse-Kompetenz, und das erscheint mir als zu eindimensional.

"Wie viele Cappuccinos werden täglich in Manhattan verkauft?", "Wie viele Flugzeuge befinden sich derzeit in der Luft?", "Wie viele Cocktail-Schirmchen werden in den gesamten USA an einem Abend ausgegeben?" - das sind echte Fragen aus Vorstellungsgesprächen bei Unternehmensberatungen...

Reif: Ich glaube nicht an das Unter-Stress-Setzen von Bewerbern. Das ist eine überholte Form der Selektion. Schon gar nicht glaube ich an Brainteaser als eine Art 1000-Dollar-Frage, die nach der einen hundertprozentig korrekten Antwort verlangt. Viel wichtiger ist nach meiner fast zwanzigjährigen Erfahrung, dass wir mit der Interview-Scharade aufhören. Kandidaten sind vorbereitet und wollen, insbesondere bei der Frage nach Stärken und Schwächen, kaum Fläche für Unzulänglichkeiten bieten. Um diese Scharade zu beenden und eine wirklich wertvolle Unterhaltung über die Bedürfnisse, Neigungen und Erwartungen zu führen, helfen Brainteaser nicht weiter.

Ochmann: Wenn sich der Bewerber durch Fangfragen oder Ähnliches künstlich in Stress versetzt fühlt, geht er zur Konkurrenz. Das kann sich heute niemand mehr erlauben.

Hat die Beraterbranche Nachwuchssorgen?

Ochmann: Gute Berater zu bekommen, ist tatsächlich schwierig geworden. Das Image der Branche ist längst nicht mehr so strahlend wie noch vor ein paar Jahren. Der Beruf ist nach wie vor sehr vielseitig, interessant und verspricht eine hohe Lernkurve, ist jedoch auch sehr arbeits- und sehr reiseintensiv. Das möchte nicht jeder machen.

Die Unternehmen müssen also heute netter sein, um die wenigen Bewerbern nicht zu vergraulen?

Reif: Bewerbungsgespräche stellen heute für beide Seiten eine Testsituation dar. Auch die letztlich nicht angenommenen Kandidaten nehmen aus dem Bewerbungsgespräch einen subjektiven Eindruck mit. Und den teilen sie mit vielen anderen in den sozialen Netzwerken.

Ochmann: In einem Vorstellungsgespräch testen wir die Qualität eines Bewerbers ab, werben aber zeitgleich auch um ihn.

Wie sieht ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen heute aus?

Ochmann: Wir geben den Kandidaten sehr komplexes Datenmaterial mit wichtigen sowie unwichtigen Materialien an die Hand. Damit kann er sich eine Stunde lang auseinander setzen. Anschließend muss er eine halbe bis Dreiviertelstunde lang in einem Auswertungsgespräch erklären, was er dem Kunden anhand des Datenmaterials raten würde oder was seine Lösungsansätze sind.

Keine Aufgabe, die man richtig oder falsch lösen kann...

Ochmann: Es gibt hier keinen Königsweg, aber wir können in diesem Auswertungsgespräch gut erkennen, ob der Kandidat das hat, worauf es für uns ankommt. Das sind die Fähigkeit, sich mit den Problemen der Kunden auseinanderzusetzen, Problemlösekompetenzen und analytisches Denken.

Reif: Uns Recruitern geht es doch gerade um den Blick auf die Kombination der verschiedenen Kompetenzen. Erst dadurch entsteht ein Bild, das uns die mögliche Performance eines Bewerbers – basierend auf seinem Potenzial und Talent– besser einschätzen lässt.

Ein Spaziergang ist ein Vorstellungsgespräch bei einer Unternehmensberatung vermutlich trotzdem nicht.

Ochmann: Das ist für die Kandidaten natürlich eine Stresssituation, aber wir spielen nicht mit unseren Bewerbern. Und diese Gespräche finden, unabhängig von den Antworten des Bewerbers, immer in einem sehr wertschätzenden Umfeld und auf Augenhöhe statt. Wir versuchen dem Kandidaten schon im Vorstellungsgespräch eine Arbeitsprobe seiner künftigen Tätigkeit zu geben. Dabei soll niemand vorgeführt werden.

Was machen Sie, wenn jemand eine Frage nicht beantworten kann?

Ochmann: Innerhalb des Interviews werden natürlich Vertiefungsfragen gestellt. Es kommt immer mal wieder vor, dass jemand dann bei einer Frage blank ist und nicht weiter weiß. Dann wechseln wir das Thema, wir pieksen dann nicht weiter.

Also ist die Branche doch netter geworden.

Ochmann: Fiese Fragen gibt es – auch in der Breite – schon seit Jahren nicht mehr. Da hat sich die Welt wirklich verändert. Eben weil sich auch der Markt verändert hat. Speziell der Markt für gute Berater ist sehr eng geworden.

Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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