Vorbild Gesundheitssektor Familienfreundlichkeit wird zum Joker

Der sich verschärfende Fachkräftemangel alarmiert immer mehr Branchen. Schon bis 2036 wird die Zahl der Personen im Erwerbsalter von 50 Mill. auf 40 bis 42 Millionen zurückgehen. Die OECD nennt die Konsequenz: Abstieg als Wirtschaftsmacht. Aufzuhalten ist der Abstieg vom heutigen fünften Platz nicht, aber gebremst kann er werden.

Rainer Nahrendorf | , aktualisiert

Familienfreundlichkeit wird zum Joker

Foto: Franz Pfluegl/Fotolia.com

Der Wettbewerb der Arbeitgeber um die knapper werdenden Fachkräfte zwingt immer mehr Unternehmen dazu, sich ein neues Profil zu geben: Familienfreundlichkeit wird zum Erfolgsfaktor. Neben betrieblichen oder betriebsnahen Kinderbetreuungsmöglichkeiten werden familienbewusste flexible Arbeitszeiten zum Joker bei der Personalsuche.

Was auf die Unternehmen zukommt, können sie heute bei den Krankenhäusern studieren. Der Personalbedarf der Krankenhäuser steigt mit dem wachsenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung. Heute schon fehlen zwischen 4000 und 5000 Ärzte. Der Pflegekräftemangel wird sich nach Hochrechnungen auf 112.000 bis zum Jahr 2025 verschärfen.

Da die Medizin immer weiblicher wird, weil zwei Drittel aller Medizin Studierenden Frauen sind, wird es für Krankenhäuser überlebensnotwendig, familienfreundlich zu sein. Das bedeutet nicht nur, Kinderbetreuungsmöglichkeiten mit langen Öffnungszeiten von Kitas und Kindergärten zu schaffen. Noch wichtiger ist es, flexible Arbeitszeiten anzubieten, die die Wünsche der Familien mit den betrieblichen Notwendigkeiten in Einklang bringen.

Gesellschaftspolitische Investition

An Problembewusstsein mangelt es den Ärzteorganisationen nicht. Für die Krankenhäuser gilt es, Ärztinnen und Ärzte zu gewinnen und möglichst lange zu binden.

Familienfreundlichkeit senkt auch die Fehlzeiten, steigert die Arbeitszufriedenheit und -produktivität und ermöglicht einen schnelleren Wiedereinstieg nach dem Mutterschaftsurlaub oder der Elternzeit.

Familienfreundlichkeit erleichtert zudem die Realisierung des Kinderwunsches. Bei einer Geburtenrate von nur 1,36 Kindern pro Frau und einem Verzicht von 30 Prozent aller Akademikerinnen auf Kinder ist eine familienfreundliche Arbeitswelt eine gesellschaftspolitische Investition, die vielleicht wirksamer ist als manche der 197 Milliarden Euro teuren familienpolitischen staatlichen Leistungen.

Noch kein Standard

Der Hartmannbund, die Bundesärztekammer haben mehrseitige Checklisten für das familienfreundliche Krankenhaus vorgelegt, die Krankenhausgesellschaft spricht von einer ökonomischen Notwendigkeit und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat schon vor einigen Jahren eine Kampagne für ein familienfreundliches Krankenhaus gestartet.

Sie betreibt eigens ein Internetportal mit vorbildlichen familienfreundlichen Krankenhäusern.

Standard ist Familienfreundlichkeit noch lange nicht. Immerhin bieten schon 15 bis 20 Prozent der Krankenhäuser nach Angaben der Ärztegewerkschaft familienfreundliche Maßnahmen an. Mehr und mehr Krankenhäuser schaffen Kinderbetreuungsmöglichkeiten mit überlangen Öffnungszeiten krankenhauseigener oder Verbund-Kitas wie das Unfallkrankenhaus Berlin oder die kleine St. Barbara Klinik in Hamm-Heesen.

Knackpunkte sind flexible Arbeitszeiten, die Familien-, Fortbildungs- und Karrierewünsche und betriebliche Notwendigkeiten miteinander in Einklang bringen.

Krankenhäuser sind rund um die Uhr geöffnet. Schicht- und Bereitschaftsdienst sind die Regel, verlässliche, lange planbare Arbeits- und Bereitschaftszeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Kindern besonders wichtig. Dienstbesprechungen und Fortbildungen sollten nur zu Zeiten stattfinden, zu denen die Betreuung von Kindern gewährleistet ist

Individuelle Arbeitszeitmodelle

"Geht nicht, gibt es fast nicht." Von diesem Leitspruch lässt sich das große kommunale Klinikum Nürnberg mit seinen 6000 Beschäftigten und einem Frauenanteil von 73 Prozent leiten.

Die üblichen Schlagworte wie "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" und "Work-Life-Balance" sind bei uns keine Worthülsen, sondern sie werden von und mit uns gelebt, heißt es auf der Homepage der Klinik.

Sie verspricht künftigen Mitarbeitern, sofern es mit einer guten Patientenversorgung zu vereinbaren ist, individuelle Arbeitszeitmodelle mit einer optimalen Passung von Privat- und Arbeitsleben. Es gibt mehr als 20 Teilzeitmodelle und eine gleitende Arbeitszeit für selbstbestimmtes Arbeiten durch eigendisponierte Über- und Unterschreitung der Arbeitszeit.

Professionelles Personalmanagement

Um das zu leisten, berät und unterstützt ein professionelles Personalmanagement die Abteilungen. Es gibt es Teilzeitmodelle mit Festlegung bestimmter Wochentage oder Schichten, reduzierte Wochenarbeitszeiten, Teilzeitarbeit mit individuellen verkürzten oder später beginnenden Schichtzeiten und Jobsharing-Modelle, bei dem ein Jobpartner eine Woche arbeitet und der andere Partner die nächste.

Die flexible Planbarkeit der ersten sieben Jahre der Elternphase und Kontakthalteprogramme erleichtern den beruflichen Wiedereinstieg und die Karrierefortsetzung. Diese "flexible Familienzeit" hat bundesweit Modellcharakter.

Mit seinem Partner, dem Verein "Schaukel e.V.", betreibt das Klinikum Kinderkrippen und Kindergärten mit Öffnungszeiten von 6-20 Uhr ohne Ferienschließung. Die Größe des Klinikums, seine guten Fortbildungsmöglichkeiten zum Facharzt und die Familienfreundlichkeit zahlen sich aus.

Als attraktiver Arbeitgeber ist es ein Magnet in der Region und hat nur wenige Vakanzen.

Eine betriebliche Kinderbetreuung und familienbewusste Arbeitszeiten sind für junge Paare häufig ein ausschlaggebender Faktor bei der Entscheidung für einen bestimmten Arbeitgeber.

Zentrale Plattform für familienbewusste Personalpolitik

Umfragen bestätigen dies. Über 4400 Unternehmen haben es längst erkannt. Sie haben sich dem Netzwerk "Erfolgsfaktor Familie" angeschlossen.

Das Unternehmensnetzwerk ist eine gemeinsame Initiative des Bundesfamilienministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Es versteht sich als zentrale Plattform für Unternehmen, die sich für familienbewusste Personalpolitik interessieren oder bereits engagieren.

Bei der Deutschen Telekom arbeiten mehr als 13.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in familienfreundlichen Teilzeitmodellen.

Führungsposition im Job-Sharing

In der Datenbank mit 150 guten Beispielen wird ein Trend sichtbar, der für die betreuungsintensiven Krankenhäuser mit Präsenzpflicht kaum gilt.

Der Wandel der Arbeitswelt erleichtert eine familienfreundliche Arbeitszeitorganisation. Der Laptop wird zum mobilen Büro, das elektronische Home-Office ermöglicht Software-Ingenieuren wie Versicherungssachbearbeitern einen Teil ihrer Arbeitszeit zuhause zu absolvieren. So finden sich besonders viele Beispiele in der Datenbank, bei denen Teilzeitarbeit im Betrieb und Home-Office-Arbeit kombiniert werden.

Das Vorurteil, Karrierechancen blieben bei verkürzter Arbeitszeit auf der Strecke, wird durch zwei Bankmitarbeiter widerlegt, die sich im Job-Sharing-Modell die Leitung einer Filiale teilen.

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