Vetternwirtschaft Gefährliche Freundschaft

Guten Freunden gibt man einen Bonus: Eine Studie zeigt, dass Manager, die miteinander befreundet sind, ihrem Kumpel gerne mal ein Pöstchen oder eine Extrazahlung zuschustern. Darunter müssen die Angestellten leiden – oder das Wachstum.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Gefährliche Freundschaft

Foto: okeanaslt/Fotolia.com

Ein Freund, ein guter Freund: Laut einer Umfrage des Online-Jobportals Monster sind 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer mit ihren Kollegen zumindest oberflächlich befreundet. Und jeder Dritte arbeitet sogar mit seinem besten Freund Schreibtisch an Schreibtisch, wie eine Studie des Forschungsinstituts Gallup zeigt. Kein Wunder: Verbringen wir doch mehr Zeit am Arbeitsplatz, als mit unserer Familie, unseren Hobbies oder alten Freunden aus der Uni. Wer täglich neun Stunden neben Feinden sitzt, vereinsamt. Wer dagegen Freunde oder zumindest freundschaftliche Beziehungen zu Kollegen hat, ist nicht nur engagierter, sondern auch produktiver, wie Studien beweisen.

Befreundete Kollegen

Ein ähnliches Ergebnis lieferte auch eine Befragung der WirtschaftsWoche unter Mitarbeitern der Targobank in Düsseldorf: Freundschaft am Arbeitsplatz ist für alle ein Thema, unabhängig von Alter, Geschlecht und Position. Wer mit seinen Kollegen auf derselben Wellenlänge liegt, hat nicht nur mehr Spaß bei der Arbeit. Auch von Vorteilen wie einander "den Rücken stärken", "mehr Hilfsbereitschaft" und damit "effizienterem Arbeiten" ist die Rede. Freundschaften am Arbeitsplatz lohnen sich also nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für den Arbeitgeber.

Ist die freundliche Dame aus der Buchhaltung mit dem Controller befreundet, kann das dem Betrieb nutzen. Spielt sich eine Freundschaft jedoch in den Führungsetagen ab, kann das Risiken bergen. So zeigt eine Studie der American Accounting Association mit dem Titel "Will Disclosure of Friendship Ties between Directors and C.E.O.s Yield Perverse Effects?", dass sich Freunde auch dann noch gegenseitig Boni zuschustern, wenn sie damit das Unternehmen gefährden.

Das Experiment

Für die nicht repräsentative Studie wurden 56 Geschäftsführer verschiedener Unternehmen in Gruppen eingeteilt. Im Schnitt hatten alle 30 Jahre Berufserfahrung und saßen bereits in mehreren Aufsichtsgremien. Ein Viertel von ihnen war bereits in einem Prüfungsausschuss eines Betriebs aktiv gewesen. Diese erfahrenen Geschäftsleute nahmen nun an einem Rollenspiel teil: Sie alle sollten sich vorstellen, Vorstandsmitglied eines Biotechnologie-Unternehmens zu sein, das demnächst seine Jahreszahlen veröffentlicht.

Die Ausgangssituation

Ursprünglich hatte das fiktive Unternehmen mit einem Gewinn von 805 Millionen Dollar gerechnet, tatsächlich wurden es nur 800 Millionen Dollar. Bei einem Gewinn von 810 Millionen Dollar winkt dem Vorstandsvorsitzenden ein Bonus. Jetzt sollten sich zwei Drittel der Studienteilnehmer vorstellen, sie wären eng mit dem Vorstandsvorsitzenden befreundet, der aufgrund des unerwartet niedrigen Gewinns ohne Bonus würde nach Hause gehen müssen. Wiederum die Hälfte dieser Gruppe sollte davon ausgehen, dass ihre Freundschaft sowohl dem Management als auch den Aktionären bekannt ist. Die übrigen Teilnehmer haben dem Szenario nach keine freundschaftliche Bindung zum Vorstandschef.

Die Herausforderung

Die Geschäftsführer haben eine Möglichkeit, trotz der Gewinnzahlen ihrem Freund im Vorstand einen Bonus zukommen zu lassen. Allerdings müssen sie dafür das 40 Millionen Dollar schwere Forschungsbudget des Unternehmens angreifen. Zwacken sie von diesem Etat eine Million Dollar ab, steigt allerdings auch das Risiko, von der Konkurrenz überholt zu werden, um ein Prozent. Bei zwei Millionen sind es zwei Prozent, bei drei Millionen drei Prozent und so weiter und so fort.

Die Fragestellung

Bekommt der Vorstandsvorsitzende einen Bonus und falls ja, wie hoch wird er ausfallen? 46 Prozent der Geschäftsführer, die mit dem Vorstandschef befreundet waren, wollten das Forschungsbudget um mindestens ein Viertel kürzen, um ihrem Kumpel seinen Bonus zu ermöglichen. Von der Vergleichsgruppe, die keine freundschaftliche Beziehung hegte, wollten dies nur sechs Prozent tun. Einem guten Freund gibt man eben auch mal einen unverdienten Bonus.

Erstaunlich ist aber, dass auch diejenigen aus der Gruppe, die ihre Freundschaft publik gemacht haben, am Budget für Forschung und Entwicklung säbeln würden. 62 Prozent aus dieser Gruppe sagten, sie würden den Etat um zehn Millionen Dollar oder mehr kürzen, um ihrem Golfkumpel seinen Bonus zukommen zu lassen. Und das, obwohl sie wissen, dass damit das Risiko von der Konkurrenz überholt zu werden um zehn Prozent steigt.

Aus der Gruppe, die eine heimliche Freundschaft hegen sollte, entschieden sich nur 28 Prozent für eine Budgetkürzung zugunsten ihres Freundes.

Risiken der Freundschaft

Das Team um Studienautor Jacob M. Rose von der Bentley University war mehr als überrascht, dass so viele erfahrene Geschäftsführer bereit gewesen wären, die Zukunft ihrer Firma zu riskieren, nur um einem Freund einen Gefallen zu tun. "In der Realität ist dieser Freundschaftseffekt wahrscheinlich viel, viel größer als im Labor", fürchtet er.

Dass besonders diejenigen, die ihre Freundschaft zum Vorstandschef öffentlich gemacht haben, in die Kasse greifen würden, erklärt er so: "Viele Geschäftsführer scheinen zu glauben, dass die Offenbarung ihrer Freundschaft zum Vorstandsboss ein Freifahrtschein dafür ist, dass sie sein Interesse über das der Firma stellen".

Allein das Zugeben dieser persönlichen Beziehung sorge für Transparenz. "Wenn man solche Dinge mitteilt, hat man das Gefühl, seinen Verpflichtungen nachgekommen zu sein", so Rose. Sorgen darüber, wegen Vetternwirtschaft aufzufallen, machten sich nur wenige. "Schließlich war jeder gewarnt."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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