Verwandte Interessen Mit Mama ein Unternehmen gründen

Wenn die Mutter mit der Tochter oder der Vater mit dem Sohne eine Firma gründet, mischt sich Privates mit Professionellem. Gelingt es dem Nachwuchs, aus dem elterlichen Schatten zu treten? Drei Gründerpaare berichten von Nähe, Abgrenzung und ihren Aha-Erlebnissen mit den Blutsverwandten.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Mit Mama ein Unternehmen gründen

Erfolgreiche Familienunternehmen: Mit Mama ein Unternehmen gründen

Foto: Iurii Sokolov/Fotolia.com

Macher-Typ versus Kümmerin: Vural Öger und Tochter Nina Öger 

Den Job als Kellnerin verbot er ihr, stattdessen jobbte Nina Öger mit 14 zum ersten Mal in Papas Firma Öger Tours. Beim Spezialanbieter für Türkei-Reisen, den Vural Öger gegründet hatte, verkaufte sie Flugtickets und verschickte Urlaubskataloge. Später, als BWL-Studentin, wollte sie Investmentbankerin werden, doch dann erlag sie dem Reiz des Familienunternehmens. Ihr Weg zum Chefsessel in Hamburg war vorgezeichnet, die Nachfolge beim fünftgrößten Reiseveranstalter Deutschlands schien geregelt. Doch es kam anders.

Familie oder Unternehmen?

Mit 36 Jahren stand Nina Öger, die mittlerweile die väterliche Firma steuerte, plötzlich als alleinerziehende Mutter da und sah sich zwischen Kind und Job hin- und hergerissen. "Ich musste sehr viel Zeit bei unseren Geschäftspartnern in der Türkei verbringen, lebte mit meiner kleinen Tochter jedoch in Hamburg, so dass ich sehr viel von zu Hause fort war", erzählt sie. Ein unhaltbarer Zustand.

Sie entschied sich daher 2010, nach Istanbul umzuziehen und auf die Leitung von Öger Tours an der Alster zu verzichten. Stattdessen widmete sie sich in der Türkei den Geschäften der väterlichen Öger-Group, zu der unter anderem neun Hotels sowie der Fluganbieter Türk Tur gehören. Ein Konzern mit bis zu 1 700 Mitarbeitern in der Hauptsaison. Ihr Vater akzeptierte derweil ein Kaufangebot von rund 30 Millionen Euro für Öger Tours, das deutsche Herzstück seines Reisekonzerns.

Urlaub zum Anfassen

Doch schon bald langweilte sich der Multimillionär im selbst verordneten Ruhestand. Nur noch Golf zu spielen und mit seinem Boot bei klassischer Musik zwischen den griechischen Inseln zu cruisen, reichte ihm nicht: "Ich brauche Action und Aufregung, Geld allein befriedigt mich nicht", sagt der 72-Jährige, bei dem kein graues Haar zu sehen ist. Nun will es der deutsch-türkische Unternehmer noch mal wissen: Gerade hat das erfolgreiche Vater-Tochter-Gespann gemeinsam einen neuen Türkei-Reisespezialisten gestartet: V.Ö. Travel.

Denn der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der sich 1990 in Deutschland einbürgern ließ, hat zwischen den Reisekonzernen eine Marktlücke entdeckt: Dem Internet zum Trotz "wünschen sich viele deutsche Urlauber einen Ansprechpartner, wenn es um die schönsten Wochen im Jahr geht. Dazu gehört ein Unternehmen mit Identifikationsfiguren dahinter", sagt er. Und Tochter Nina, die eine deutsche Mutter hat und zweisprachig aufwuchs, ergänzt: "Außerdem haben die Türken eine andere Art, Geschäfte zu machen. Persönliche Kontakte und Gespräche sind enorm wichtig."Die beiden wollen also Inhaber zum Anfassen sein. Er wird ihr die deutschen Urlaubsgäste liefern, die sie dann vor Ort betreut und umsorgt.

Von dieser Gründungsidee bis zum "O.k., wir machen das" von Nina dauerte es keine Minute, berichten sie von ihrem Gespräch im vergangenen Herbst. Nina: "Seine Begeisterung ist ansteckend." Offensichtlich. Denn bereits in diesem Sommer vermarkten über 3 000 deutsche Reisebüros Ögers neue Türkei-Ferienangebote.

Gute Mischung

Schnell, flexibel, kommunikativ – diese Eigenschaften zeichnen beide Chefs aus. Allerdings in unterschiedlicher Ausprägung: Mit seinem Verkaufstalent und seiner unterhaltsamen Art drängt er in den Mittelpunkt und umgarnt seine Zuhörer. Sie dagegen geht auf andere zu, um ihre Bedürfnisse zu verstehen. "Wir sind beide impulsiv, da zeigt sich das türkische Blut", sagt Nina diplomatisch, als er ihr zum wiederholten Male ins Wort fällt.

Bei so viel Temperament kann es auch mal krachen. Dass es weniger oft und heftig ausfällt, liegt an ihrer Gelassenheit und Kompromissbereitschaft. Er weiß das genau und neckt sie noch mit ihrer deutsch-türkischen Abstammung: "Meine Tochter – halb Bosporus, halb Elbe."

Macher-Typ trifft Kümmerer

Entsprechend ihren Charakteren sieht auch ihre Arbeitsteilung aus: Der Patriarch fällt die strategischen Entscheidungen, sucht die Geschäftspartner und pflegt Kontakte. Seine Tochter leitet das Geschäft, bezieht dafür Gehalt. Finanziell beteiligt ist sie bislang nicht. In Anspielung auf seine Vorliebe für auffällige Outfits bringt sie es so auf den Punkt: "Lackschuh versus Schnürschuh". Er dagegen freut sich über "ihren Hang zu Disziplin und Perfektion, der sich hervorragend mit meinem Talent zur Improvisation ergänzt".

Wenn sie nach Analyse der Fakten unterschiedlicher Meinung sind, ziehen sie Experten hinzu. Neulich etwa, als sie das neue Firmen-Logo entwickelten. Es sollte jünger, frischer werden – ein emotionales Thema. Sie sagt zwar offen ihre Meinung, aber das letzte Wort überlässt sie ihm. Genauso will er es auch.

Leistung verschafft Respekt

Chefs auf Augenhöhe? "Ja", sagen beide dennoch. Das war aber nicht immer so. Lange galt der quirlige Entrepreneur auch als Übervater. Nina: "Früher habe ich aufgeschaut, heute bewundere ich ihn vor allem für sein Durchhaltevermögen." Das dazu geführt hat, dass die Ögers in diesem Jahr das 45-jährige Jubiläum der ersten Firma feiern konnten, die Vural 1969 gründete, damals noch als junger Maschinenbaustudent in Berlin. Seine ersten Flugscheine für Türk Tur tippte der angehende Diplom-Ingenieur auf einer Schreibmaschine.

Als Nina 1999 fest in das Familienunternehmen einstieg, dachte sie, "alle haben die Riesenerwartung, ich müsse mindestens gleich gut, vielleicht sogar besser sein als mein Vater. Ich wollte mich beweisen, den Druck hab ich mir als Tochter selbst gemacht." Doch nach 15 Jahren im Geschäft weiß die Managerin: "Die Gleichberechtigung als Geschäftspartner kommt mit der Leistung."

Nina wurde klar, dass sie sich freigeschwommen hatte, als ihr Vater der damals 36-jährigen Alleinerziehenden die volle Verantwortung für das Türkei-Geschäft überließ: "Das war ein großer Vertrauensbeweis und sehr ermutigend." Inzwischen aber hat sich das Kräfteverhältnis aus ihrer Perspektive sogar umgedreht: "Erst hatte ich meinen Vater stärkend im Rücken, doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich zum Apparat im Rücken meines Vaters geworden bin."

Vural Öger wiederum, der noch einen Sohn und eine weitere Tochter hat, sagt: "Man muss den Charakter und die Talente des Kindes gut kennen und darf es nicht zum Unternehmertum zwingen." Und man müsse Geduld haben: "Es ist wie mit einer Blüte, die eine bestimmte Zeit braucht, um zu erblühen."

Ihre Freude an der Chef-Rolle hat er bei Tochter Nina aber gefördert. Und: "Ich habe gelernt, Vertrauen zu haben", gibt der Unternehmer zu, dessen eigener Vater ein türkischer General war und dessen Mutter großbürgerlichen Verhältnissen entstammte. Denn der 72-Jährige denkt dynastisch – "der Name Öger verpflichtet", sagt er. Wohlwissend, dass sich auch seine Tochter dem längst verschrieben hat. Nina: "Die Firma ist das Lebenswerk meines Vaters, da musste ich mir schon klar werden, ob ich diese Verantwortung übernehmen will."

Henriette Frädrich fand die Idee "sexy", sich mit einer Internet-Firma selbstständig zu machen. Doch der Medienwirtin, die bei RTL als Redakteurin arbeitete, fehlte die zündende Idee. Als ihre Mutter Gabriele Dallmann, Beraterin und zuvor Fachgebietsleiterin für die Zulassung von Arzneimitteln am Paul-Ehrlich-Institut, ihr erzählte, wie oft sie von Pharma-Unternehmen gefragt würde, ob sie nicht kompetente Dienstleister rund um die Medikamenten-Entwicklung empfehlen könne, sah die damals 28-Jährige ihre Chance. "Meine Mutter meinte, es könne doch nicht sein, dass es solch ein Matching-Angebot wie für private Paare im Geschäftsbereich noch nicht gibt. Da sagten wir uns: 'Dann machen wir beide das doch. Wir werden das Parship für die Pharma-Branche!'", erzählt Henriette vom Ursprung ihres Gründungsplans.

Zeit der Hoffnung

"Unternehmertum liegt uns zwar nicht im Blut", ergänzt ihre Mutter, promovierte Biologin und frühere Bundesbeamtin. Aber beide vertrauen auf ihre Stärken. Schnell merken Mutter und Tochter, dass sich das Marketing- und Internet-Know-how der Jüngeren bestens mit der Pharma-Expertise und dem großen Kontaktnetz der Älteren ergänzt. Im Sommer 2009 starteten sie ihre Online-Vermittlung pharmatching.com. Erst nebenbei, dann in Vollzeit arbeiteten die Chefinnen an ihrem Projekt – die eine im  Gründerzentrum in Freiburg, die andere im Heimbüro in Köln. Der Aufbau-Prozess war eine Zeit voller Hoffnungen – die Marke war geschaffen, ihre Kundendatei wuchs.

Erste Ernüchterung

Beide haben großes Vertrauen ineinander – bauten aber trotzdem vor: "Wir haben abgesprochen, wie wir miteinander umgehen wollen, damit es nicht wegen geschäftlicher Konflikte zu einem privaten Zerwürfnis kommt", sagt Gabriele. "Keine Vorwurfshaltung", lautet das oberste Gebot. Und sollte eine Klärung zu zweit nicht möglich sein, wollen sie einen neutralen Schlichter hinzuziehen. Weise Entscheidung, denn die Krise kommt – zwei Jahre nach der Gründung. Und zwar mit der Erkenntnis: "Die Welt hat nicht auf uns gewartet."

Sie krempeln ihr Portal um. Rund 100 000 Euro kostete allein die erste Programmierung, weitere Investitionen werden fällig. Das geht an die Substanz, doch das Mutter-Tochter-Gespann steht es durch. "Wir sind nicht leichtsinnig, sondern glauben daran, dass es immer eine Lösung gibt", sagt Mutter Gabriele. Sechs Jahre nach der ersten Idee sehen sich die beiden nun erneut vor einer wichtigen Entscheidung: Damit pharmatching.com weltweit wächst, brauchen sie einen weiteren Investor. Alternativ würden die Gründerinnen ihr Online-Portal auch verkaufen.

Bei aller Liebe und Vertrauen – im Geschäftsleben "lernt man andere Seiten von Familienmitgliedern kennen", sagt Henriette. Und die unterschiedlichen Erfahrungswelten werden plötzlich deutlich. So erzählt die Medienwirtin davon, wie beeindruckt sie war, als sie ihre Mutter zu einer Pharma-Messe in Monaco begleitete und erlebte, dass sie permanent von Besuchern umringt war. "Ich dachte: Krass, wen sie alles kennt!"

Gabriele wiederum ließ sich von ihrer moderationserfahrenen Tochter zum geschickteren Auftritt vor Publikum trainieren. "Außerdem hat meine Tochter viele Marketing-Ideen, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte." So sorgte sie in Monaco bei den Messebesuchern mit Lutschern, in denen Käfer steckten, und dem Slogan "Versuch mal was Neues" für Aufsehen. "Ich habe mich auf diese Idee eingelassen und festgestellt, dass sie einschlug wie eine Bombe", sagt Gabriele, die gerade mal 20 Jahre älter als ihre Tochter ist.

Keine Limits

Ihre große Bereitschaft, voneinander zu lernen, zeichnet das Gründer-Duo aus. "Es gibt Momente, da frage ich mich, wie würde es meine Mutter machen?", sagt die 34-jährige Medienwirtin, die inzwischen selbst Mama ist. Die Haltung der 54-Jährigen ist klar: "Ich bin anspruchsvoll und optimistisch und sehe für mich als Frau und Mutter keine Limits." Vor allem von dieser Durchsetzungskraft würde sich Henriette gern ein Scheibchen abschneiden. Die Tochter konnte sie live bei den erfolgreichen Verhandlungen mit der Bank erleben und meint: "Dafür war ich zu grün hinter den Ohren. Meine Mutter dagegen war es gewohnt, mit männlichen Autoritäten in grauen Anzügen zu verhandeln."

Solche Situationen verlangten nach einem formelleren Umgang als zu Hause. Bei Terminen sprach Henriette von "Frau Dallmann" statt von "Mama" und auch Kosenamen für die Tochter waren tabu. Zusammen mit den ungewohnten Erlebnissen miteinander und den neuen Eindrücken voneinander wandelte sich das Mutter-Tochter-Verhältnis. Henriette bringt es so auf den Punkt: "Heute sind wir auf Augenhöhe. Gleichberechtigt – von Frau zu Frau."

"Patente sind wertvoll." Das hörte Georg Kopetz von Kindesbeinen an. Zu Hause, wenn sein Vater Hermann Kopetz von seinen Forschungen an hochverfügbaren Echtzeit-Steuerungen an der Wiener Uni erzählte. Und erst recht, als er zusammen mit seinem jüngeren Bruder, seiner älteren Schwester und seiner Mutter den österreichischen Professor ins amerikanische Silicon Valley zu dessen Forschungs- und Lehraufenthalten begleitete. "Diese Ausflüge in die kalifornische High-Tech-Szene weckten in mir die Lust am Unternehmertum", erzählt Georg.

Patenter Sohn

Und so begeisterte der Junior 1997, gerade 23 Jahre alt und frisch gebackener Jurist, seinen 54-jährigen Vater, der wieder mal keinen Interessenten für sein neuestes Patent finden konnte, von seinem Plan: "Wir bauen einen Chip-Prototyp und vermarkten ihn dann selbst."

Die Idee des eigenen Unternehmens schien dem Vater verlockend – endlich könnte er seine wissenschaftliche Vision realisieren. Aber der renommierte Wissenschaftler gibt ehrlich zu: "Georg war die treibende Kraft. Ich hätte mich das in seinem Alter nicht getraut."

Praktische Ergänzung

Mit seinen Gründungsambitionen war der Twen ein Exot im Freundes- und Familienkreis – eine Beamtenlaufbahn galt als Nonplusultra. Sein Vater sah noch andere Karriere-Alternativen für seinen ältesten Sohn mit dem Faible für Zahlen und Börsengeschäfte – Wirtschafts- oder Patentanwalt etwa – und vergewisserte sich immer wieder: "Willst du das wirklich?" Doch Georg war sich sicher: "Ich will nicht verwalten, sondern selbst gestalten." Sein Stipendium sausen zu lassen, mit dem er eigentlich in den USA weiterstudieren wollte, fiel dem angehenden Jungunternehmer nicht schwer.

Der Vater ist das Mastermind, der Sohn hat den Instinkt fürs Geschäft. Ein Forscher und ein Jurist, analytischer Verstand trifft auf Herz für den Vertrieb. So weit, so gut. Doch die beiden merkten: Uns fehlt der Mann fürs Praktische. Also holten sie den Ingenieur Stefan Poledna als Entwicklungsleiter dazu, der zuvor beim Senior promoviert hatte. Nach 17 Jahren gemeinsam durchlebter Höhen und Tiefen gehört der einstige Student inzwischen fast zur Familie.

Aber auch im Trio bleiben die Rollen klar verteilt: Poledna, mit 25 Prozent beteiligt, übernimmt Einkauf und Qualitätssicherung. Georg, ebenfalls mit einem Viertel-Anteil, ist verantwortlich für Finanzierungsfragen, Vertrieb, Marketing und Personal. Sein Vater, mit 50 Prozent Hauptanteilseigner, hält sich aus der Geschäftsleitung raus, schreibt aber alle Patentanträge. Denn der 72-Jährige ist überzeugt: "Unklare Zuständigkeiten können zum Stolperstein für die Gründung werden."

Schnelles Wachstum

"Mein Vater hat nie reinregiert oder sich eingemischt", bestätigt sein Sohn. Wenn er ihn jedoch anfangs um Rat gefragt hat, dann war die neue TTTech Computertechnik AG zu Hause stundenlang Gesprächsthema. Im ersten Jahr hatten die drei Gründer sieben Mitarbeiter, heute beschäftigen sie mehr als 320. Die Betriebsleistung betrug 2013 rund 42 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern lag bei vier Millionen Euro. TTTech hält inzwischen über 100 Patentfamilien. "Ich blicke immer noch zu meinem Vater auf, wenn es um Technik und Innovation geht", gibt der Filius gerne zu.

Der seit zwei Jahren emeritierte Professor, der nur noch als Aufsichtsratsmitglied, nicht mehr im Vorstand von TTTech tätig ist, "ist stolz, dass meine Ideen nicht mehr nur auf dem Papier existieren. Das wurde mir so richtig klar, als ich mit dem A380 geflogen bin." In diesem Flugzeug steckt die von ihm erdachte Technik, ebenso wie im Dreamliner von Boeing oder in Fahrerassistenzsystemen von Audi. Die Österreicher liefern ihre hochzuverlässige Computersteuerung außerdem für das amerikanisch-europäische Raumschiff Orion, das im Oktober 2014 unbemannt starten soll. "Mein Vater hat eine emotionalere Beziehung zu unserer Technologie, ich könnte auch andere Produkte vermarkten", sagt Georg.

Gegenseitige Anerkennung

Der Vater liefert die Kontakte zu Wissenschaftlern und zu Standardisierungsgremien, sein Sohn bahnt die Gespräche mit Industriekunden an. Zwei vollkommen unterschiedliche Ebenen, die sich perfekt ergänzen. Und die den Familienmitgliedern manche neue Erkenntnis übereinander beschert. "Als Wissenschaftler hatte ich die Haltung: Die beste Idee setzt sich durch. Aber das stimmt so nicht. Andere Faktoren spielen oft eine größere Rolle, zum Beispiel, wer in einem Unternehmen das Sagen hat und welchen Lieferanten er favorisiert. Das hat mein Sohn viel eher erkannt als ich", erzählt Kopetz Senior. Und während sein Vater bei einer Absage resigniert, fordert es den Ehrgeiz von Kopetz Junior, den früheren Klassen- und Soldatensprecher, geradezu heraus, ein Unternehmen doch noch als Kunden zu gewinnen. "Ich bewundere, wie mein Sohn das Boeing-Projekt an Land gezogen hat", sagt Hermann Kopetz.

Auch wenn es um das Aushandeln von Verträgen ging, setzt der Ältere vollstes Vertrauen in den Jüngeren: "Er hat das studiert, also wird er es auch können." Außerdem handelt der Kärntner Wissenschaftler, der im Internat aufwuchs, um zur Höheren Schule gehen zu können, und der später an der Uni in Linz habilitiert hat, nach der Devise: "Junge Leute muss man üben und ihren eigenen Weg gehen lassen. Dann stellt man fest: Bei Herausforderungen leisten sie oft mehr als erwartet."

Und kritische Momente gab es. Etwa, als es um die Finanzierung geht. Die Entwicklung des ersten Chips verschlang einige Millionen Euro. Und anfangs fiel es den Gründern schwerer als gedacht, High Tech "Made in Austria" an den Mann zu bringen. Georg akquirierte private und öffentliche Investoren und entwickelte Ausweichstrategien. So setzte er nicht nur auf die Autohersteller, sondern auch auf die Flugzeug- und Baumaschinenproduzenten als Kundschaft. Seine Taktik ging auf.

Heute halten die Gründer ein gutes Drittel an TTTech, der Rest ist im Besitz von deutschen und österreichischen Unternehmern, Mitarbeitern und dem Wiener Wachstumsfonds. Noch in diesem Jahr soll ein Büro im Silicon Valley eröffnen, um die Web-Riesen wie Cisco für die Technologie aus Wien zu gewinnen. Das gemeinsame Ziel von Vater und Sohn rückt also näher: Vom Technologieführer zum Marktführer zu werden – und trotz aller Erfolge "bescheiden zu bleiben".

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