Versandhandel Otto sucht Nachwuchs

Der Online-Handel bei Otto boomt - auch im Krisenjahr 2009 sollen die Umsätze klettern. Deshalb setzt das Versandhaus besonders auf die Neuen Medien. Das Trainee-Programm ist trotz hoher Anforderungen bei Berufseinsteigern sehr beliebt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Stefanie Bilen | , aktualisiert

Der Tag beginnt früh und ziemlich schweißtreibend für Ina Offermann, aber in lockerer Atmosphäre. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag geht sie morgens um sieben Uhr ins firmeneigene Fitnessstudio und läuft, rudert oder steppt. Allein ist sie dabei nicht. Mit ihr schwitzen meist vier Kollegen aus ihrer Abteilung Neue Medien. Wenn ein Projekt brennt, tauschen sie schon von Laufband zu Laufband oder über die Rudermaschinen hinweg die ersten Infos aus. Richtig los geht es dann ab halb neun im Büro. Ina Offermann ist seit November Trainee beim Handelsriesen Otto und eine von 140 Mitarbeitern, die das E-Commerce-Geschäft im In- und Ausland betreuen. Der Familienkonzern Otto ist eine Firma mit vielen Gesichtern.

Das 1949 von Werner Otto gegründete Unternehmen ist im Versandhandel aktiv. Während das traditionelle Kataloggeschäft schrumpft, legt der Verkauf übers Internet zu. Und während es in der einen oder anderen Abteilung eher gemächlich zugeht, Bereichsleiter ohne Computer auskommen und sich E-Mails ausdrucken lassen, sind die Neuen Medien der Bereich, auf den das Management seine Hoffnungen setzt. Nach vorläufigen Zahlen ist der Online-Umsatz von Otto im vergangenen Geschäftsjahr, das im März endete, um zwölf Prozent auf 5,5 Milliarden Euro gestiegen. Damit ist Otto hinter Amazon der zweitgrößte E-Commerce-Anbieter weltweit. Der Gesamtumsatz der Gruppe, zu der neben zahlreichen Versandhändlern und stationären Geschäften auch die Hermes Logistik Gruppe und die Hanseatic Bank gehört, stagnierte dagegen bei 10,1 Milliarden Euro.

Trainee-Plätze sind begehrt

Jeweils 240 Absolventen will das Unternehmen in diesem und im kommenden Jahr einstellen, hauptsächlich in der IT und im Einkauf. Auch in den Neuen Medien gibt es zahlreiche freie Stellen. Wer hier einsteigt, bekommt noch ein wenig Flair der New Economy geboten. Die Mitarbeiter treiben nicht nur zusammen Sport wie Ina Offermann, sie sind auch per Du - im Rest des Hauses wäre das undenkbar -, in der Teeküche stehen Softdrinks und Schokoriegel bereit, und wer ein Thema zu besprechen hat, setzt sich auf die Dachterrasse. Und nach Feierabend ziehen die Kollegen häufig zusammen los, um ein Bier zu trinken oder Tapas zu essen. Ina Offermann findet dieses Umfeld nett, hat sich aber aus anderen Gründen für Otto entschieden: "Das Trainee-Programm bietet mir eine unheimliche Vielfalt an Aufgaben, ich kann hier sehr viel lernen."

Unter weit mehr als 100 Bewerbern hat sie sich durchgesetzt, insgesamt 35000 Bewerbungen sind bei Otto im vergangenen Jahr eingegangen; 52700 Menschen arbeiten in den 123 Einzelgesellschaften, die zu Otto gehören. Einsteiger sollten die Annehmlichkeiten allerdings keinesfalls mit einem laxen Job verwechseln. Insbesondere in den Neuen Medien verlangt Otto großen Einsatz. Die langen Arbeitszeiten sprechen für sich, zudem wissen die Mitarbeiter, dass Otto im Versandhandel nur noch über den Online-Kanal wachsen kann. Das E-Commerce-Geschäft boomt zwar seit Jahren, und auch für 2009 rechnet der Bundesverband des Deutschen Versandhandels erneut mit einem Umsatzplus von zehn Prozent im Online-Handel - die Keimzelle des Konzerns, die Otto GmbH & Co. KG, profitiert von diesem Wachstum allerdings überhaupt nicht.

Ausgerechnet das Stammgeschäft, das einst unter Otto Versand firmierte und zu dem heute die Website www.otto.de gehört, schafft den Wandel in der Zeit des Online-Shoppings nicht. Der Umsatz der Einzelgesellschaft Otto sank zwischen 2001 und 2008 von 3,3 auf 1,7 Milliarden Euro. Das, was der Konzern vom Online-Kuchen abbekommt, wird von anderen Marken erwirtschaftet, darunter zum Beispiel MyToys.de. Dennoch bekommt das Unternehmen Lob aus der Fachwelt. Bernd Skiera, Professor für BWL/Electronic Commerce an der Uni Frankfurt, sagt: "Otto versucht erfolgreich, viele Internetthemen in das Unternehmen zu tragen und zu realisieren. Natürlich ist es in einem so großen Konzern keine so einfache Aufgabe wie für ein Internet-Start-up."

Erst Anfang Juni eröffnete Otto den Mode-Online-Shop Yalook.de, der mit Moderedakteuren und Stylisten zusammenarbeitet. Im Januar übernahmen die Hamburger Limango.de, eine Plattform für werdende Eltern und junge Familien. Lange galt das Hamburger Familienunternehmen unter dem Spitznamen "Amt für Versandhandel" als behäbig und wenig mutig. Noch heute bestimmt etwa die Einkaufsabteilung, was die Kollegen vom Verkauf in den Markt tragen sollen. In anderen Häusern, etwa bei Esprit oder S.Oliver, ist das längst anders. Der Vertrieb gibt mit Blick auf die Abverkaufszahlen die Einkaufsmengen und Artikel vor.

Nachhaltigkeit als Unternehmenskultur

Bei Otto aber bleiben die Einkäufer tonangebend. "Der Verkauf und die Werbung versuchen dann das, was der Einkauf in den Katalog packt, katalogkostenoptimiert in den Markt zu tragen", lästert eine ehemalige Mitarbeiterin. "Behutsam und behütet" sei Otto, sagen Kritiker, denn das Unternehmen ist zu 100 Prozent im Besitz der Familie Otto - Analysten können keine unbequemen Fragen stellen, und Kursnotizen können die Geschäftspolitik nicht abstrafen. Andererseits: Michael Otto, der Sohn des Gründers, der 2007 in den Aufsichtsrat wechselte, begann schon Ende der 70er-Jahre, seinem Unternehmen einen grünen Kurs zu verpassen. Während das Gros der Wirtschaft erst heute die Nachhaltigkeit entdeckt, ist es bei Otto längst gelebte Unternehmenskultur.

Auch den Schritt in die Online-Welt wagte Otto früh: Als er 1995 seinen ersten Internetauftritt präsentierte, war er einer der Vorreiter unter den traditionellen Versandhändlern. Vor zehn Jahren beschäftigte Otto dort 22 Mitarbeiter, heute sind es siebenmal so viele. Ina Offermann sitzt mit den meisten von ihnen in einem Großraumbüro, über ihrem Platz hängt ein Monitor, auf dem eine Kurve die Visits der Otto.de-Seite darstellt und mit der Vorwoche vergleicht. Die Grafik soll Ansporn und Kontrolle zugleich sein. Darüber, dass Offermanns Leistung stimmt, wachen die Verantwortlichen der rund zehn Abteilungen, die sie durchläuft. Ratschläge bekommt sie einmal pro Woche von einem Abteilungsleiter, der sie coacht. Und sie geht regelmäßig mit dem Bereichsleiter essen.

Otto hat bisher auf Trainees verzichtet. Jetzt bildet das Unternehmen Nachwuchs im Einkauf und in den Neuen Medien aus. Die BWL-Absolventin Offermann verbringt jeweils ein bis zwei Monate im Shop-Management, im Produkt-, Online- und Performance-Marketing sowie bei der neuen "Social Shopping"-Plattform Smatch.com. Den Abschluss bilden zwei Monate bei Otto in Seoul. Läuft alles wie geplant, wird sie nach anderthalb Jahren im Stammhaus in Hamburg-Wandsbek fest angestellt. Bis dahin wird sich das "Puzzle Otto.de", wie sie es nennt, vervollständigt haben. Ihre Tätigkeit ist eine komplexe Mischung aus Technik, Vertrieb, Mode und Analyse. Mal arbeitet sie daran, die Webseite optisch zu verbessern, mal geht es darum, Verkaufsrenner - etwa eine Jeansröhre - so in den Suchmaschinen unterzubringen, dass Kunden sie auf Otto.de finden.

Die vielseitigen Aufgaben und die zu geringe Zahl der Mitarbeiter - einige Stellen sind aus Mangel an qualifizierten Bewerbern unbesetzt - erschweren allerdings die Arbeit, sagt sie. Trotzdem sagt Claus Dethloff von Service-Rating in Köln: "Die Kundenorientierung von Otto ist vorbildlich." Service-Rating hat zusammen mit der Uni St. Gallen, der Unternehmensberatung Steria Mummert Consulting und dem Handelsblatt Deutschlands kundenorientiertesten Dienstleister 2008 gekürt. Otto wurde achter, als zweitbestes Versandhandelsunternehmen nach dem Sieger Home Shopping Europe. Komplexe Anforderungen und viele Rädchen, die ineinander greifen - das kennt auch Thomas Papendieck, 34.

Papendieck: Viel gesehen

Als der Wirtschaftsingenieur 2002 zu Otto kam, begann er als Berater in der Einkaufssteuerung, einer Abteilung, die Prognosen zur Unterstützung des Einkaufs erstellt. Keine leicht zugängliche Materie. Papendieck aber gefiel es. "Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Ich habe an einem Projekt gearbeitet, das ich drei Wochen nach meinem Start vor Direktoren und Vorständen des Einkaufs präsentieren sollte." Die Vorstellung muss gut gewesen sein, sonst wäre Papendieck sicher einen anderen Weg gegangen. Nach zweieinhalb Jahren wechselte er in die Vertriebs- und Markenstrategie, anschließend übernahm er seinen heutigen Job: Er ist Leiter der Strategischen Firmenberatung für Zentral-, Osteuropa und Asien. KE-SF-1 heißt das im Otto-Deutsch.

Durch seine Wechsel hat der Manager weit mehr gesehen als viele ältere Kollegen. Für Papendieck macht dies den Reiz aus. Er empfiehlt, es ähnlich zu machen. "Ich finde es befruchtend, wenn meine Mitarbeiter viel gesehen haben." "Wir brauchen Unternehmertypen mit Mut, Innovationskraft, Kampfgeist und Durchhaltevermögen", formuliert es Personaldirektor Michael A. Picard. Wer in seinem Kämmerchen sitze und darauf warte, abgeholt zu werden, mache sicher keine Karriere. Netzwerken, so betonen alle "Ottonen", sei immens wichtig.

Die Bürogestaltung fördert dies: Bei Otto gibt es keine Einzelbüros, alle sitzen "auf der Fläche", wie es intern heißt. Manager wie Papendieck bekommen einen Fensterplatz, normale Angestellte einen Schreibtisch inmitten langer Reihen von Arbeitsplätzen. Grünpflanzen und Aktenschränke sollen etwas Privatsphäre schaffen - auch wenn der Versuch ebenso kühn wirkt, wie Hennen in Legebatterien das Gefühl von Freiheit geben zu wollen. Damit die Mitarbeiter sich gegenseitig finden, hat das Gebäudemanagement Schilder mit Planquadratzahlen an die Decke gehängt. Auch die Mittagspause verbringen die Kollegen miteinander.

Drei Kantinen und ein Restaurant gibt es, viele verabreden sich Tage im Voraus. Wer Thomas Papendieck zum Mittag treffen möchte, muss besonders viel Geduld mitbringen: Zweieinhalb Monate im Voraus ist der Manager ausgebucht. Otto fördert diesen Austausch. Das Unternehmen veranstaltet turnusmäßig ein sogenanntes EWS, ein Einweisungsseminar, bei dem alle Neueinsteiger der vergangenen zwei, drei Monate zusammenkommen, um sich untereinander und ihren Arbeitgeber kennenzulernen.

Unternehmenskultur vom Feinsten

Solche Kontakte pflegen die Ottonen noch Jahre später. Geprägt wurde diese Kultur durch Michael Otto. Jeder, der Otto einmal begegnet ist oder gelegentlich mit ihm zu tun hat, spricht mit Respekt von "Herrn Dr. Otto". Robert Hagemann, 32, Abteilungsleiter in der Informationstechnologie, hat Otto Ende der 90er-Jahre einmal in einer Gesprächsrunde mit Auszubildenden und Volontären kennengelernt. Auch er sagt: "Dr. Otto ist eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit mit einer großen Ausstrahlung. "

Hagemann ist seit zwölf Jahren im Unternehmen, er begann als Volontär und führt heute ein Team von 18 Festangestellten und ebenso vielen Freiberuflern. Weil viele Projekte unter Zeitdruck realisiert werden müssten, kann es schon mal hoch hergehen, sagt er. Dann wird gestritten und gerangelt, aber immer fair. "Wir achten auf einen guten Umgang miteinander." Pflegt Otto also doch eine behütete und behutsame Kultur? Robert Hagemann formuliert es anders. "Otto geht es um Nachhaltigkeit, egal bei welchem Thema. Wir arbeiten für einen langfristigen Unternehmenserfolg und gehen mit Marktschwankungen bedachtsam um."

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