Vermögensaufbau Ohne Karriere zu ganz viel Geld

Blut spenden, Erben suchen oder spekulieren: Zwei Studenten wollten schnell Millionäre werden. Entstanden ist ein launiges Buch über den mühsamen Weg zum Reichtum

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Das Thema ihrer Diplomarbeit war ambitioniert: Die beiden Grafikdesigner Yvonne Feller und Florian Flechsig wollten schnell Millionäre werden – und haben ihren Selbstversuch in ihrer Abschlussarbeit ausgewertet. Das Diplom haben die beiden jungen Berliner mittlerweile in der Tasche, Millionäre sind sie allerdings nicht geworden. Aber sie haben ein Buch über ihren Versuch geschrieben: Wir sind jung und brauchen das Geld ist das muntere Protokoll eines Scheiterns und eine überaus turbulente und launig verfasste Zusammenstellung allerlei nur erdenklicher Versuche, schnell an Geld zu kommen.
Mit Erwerbsarbeit im eigentlichen Sinn hat das Wagnis allerdings nichts zu tun, das hatten die beiden Autoren vorher ausgemacht. Tabu waren auch kriminelle Handlungen, ansonsten waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Um den Versuch spannender zu machen, traten die beiden Autoren als Kontrahenten gegeneinander an: in sechs Monaten zur Million und zwar jeder für sich. Das Duell schlägt sich auch in der liebevollen Gestaltung nieder: Während Yvonne Fellers Erlebnisse in schwarzer Schrift gedruckt sind, wurde für die Erfahrungen von Co-Autor Florian Flechsig ein bräunliches Orange verwendet. Zunächst etwas ungewöhnlich, aber durchaus lesbar. Am Ende jedes Kapitels finden sich kleine Merkkästen, die mit kecken Slogans die jeweilige Erkenntnis ironisch zusammenfassen. Zwischendurch haben die Autoren zahlreiche erheiternd-absurde Wissensbrocken eingestreut. Beispiel Pfandflaschensammeln: Um in einem halben Jahr mit Pfandflaschen Millionär zu werden, müsste man vier Millionen Einwegflaschen sammeln, also 22.222 Stück am Tag.

Nie verlassen Flechsig und Feller ihre verspielte, bisweilen naiv wirkende Sichtweise auf den Selbstversuch. Sie wollen nicht Systemkritik üben und auch keine prekären Arbeitsbedingungen anprangern. Nur am Ende des Buches kommt die Sprache auf die eigene berufliche Ungewissheit. Als Grafikdesignern winkt ihnen nicht die sichere Festanstellung – sondern eher die schlecht bezahlte, unsichere Freiberuflichkeit. Gerade vor diesem Hintergrund erstaunt die Unbekümmertheit, die sich durch das ganze Buch zieht. Flechsig und Feller wollen spielen, sich kreativ austoben. Wer von diesem Buch mehr als einen launigen Zeitvertreib erwartet, wird sicher enttäuscht.

Professionelle Erbenvermittlung

Wer aber allerlei spleenige Ideen zum Geldverdienen kennen lernen möchte, kommt voll auf seine Kosten. Denn die Designer belassen es natürlich nicht beim Pfandflaschensammeln. Neben eher Klassischem wie Flohmarkt-Verkäufen, Blut- und Plasmaspenden und dem Verkauf von Altmetall beim Schrotthändler testen die Autoren beispielsweise das etwas andere Begrüßungsgeld aus: Bonuszahlungen, die es für neu erworbene Kreditkarten gibt. Schnell ist klar: Dieser Versuch ist ebenso absurd wie das Ausprobieren von Paidmailern – Dienste, die dafür bezahlen, Werbe-Mails zu lesen. Die Beträge sind klein: Zwischen einigen Cent bis zu ein paar Euro bringt diese Arbeit ein. Und zum Dank verwenden die Anbieter die Nutzerdaten für Werbezwecke. Der reinste Nepp.
Eine Erkenntnis, die sich durch das ganze Buch zieht. Ob die Teilnahme an Meinungsumfragen, Wetten, Preisausschreiben und Glücksspielen oder das Mitmachen bei Castings für Quizshows – alles entpuppt sich als Reinfall. Leider auch der Versuch, professionelle Erbenvermittlung zu betreiben. "Würde man pro Monat einen Erblasser mit dem Vermögen von 50.000 Euro und einer Provision von 10 Prozent vermitteln, so wären das pro Jahr 60.000 Euro. Rechnet man pro Erblasser zehn potenzielle Kandidaten hinzu, die einer Schulung im Wert von jeweils 500 Euro bedürfen, so ergibt sich eine Gesamtsumme von 120.000 Euro pro Jahr. In gut acht Jahren hätte man die Million beisammen", rechnen die Autoren aus. Wie dumm nur, dass sie bloß ein halbes Jahr Zeit haben und leider auch keinen einzigen Erben, geschweige denn einen Erblasser finden.

Anders dagegen die Idee, die eigenen Wohnzimmerwände als Werbefläche zu vermieten. Florian Flechsig bringt dieser Einfall immerhin 1000 Euro ein, allerdings auch die Notwendigkeit, die Wohnung anschließend zu renovieren. Es sind abwegige, kreative Ansätze wie dieser, die einfach lustig sind. Gemischt mit eher hilflosen und gnadenlos überspitzten Versuchen wie beispielsweise den, einen Monat lang den "Sarrazin-Plan im Praxistest" zu erproben. Heißt: die Wohnung nicht heizen und bei den Essenseinkäufen niemals den Hartz-IV-Regelsatz überschreiten. Und so essen die Autoren Stullen und bleiben zu Hause.

One-Hit-Wonder
Am Ende scheitert auch der Plan, ein One-Hit-Wonder zu landen, und leider gelingt es den Autoren weder eine Sekte noch eine Partei zu gründen. Und getragene Unterwäsche auf einer Plattform für Fetischisten veräußern, das wollen die zwei dann lieber doch nicht. Allerdings werden Medien auf die beiden Absolventen mit der skurrilen Abschlussarbeit aufmerksam und bescheren ihnen 15 Minuten Ruhm. Wunderbar lesen sich hier die hoffentlich im Originalwortlaut abgedruckten E-Mails und Kommentare der Leser und Zuhörer. Von "eine Aktion, die meinen anarchistischen Tendenzen entspricht – bravo!" bis "Chancengleichheit, Gerechtigkeit, Verteilung des Wohlstands – diese sozialen Aspekte treten bei euren auf die Person fixierten Egospielen in den Hintergrund" reichen die Reaktionen.

Das Medienecho bringt Flechsig und Feller schließlich den Buchvertrag, der aber leider auch nicht mit einer Million dotiert ist. Macht aber nichts, denn mittlerweile arbeiten die beiden als freiberufliche Grafik-Designer in Berlin und kommen auch so ganz gut über die Runden.
Fazit: Auch wenn das Buch keinen einzigen Weg zum schnellen Geld aufzeigt, präsentiert es allerlei Möglichkeiten, wie sich etwas Geld hinzuverdienen lässt, ohne dass dazu ein echter Beruf nötig wäre. Wir sind jung und brauchen das Geld dürfte das ideale Geschenk für alle diejenigen sein, die über ihre Arbeit und ihr Gehalt nörgeln. Denn nach dieser Lektüre ist so gut wie jeder Job der absolute Traum.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf Zeit.de

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