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Verhaltensökonomie Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg

Geduldige Menschen haben bessere Jobs, verdienen mehr Geld und sind insgesamt glücklicher. Verhaltensökonom Gerhard Fehr erklärt, woran das liegt und was unsere Eltern mit unserer Ungeduld zu tun haben.

von Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Geduld ist der Schlüssel zum Erfolg

Foto: Richard Carey/Fotolia.com

Herr Fehr, Sie haben mal gesagt, dass Top-Entscheider ungeduldiger sind als andere. Heißt das, dass geduldige Menschen es zu nichts bringen?

Nein, ganz im Gegenteil. Im Durchschnitt sind die Geduldspräferenzen des Top-Managements, aber auch des Managements sehr gut. In diesem Fall hatten wir ausnahmsweise jemanden erwischt, der strategisch ungeduldig war.

Was soll das denn bedeuten?

Dass eine Person im Rahmen ihrer Entscheidungen die systematische Tendenz aufweist, sich heute für weniger zu entscheiden als für mehr in der Zukunft.

Ich kann also im beruflichen Umfeld durchaus geduldig sein – und trotzdem schnell ausflippen, wenn es im Supermarkt an der Kasse nicht schnell genug geht?

Genau. Jeder von uns ist am Abend ungeduldiger als am Morgen. Psychologen sprechen hier von "ego depletion". Die Geduld nimmt im Laufe des Tages ab.

Woran liegt das?

Wenn wir müde werden, fällt es dem entsprechenden Gehirnzentrum viel schwerer, die dafür notwendige Impulskontrolle walten zu lassen. Wir wissen aus verhaltensökonomischen Studien, dass Richter am Morgen erheblich weniger Schuldsprüche fällen als am Nachmittag.

Gibt es äußere Faktoren, die unsere Geduld beeinflussen?

Nehmen wir als Beispiel die Marketing- oder Werbeindustrie. Sie versucht, regelmäßig unsere Geduldspräferenzen zu strapazieren. Im Grunde geht es immer um das Spannungsfeld "sofortige Befriedigung" – also "instant gratification" – versus Befriedigungsaufschub.

Die Industrie will einen Kaufanreiz schaffen.

Exakt. Kreditkarten sind ein hübsches Beispiel. Die strapazieren unsere Geduld, weil wir unsere Wünsche sofort erfüllen können.

Kann man denn sagen, dass Geduld der Schlüssel zum Erfolg im Leben ist?

Es gibt durchaus ein wichtiges Ursache-Wirkungsprinzip. Menschen, die im Schnitt geduldiger sind, haben eher höhere Lebenseinkommen, sind besser in der Schule und seltener arbeitslos. Sie zeigen weniger Suchtverhalten, sind seltener fettleibig, gesünder und weniger kriminell.

Trotzdem wird Geduld indirekt als etwas Negatives verkauft: Wer mit 35 noch kein Topmanager ist, wird das Ziel auch nicht mehr erreichen.

Wir haben bei mehr als 20.000 Menschen im deutschsprachigen Raum die Geduld gemessen und konnten dabei zwei sehr interessante Erkenntnisse gewinnen. Zuerst einmal sind die Geduldspräferenzen von Menschen sehr heterogen verteilt – von außerordentlich geduldig bis sehr ungeduldig. Zweitens besitzen Menschen im Schnitt eher schlechte Geduldspräferenzen. Daraus kann man schließen, dass nicht nur die Gesellschaft, Institutionen oder Märkte einen Druck zur Kurzfristigkeit aufbauen, sondern dass die Menschen generell, ohne äußeren Druck, sehr anfällig sind, der Kurzfristigkeit zu erliegen. Gesellschaftliche Trends und institutionelle Rahmenbedingungen verstärken jedoch das Kurzfristdenken noch. Die Impulskontrolle im Job, im Konsum, im Privaten oder in der Ausbildung ist heutzutage durch viele äußere Einflüsse schwerer als noch vor 30 Jahren. Mit dem mobilen Internet können wir eigentlich fast 24 Stunden am Tag in Versuchung geführt werden, unsere Bedürfnisse sofort zu befriedigen. Das macht müde und ungeduldig.

Also hemmt uns der Wunsch nach Information letztlich.

Wir sind bis vor kurzem davon ausgegangen, dass kognitive Fähigkeiten über den durchschnittlichen Lebenserfolg eines Menschen entscheiden. Das heißt: wie gut er lesen und schreiben kann oder wie gut er in Mathe ist. Dies sind alles Faktoren, die über einen Intelligenzquotienten gemessen werden können.

Und das stimmt so nicht?

Um Intelligenz zu erlangen und einzusetzen, brauchen wir so etwas wie Motivation. Dabei geht es nicht nur darum, etwas tun zu wollen, sondern länger durchhalten zu können; Impulskontrolle in den verschiedensten Situationen walten zu lassen; sich dem Wettbewerb zu stellen. Diese Fähigkeiten werden in der Ökonomie über die Geduldspräferenzen gemessen. Und die sind nicht nur ein statistisches Korrelat, sondern haben effektiv eine Ursache-Wirkungs-Beziehung mit den Faktoren, die für ein nachhaltiges und zufriedenes Leben wichtig sind. Wer also mehr Geduld hat, hat im Schnitt auch einen höheren Intelligenzquotienten. Aber der Treiber hinter diesen Faktoren ist nicht die Intelligenz, sondern die Fähigkeit, die Intelligenz auch dementsprechend einzusetzen und wichtige Kenntnisse zu erwerben.

Kann man Geduld denn trainieren?

Man kann sie lernen. Man muss aber dazu sagen, dass der Grundstein für Geduld in den ersten Lebensjahren gelegt wird. Der amerikanische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman hat einmal gesagt, es gehe in der gesellschaftlichen Umverteilung viel weniger um "Redistribution", also der Verteilung von Reich zu Arm, sondern um "Predistribution", also der Verteilung von alt zu sehr jung. Er konnte zeigen, dass es langfristig viel effizienter, also wirtschaftlich erheblich sinnvoller ist, Geduld in der frühen Kindheit zu trainieren, als dies bei geringfügig älteren Menschen zu korrigieren.

Dann liegt es in den Händen der Eltern, wie geduldig und damit wie erfolgreich ein Mensch ist?

Wir wissen, dass Mütter aus eher prekären sozialen Verhältnissen eher fahrlässig mit ihren ungeborenen Kindern umgehen. Sprich: Sie rauchen, trinken, ernähren sich schlechter und gehen möglicherweise in extremen Situationen ihrer Drogensucht nach. Und wir wissen, dass es die Geduldspräferenzen eines Menschen erhöht, wenn er vor solchen Einflüssen beschützt wurde. Wir brauchen also gerade für diese Menschen Interventionen, die ihr eigenes Leben, aber insbesondere das Leben und die Startchancen ihrer Kinder erheblich verbessern.

Was müssen Eltern tun, damit ihr Kind geduldig wird?

Eine gutbürgerliche Familie mit zwei Verdienern und ausreichend Zeit für die Kinder hat in der Regel keine Probleme zu befürchten. Denn zu den ganz einfachen Interventionen, die die Geduldspräferenzen positiv beeinflussen, gehört beispielsweise, dass mit Kindern regelmäßig gespielt wird – also intelligente Spielbeschäftigung und kein Fernsehschauen. Außerdem hat es immense Effekte, wenn Kinder Freunde haben, um die sie sich kümmern können. Und aus verhaltensökonomischen Studien wissen wir, dass die Ausprägung der Geduldspräferenzen sehr viel mit Dingen wie Empathie, Zuneigung und emotionaler Bindung zur Mutter zu tun hat. Man hat auch Korrelationen hergestellt zwischen der Stilldauer der Mütter und der Geduld – das ist allerdings nur ein Korrelat. Was man aber sicher weiß ist: Je geduldiger die Mutter, desto geduldiger das Kind.

Das heißt dann aber für Erwachsene: Wenn ich einmal ungeduldig bin, weil ich so geprägt wurde, ist alles verloren?

Wir glauben ja, dass wir uns verändern können. Aber je älter man ist, umso schwieriger ist die Verhaltensänderung – und umso härter muss man an sich arbeiten. Das spürt fast jeder – und die Wissenschaft bestätigt das auch.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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