Vergütung Ist mein Gehalt unfair?

Die Deutschen fühlen sich ungerecht bezahlt. Gefühlt bekommen die anderen immer mehr als man selbst. Dass Leistung sich auch finanziell lohnt, glaubt nicht mal ein Drittel. Dabei hängt faire Bezahlung nicht vom Geld ab.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Ist mein Gehalt unfair?

Foto: beeboys / fotolia.com

Gefühlt verdienen wir vermutlich alle zu wenig: Wer hätte nicht gern das Doppelte seines Gehalts und wer kennt nicht irgendwen, auf dessen Gehalt man insgeheim oder ganz offen neidisch ist? Mehr wollen als man hat, ist ziemlich menschlich. Schwierig wird es, wenn man das Gefühl hat, weniger zu bekommen, als man verdient. Und dieses Gefühl haben sehr viele Deutsche: Nur 35 Prozent der Deutschen halten ihre Bezahlung – im Vergleich zu Mitarbeitern mit ähnlichen Aufgaben in anderen Unternehmen – für fair. Entsprechend fühlen sich 65 Prozent ungerecht bezahlt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Unternehmensberatung Korn Ferry Hay Group, bei der die Antworten von mehr als fünf Millionen Mitarbeitern weltweit analysiert wurden, davon 250.000 aus Deutschland.
 
Lohnt sich Leistung?

Das Gefühl, zu kurz zu kommen, nimmt zu: 2012 sagten noch 40 Prozent der Deutschen, dass ihr Gehalt ihrer Leistung angemessen sei. "Viele Beschäftigte haben grundsätzlich den Eindruck: Leistung zahlt sich in unserer Gesellschaft aus – aber offensichtlich nicht unbedingt am eigenen Arbeitsplatz", stellte im März auch Marco Nink vom Marktforschungsunternehmen Gallup fest. Gallup erhebt alljährlich, wie es um die Zufriedenheit der deutschen Mitarbeiter bestellt ist. 2016 war das Fazit der Gallup-Studie – wie auch in den Vorjahren – eher mäßig:

So vertrat nur jeder dritte Arbeitnehmer (34 Prozent) die Auffassung, dass in seinem Unternehmen Mitarbeiter, deren Leistung besser ist, schneller vorankommen. Das Problem ist, dass sich sowohl das Gefühl, nicht fair bezahlt zu werden als auch der Eindruck, nicht voran zu kommen, negativ auf Motivation auswirken. "Das heißt: Die eigene Leistung wird runtergefahren", so Nink. Wieso sollte man sich auch anstrengen, wenn es ohnehin nichts bringt?

Gesundheitliche Folgen

Das Gefühl, ungerecht bezahlt zu werden, hat darüber hinaus noch gesundheitliche Folgen. 2011 veröffentlichte Christian Pfeifer, Ökonom an der Universität Lüneburg, seine Erkenntnis, dass sich dieses Gefühl auf die Schlafqualität auswirkt. Pfeifer hatte drei große repräsentative Befragungen – insgesamt 28.000 Datensätze – ausgewertet, die Auskunft über das Schlafverhalten von Arbeitnehmern innerhalb der Woche und am Wochenende gaben.
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Pfeifer setzte das in Verbindung mit anderen Faktoren wie zum Beispiel dem Haushaltseinkommen oder dem Wohlbefinden. Dabei stellte er fest: Wer sich unfair bezahlt fühlt, schläft weniger und schlechter als andere. Dabei spielte die absolute Höhe des Stundenlohns keine Rolle. Entscheidend war, wie gerecht der Betroffene sein Gehalt empfindet.

Dass sich jemand – selbst mit einem weit überdurchschnittlichen Lohn – für deutlich unterbezahlt halten kann, bestätigt auch Mandy Rehmann von der Hay Group. "Meiner Erfahrung nach müssen Unternehmen mit immer weniger immer mehr erreichen: Immer weniger Menschen machen immer mehr Arbeit, mit immer geringeren Budgets müssen immer mehr Projekte bezahlt werden und so weiter."

Aufgaben und Gehalt wachsen selten proportional

Im Laufe des Arbeitslebens wachsen die Aufgaben und Zuständigkeiten, aber nicht unbedingt das Gehalt – oder die Anerkennung für die Leistung. Das sorge bei den Menschen für Stress und Druck, so Rehmann. Und für das Gefühl, irgendwie zu kurz zu kommen. "Ich glaube, dass diese ganze Vergütungsdiskussion oft nur ein Symptom dafür ist, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist", sagt sie.

Hinzu kommt, dass man in der Regel gar nicht weiß, was andere für ihr tolles Gehalt tun müssen. "Die Freundin verdient tausend Euro mehr, dabei hat sie nicht mal studiert" oder "Der Nachbar kann sich ständig Urlaub leisten, der muss in seinem Bürojob ja ein Vermögen verdienen." Einen tatsächlichen Einblick, für welche Aufgaben es was gibt, haben die wenigsten.
Tipp: Wieviel wo drin ist, das verraten die Gehaltsreports von karriere.de. >>> Einfach kostenlos bestellen. "Wenn wir uns vergleichen, betrachten wir immer das Grundgehalt: Wir wissen gar nicht, ob der andere vielleicht weniger Urlaub hat oder das Essen in der Kantine für ihn gratis ist oder ob es zum Gehalt noch einen Dienstwagen on top gibt. Solche Faktoren müsste man eigentlich mit einbeziehen, wenn man sich vergleicht", sagt auch Rehmann. Und dann spiele noch ein ganz menschlicher Faktor hinein: Das Gras sei woanders nun mal immer grüner.

Im internationalen Vergleich fühlen sich die Deutschen besonders schlecht behandelt: Weltweit nehmen 41 Prozent die eigene Vergütung im Vergleich zu anderen Beschäftigten als fair wahr. In Österreich sind es 44 Prozent, in der Schweiz sogar 52 Prozent. Und anders als in Deutschland glauben weltweit 44 Prozent der Beschäftigen an den Grundsatz "Je besser die Leistung, desto besser die Bezahlung". Rehmann: "Unternehmen sollten die Meinung ihrer Mitarbeiter zu diesem Thema ernst nehmen. Denn wer sich unfair behandelt fühlt, ist meist weniger motiviert und denkt häufiger darüber nach, die Firma zu verlassen."
 
Da ernst nehmen allein nicht reicht, empfehlen die Studienautoren den Unternehmen mehr Transparenz. "Wir raten Unternehmen dazu, jährlich individuelle Reports zu verteilen, die die kompletten Gehälter abbilden, also inklusive aller Nebenleistungen. Dann können die Leute sehen, wo sie stehen", sagt Rehmann. Wer nachvollziehen kann, wo er auf der Gehaltsliste steht, sei zufriedener.

Fixgehalt plus individueller Bonus

Außerdem empfiehlt sie, ein Fixgehalt zu vereinbaren und eine leistungsabhängige Komponente oben drauf zu schlagen. Wie diese aussehen kann und wofür die Belohnung fällig wird, können Mitarbeiter und deren Vorgesetzte prima in den hoffentlich stattfindenden Zielvereinbarungsgesprächen festhalten. Schwieriger ist es bei Unternehmen, die nach Tarif zahlen. Dort wird in der Regel nach Dienstjahren bezahlt und nicht nach Leistung. "Wenn ein Unternehmen nach Tarif bezahlt, kann man dem Teamleiter einen Topf zur Verfügung stellen, aus dem er individuelle Leistungen prämieren kann. Das müssen ja keine Millionen sein, ein Gutschein fürs Kino ist ja auch ein nettes Dankeschön", sagt Rehmann. "Hauptsache, die Incentives sind individuell und es bekommt nicht jeder das Gleiche."

Grundsätzlich müsse der Bonus gar kein Geld sein – wie ja auch die Studienergebnisse zeigen. "Man kann auch ganz individuelle Incentives vereinbaren und der Mitarbeiterin und ihrem Mann einen Dinner-Gutschein schenken oder das ganze Team zum Essen einladen", sagt Rehmann.

Denn schließlich sorgt nicht der Stundenlohn für Unzufriedenheit – und dass Geld das Gefühl, anerkannt zu werden, nicht transportieren kann, ist hinlänglich bewiesen. Wer trotzdem kein Geld für einen Kinogutschein oder etwas ähnliches für die Mitarbeiter locker macht, die sich richtig engagieren, soll versuchen, diese über individuelle Förderungen zu belohnen. Das kann zum Beispiel eine Karriereentwicklung sein – und auch hier muss es gar nicht unbedingt die klassische Beförderung sein, wie Rehmann sagt. Man kann auch sagen: "Du bist unser Fachexperte auf dem und dem Gebiet, du darfst dich um die Trainees kümmern" oder "Du bist unsere Fachexpertin, geh du für uns zu Fachtagungen." Mehr Verantwortung ist schließlich auch eine Art der Wertschätzung.

Die Belohnung darf nicht zur Belastung werden

Aber Vorsicht: Es soll nicht so sein, dass der Top-Mitarbeiter nach Feierabend noch die Weiterbildung wuppt und am Wochenende zehn Stunden auf irgendwelchen Seminaren zubringt. Dafür kann sich das Unternehmen dann zwei Angestellte sparen, deren Aufgaben übernimmt ja der Supermitarbeiter – als Belohnung. Das wäre ein klassisches Beispiel für "immer weniger Leute tun immer mehr."

"Wenn der Belohnte dann natürlich das Gefühl hat, dass er zusätzlich zu seinem normalen Arbeitspensum noch eine Extraaufgabe obendrauf bekommt, bringt das gar nichts," bestätigt Rehman. Es müssen schon Freiräume für die Belohnung da sein – oder besser noch – geschaffen werden.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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