Verdrehte Karriere Biete Prestigeverlust, suche Lebensglück!

Karriereknick nach Plan: Immer mehr Menschen geben erfolgreiche Stellen auf und suchen Erfüllung in einem Job mit weniger Stress und kleinerem Einkommen.

Xenia von Polier | , aktualisiert

Biete Prestigeverlust, suche Lebensglück!

Spitzenkoch Christian Rach schloss sein Restaurant Tafelhaus und gab sogar seinen Michelin-Stern her.

Foto: Tafelhaus

Arbeiten ohne Ruhephasen

Eine Traumkarriere macht man andersherum. Vier Jahre lang hatte Peer Schmidt einen Job, um den ihn wohl viele Restaurantbetreiber beneidet haben. In der Hamburger Laeiszhalle, einem der größten Konzerthäuser Deutschlands, leitete der damals 33-jährige Koch und Hotelmanager die Gastronomie. Während abends in den Sälen musiziert wurde, bereitete er mit seinem Team das Catering vor: Bier, Weißwein, Sekt und Kanapees – sobald es zur Pause klingelte, musste alles fertig sein.

Mit Verantwortung für bis zu 120 Mitarbeiter managte er die Bewirtung bei Konzerten, Proben und Kongressen. Die Arbeitsbelastung war groß.

In Anzug und Krawatte gekleidet, arbeitete er 14 Stunden pro Tag, und das meist sechs oder sogar sieben Tage die Woche. "Irgendwann war ich durch, weil es keine Ruhephasen gab", erzählt Schmidt. Von einem Tag auf den nächsten kündigte er und tauschte die schillernde Welt der Musikhalle gegen eine Kantine für Fernfahrer in einem Industriegebiet an der Elbe.

Weniger Stress

Statt Häppchen und Schaumwein servierte er in "Schmidts Küche" jetzt Gulasch und Limonade. Damit verdiente er zwar mehr als ein Drittel weniger, aber dafür konnte er täglich um 15.30 Uhr den Kochlöffel fallen lassen.

Schmidts Geschichte ist kein Einzelfall. Immer häufiger hört man davon, dass Menschen sich entscheiden, eine Stelle mit Prestige, gutem Gehalt und hohem Arbeitspensum gegen eine Tätigkeit mit niedrigerem Ansehen, kleinerem Einkommen und vor allem weniger Stress einzutauschen.

Der tägliche "Ironman"

"Downshifting" wird dieses Phänomen genannt. Zu Deutsch: die Karriere einen Gang runterschalten. Der Begriff kommt aus den USA. Dort ist Downshifting weit verbreitet. 2004 ergab eine Studie des Center for a New American Dream, dass 48 Prozent der amerikanischen Berufstätigen in den vorausgegangenen fünf Jahren ihre Arbeitszeit verringert, eine Beförderung abgelehnt oder ihre Ansprüche und Berufsziele heruntergeschraubt hatten.

Inzwischen gibt es auch in Deutschland immer mehr Menschen, die ihr Leben nicht länger im Dauerlauf führen wollen oder können. Hört man sich bei Karriere-Coaches um, bestätigen diese: Die Zahl der Erwerbstätigen, denen sprichwörtlich die Puste ausgeht, nimmt zu.

Und sie werden immer jünger: Viele sind erst knapp über 30 Jahre alt. "Meist sind es Berufstätige aus dem mittleren Management, die sich für ein Downshifting entscheiden", erläutert Führungskräfte-Coach Petra Bock aus Berlin. "In dieser Ebene ist die Belastung besonders hoch".

Nur noch funktionieren

"Von oben macht der Chef Druck. Zugleich drängen von unten die Erwartungen der Mitarbeiter. Dazwischen werden viele zerrieben." Häufig hören die Coaches von ihren Klienten Sätze wie: "Ich fühle mich wie im falschen Film!" Oder: "Mein Bauchgefühl ist nicht mehr da. Ich funktioniere nur noch."

Wiebke Sponagel, Karriere-Coach aus Frankfurt am Main, beobachtet, dass nicht nur der hohe Leistungsdruck für zahlreiche Erwerbstätige ein Problem darstellt. Viele von ihnen überfordert es auch, sich immer stärker anpassen zu müssen, je weiter sie in der Hierarchie aufsteigen.

Mehr Sinn, mehr Familie

"Sie sollen stets professionell auftreten, führungsstark und selbstbewusst sein. Menschen, die dafür täglich in eine Rolle schlüpfen, laufen Gefahr, sich von der eigenen Persönlichkeit zu entfremden. Damit wächst auch das Risiko, auf die Dauer auszubrennen", so Sponagel.

Das Abwenden eines Burnouts ist aber nur einer der Gründe, weshalb Menschen sich entscheiden, runterzuschalten. "60 Prozent meiner Klienten wollen ihren Job wechseln, weil sie keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit erkennen", so die Führungskräfte-Trainerin.

Ihre Beobachtung ist: Zweifel bekämen vor allem Menschen, die sich bereits früh auf eine bestimmte Karriere festgelegt haben. Schon ab Mitte 30 suchen viele High-Potentials nach einer Tätigkeit, die ihnen mehr Erfüllung bringt oder mehr Platz für das Privatleben lässt.

Neustart mit 46

Wie viel hat mein Job mit dem wirklichen Leben zu tun? Was soll das alles? Solche Sinnfragen stellte sich auch Peter Ferres. 20 Jahre hatte er als Investmentbanker gearbeitet und es vom Analysten in der BHF Bank bis zum Generalbevollmächtigten und Managing Director bei der Credit Suisse gebracht. 15 deutsche und 30 internationale Börseneinführungen hat Ferres begleitet. Sein Leben spielte sich überwiegend in Büros, Flugzeugen und Hotels ab.

"Ein bis zwei Nächte hintereinander durchzuarbeiten war normal", erzählt der heute 52-Jährige. "Freie Wochenenden hatte ich selten." Irgendwann wollte Ferres diese Lebensweise nicht mehr. Mit 46 Jahren ging er wieder studieren. An der University of London machte er ein Post Graduate Certificate of Education und wurde Lehrer. Statt weiterhin Finanzvorständen zu erläutern, wie Kapitalerhöhungen funktionieren, wollte er lieber Kindern den Wasserkreislauf erklären.

Kündigung als Befreiung

Ferres' Traum war es, eine internationale Schule zu gründen. "Die Kündigung war für mich ein logischer Schritt und eine echte Befreiung", meint er rückblickend. "Kein Banking-Gremium hat mehr die Erfüllung von Zielvorgaben kontrolliert. Ich war plötzlich mein eigener Herr."

Mit der Freiheit überkam Ferres aber auch Unsicherheit. "Man spürt erst mal ein Vakuum", erzählt er. Zudem reagierten Kollegen und Freunde mit Unverständnis. Kopfschüttelnd sagten einige von ihnen: "Bist du noch ganz klar? Damit kann man doch kein Geld verdienen!" Ferres war das egal. Vor vier Jahren hat Ferres seinen Traum wahr gemacht und die Metropolitan School of Frankfurt eröffnet.

Vorbilder wie Ferres zeigen: Ein Jobwechsel, berufliche Rückschritte oder gar ein Karrierestillstand müssen nichts Negatives sein – wenn sie selbst gewählt sind.

Mehr Lust am Job

Gerade junge Führungskräfte entscheiden heute selbstbewusst, wo ihre Karriere pausieren oder enden soll, nicht aus Leid an den Arbeitsbedingungen, sondern um die Lust am Job zu erhalten. Was sie dazugewinnen? Mehr Zeit und neuen Sinn. Dafür verzichten sie auf größeren Wohlstand.

Dieser Trend zieht sich quer durch die Gesellschaft, das zeigen Studien. So würden 69 Prozent der deutschen Berufstätigen Job und Familie gern besser miteinander vereinbaren, ergab eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach: 60 Prozent der Väter und 41 Prozent der Mütter sind an reduzierten Arbeitszeiten  interessiert.

Neue Schwerpunkte setzen

Für ihre Arbeitgeber hegen sie gleichzeitig nicht die größte Sympathie: Nur 13 Prozent der Arbeitnehmer spüren eine emotionale Bindung an ihr Unternehmen und würden sich freiwillig für dessen Ziele einsetzen, wie das Gallup Institut gerade ermittelt hat.

Prominente Aus- und Absteiger sorgen für zusätzliche Akzeptanz: Rudolf Wötzel etwa, der ehemalige Investmentbanker. Er stieg noch vor der Krise bei der US-Bank Lehman Brothers aus, gründete eine Wohltätigkeitsorganisation und betreibt heute ein Berggasthaus. Oder Fernsehkoch Christian Rach, der jüngst verkündete, sein Restaurant in Hamburg zu schließen. Seine offizielle Begründung: "Ich bin nicht krank und habe eine nette Familie. Damit das so bleibt, will ich nicht mehr 80 Stunden die Woche arbeiten."

Doch längst nicht alle Absteiger gehen ihren Rückschritt so selbstbewusst. Stattdessen wird der Karriereknick vielfach als Scheitern bewertet – vor allem von den Downshiftern selbst. "Sogar Klienten, die selbst vorschlagen, einen Gang runterzuschalten, empfinden ihr Vorhaben zunächst als bedrohlich. Neben finanziellen Einbußen fürchten sie auch, an Ansehen zu verlieren", erklärt die Karriereberaterin Elisabeth Strack.

Identitätskrise nach dem Verzicht

Beruflicher Erfolg ist nach wie vor ein wichtiges Statussymbol. "Hinzu kommt, dass viele Menschen sich so stark über ihren Beruf definieren, dass die Aufgabe der Karriere zu einer Identitätskrise führen kann", so Strack. Bin ich nicht belastbar genug? Wo ist mein Ehrgeiz hin? Welche Stelle passt überhaupt zu mir?"

Das Einfinden in die neue Rolle fällt vielen Menschen erst einmal schwer", so die Manager-Trainerin. "Hatte jemand beispielsweise viele Jahre eine Führungsposition inne, wird es ihm vermutlich zunächst Probleme bereiten, sich als Freiberufler selbst zu organisieren oder sich als Fachkraft unterzuordnen."

Schicksalhafte Entscheidung

Die Zahnärztin Janina Schönfeld* hat das anfangs so erlebt. "Wenn man jahrelang für Mitarbeiter Verantwortung getragen hat, ist es schwer, das 'Chefsein' innerlich abzugeben", sagt die 51-Jährige. "Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich wirklich begriffen hatte, dass ich loslassen kann und keine Entscheidungen mehr treffen muss."

Die Oralchirurgin bremste sich gleich zweimal aus: Als ersten Schritt gab sie ihre Stelle als Oberärztin in einer Privatklinik auf, weil sie mehr Zeit für ihre Kinder haben wollte. Stattdessen stieg sie in eine Gemeinschaftspraxis ein. Doch auch dort verlief ihr Leben im Dauerlauf – bis bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde. Sie zog die Notbremse: Als sie die Krankheit besiegt hatte, beschloss sie, nur noch zwei Tage pro Woche zu arbeiten.

Heute ist sie froh, dass der Tumor bei ihr ein Umdenken bewirkt hat. "Wäre ich gesund geblieben, hätte ich diesen radikalen Schritt vermutlich nicht gewagt", meint sie rückblickend. "Jetzt bin ich ganz neu in der Lage, bewusst zu leben."

Relaxen und Kraft tanken

Neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit in einer Zahnarztpraxis geht sie nun mehrmals pro Woche schwimmen, behandelt ehrenamtlich Patienten in Behindertenstätten und nimmt sich viel Zeit für ihre Familie. "Ich genieße es sehr zu sehen, ob meine Tochter pinken oder lila Nagellack trägt", schwärmt sie. "Das ist nichts Weltbewegendes, doch solche Kleinigkeiten bringen mich meinen Kindern nah."

Schönfeld will ihr neues Leben nicht mehr gegen die alte Karriere eintauschen. "Ich habe beruflich alles erreicht, was ich wollte, und ich habe das Glück, dass mein Mann genug Geld für die Familie verdient", sagt sie.

Doch so geht es keineswegs allen Downshiftern. Für einige von ihnen ist der Schritt zurück lediglich ein Zwischenstadium, um neuen Anlauf zu nehmen.

Peer Schmidt etwa beschloss nach fünf Jahren, seine Fernfahrer-Kantine wieder zu verkaufen. Mit der Zeit merkte er, dass er wieder Kraft hatte für einen Job, der ihn fordert. Er wechselte die Branche und managt inzwischen als Bereichsleiter drei Schwimmbäder. "Die Zeit in dem kleinen Restaurant möchte ich aber nicht missen", sagt er. "Die habe ich gebraucht, um wieder zu mir zu kommen."


1. Die Diagnose


Zunächst sollten Sie genau prüfen, warum Sie mit Ihrer Stelle unzufrieden sind. Hilfreich kann es sein, dafür einige Wochen lang ein Job-Tagebuch zu führen. Darin ziehen Sie täglich Bilanz:

• Langweilen Sie die Aufgaben?
• Ertragen Sie den Stress nicht mehr?
• Wird Ihnen die Verantwortung für Ihre Mitarbeiter zu viel?

Versuchen Sie herauszufinden, was genau Ihre Schwierigkeiten als Führungskraft sind.

2. Die Alternativen

Manche Probleme erübrigen sich bereits, indem Sie die Arbeitsbedingungen ändern. Prüfen Sie, unter welchen Umständen Sie sich in Ihrem derzeitigen Job wohler fühlen würden. Ergreifen Sie die Initiative und fragen Sie Ihren Chef nach anderen Aufgaben. Schlagen Sie ihm konkrete Projekte vor.

Ist mangelnde Freizeit das Problem, ist auch eine Teilzeitregelung denkbar.

3. Der Traumjob

Sofern Sie sich für ein Downshifting entschieden haben, ist es wichtig, dass Sie sich ganz präzise Vorstellungen von Ihrer künftigen Arbeit machen, insbesondere, wenn Sie einen Branchenwechsel planen. Sprechen Sie dazu am besten mit Menschen, die ihren Traumjob schon gefunden haben.

Mit viel Glück hören Sie dabei schon von konkreten Einstiegsmöglichkeiten.

4. Der Preis

Finanzielle Einbußen sind bei einem Wechsel in eine niedrigere Position meist unvermeidlich. Insofern sollten Sie klären, wie viel Geld Sie in Ihrem künftigen Job verdienen können. Reicht das neue Gehalt für alle Ausgaben, die Sie kurz- und langfristig zu bewältigen haben?

Überlegen Sie, an welchen Stellen Sie möglicherweise sparen müssen, und sprechen Sie darüber auch mit Ihrer Familie.

5. Der Abschied

Erst wenn Sie alle Konsequenzen Ihrer Entscheidung geklärt haben, sollten Sie mit Ihrem Vorgesetzten sprechen. Bereiten Sie dieses Gespräch gut vor, damit Sie Ihre Entscheidung selbstbewusst mitteilen können. Vermeiden Sie Vorwürfe und Emotionen, sondern versuchen Sie eine möglichst einvernehmliche Lösung zu finden.

Das macht für beide Seiten den Abschied leichter.

6. Der Neuanfang

Ein Rückschritt in der Karriere wird bei jedem künftigen Vorstellungsgespräch Fragen aufwerfen. Ob Sie überzeugen können, hängt vor allem davon ab, ob Sie gute Argumente parat haben. Sprechen Sie gegenüber Ihrem neuen Arbeitgeber also nicht von Überforderung.

Erklären Sie, dass Sie eine Stelle suchen, in der Sie Ihre Talente noch besser einsetzen und Ihre Work-Life-Balance optimieren können.

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