Unterwegs fürs Business Luxus ist Chefsache

Top-Manager reisen gern im Privatjet. Warum Firmen darauf nicht verzichten, was sie sich den Luxus kosten lassen und welche juristischen Fallen es bei privater Nutzung dienstlicher Annehmlichkeiten zu umschiffen gilt.

Kristin Schmidt, Claudia Tödtmann | wiwo.de | , aktualisiert

Luxus ist Chefsache

Luxusjets

Foto: Fotimmz/otolia.com


Was haben die Flugrouten Moskau – Nizza, London – Genf und Braunschweig – Manching gemeinsam? Sie gehören zu den 50 meistbeflogenen Strecken Europas, die Geschäftsleute mit Businessjets zurücklegen. Drei von rund 85.000 solcher Verbindungen, die die europäische Flugsicherungsbehörde Eurocontrol statistisch erfasst hat.

Während Erstere vor allem von russischen Geschäftsleuten genutzt wird, um die Pflege von Businesskontakten mit einem sonnigen Wochenende an der Mittelmeerküste zu verknüpfen, und die Zweite wichtige Finanzplätze miteinander verbindet, ist die Strecke von der niedersächsischen in die oberbayrische Provinz vor allem durch den VW-Konzern stark beansprucht.
 
Täglich fliegt ein Werksshuttle zwischen Braunschweig und Manching, wenige Kilometer entfernt vom Hauptsitz der Konzerntochter Audi. Darin sitzen nicht nur Top-Manager, sondern auch Mitarbeiter der mittleren Führungsebene oder hoch spezialisierte Monteure.

Volkswagen Air Service

Neun Flugzeuge, von der Falcon 2000 bis zum Airbus A319, gehören zum Volkswagen Air Service. Die Tochtergesellschaft fliegt ausschließlich im Dienste des Mutterkonzerns.

Auch Martin Winterkorn nutzt die VW-Jets schon mal, um von der Konzernzentrale in Wolfsburg rasch zum Tochter-Unternehmen Audi nach Ingolstadt zu kommen. Kosten für den Flug rund 2000 Euro – und damit viermal so viel wie für einen Linienflug in der Businessclass von Hannover nach München.

Logische Rechnung

Was auf den ersten Blick abgehoben erscheinen mag, wird mit einem nüchternen Blick auf die Zahlen schnell plausibel: Winterkorn bekam für das Geschäftsjahr 2012 ein Gehalt von 14,5 Millionen Euro. Legt man 223 Arbeitstage à zwölf Arbeitsstunden zugrunde, käme der Volkswagen-CEO auf einen Stundenlohn von 5418 Euro.

Die Reise von Wolfsburg über Braunschweig via Privatjet zum Flughafen Manching und von dort zur Audi-Zentrale nach Ingolstadt dauert in etwa zwei Stunden. Würde Winterkorn Linie fliegen, müsste er mit dem Dienstwagen von Wolfsburg nach Hannover. Aufwand: eine Stunde. Einchecken und Sicherheitskontrolle dauern etwa 60 Minuten. Die Flugzeit nach München beträgt 70 Minuten, die Autofahrt zur Audi-Zentrale noch mal 50.

Macht eine Gesamtreisezeit von etwa vier Stunden – also doppelt so lang wie per Jet. Zieht man die Flugkosten ab, bleibt unterm Strich immer noch ein deutliches Plus. Außerdem reisen die Unternehmenslenker selten alleine.


Und Effizienz ist nur ein Grund, warum Unternehmen im Zeitalter der Globalisierung, das ständiges Reisen zwischen Produktionsstandorten in den USA oder der Türkei, neu zu erschließenden Wachstumsmärkten in China oder Kolumbien und dem eigenen Unternehmenssitz in der schwäbischen Provinz zwingend nötig macht, auf Privatjets setzen.

Deshalb legen sie sich eigene Flotten zu, chartern Flugzeuge oder erwerben Anteile an der Flotte eines Dienstleisters. Und lassen sich so Dienstreisen zu eigenen Produktionsstandorten in den USA oder Meetings in Asien schon mal sechsstellige Beträge kosten.

Statt auf die Flugpläne der Airlines angewiesen zu sein und Wartezeiten wegen unkalkulierbarer Verspätungen zu riskieren, lassen sich die Flugzeiten individuell auf die Bedürfnisse der Reisenden abstimmen.

Ungestört über den Wolken

Wer im kleinen Weißen verreist, kann mit Geschäftspartnern außerdem stundenlang ungestört verhandeln oder unbeobachtet über neuen Strategien brüten. Oder einfach mal ein Nickerchen halten, ohne gleich befürchten zu müssen, dass sein Foto mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund am nächsten Tag durchs weltweite Netz geistert.

Ganz abgesehen davon, dass viel leichter zu schützen ist, wer sich individuell durch die Luft chauffieren lässt, statt mit der Masse der Reisenden auf schnellen Check-in oder zügige Gepäckausgabe zu hoffen.

"Früher waren Privatjets etwas für die Reichen, die von Golfplatz zu Golfplatz geflogen sind", sagt Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer vom Verband Deutsches Reisemanagement. "Heute ist es eine schnelle Alternative für Top-Manager."

On the Top

So wie Volkswagen kalkulieren viele Unternehmen in Deutschland – das bestätigt eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter Konzernen. Von BASF bis ThyssenKrupp finden sich allein unter den Dax-30-Werten zahlreiche Konzerne, die für Geschäftsreisen ihrer Top-Leute regelmäßig Businessjets einsetzen.

Unter anderem der Chemieriese BASF und der baden-württembergische Softwarekonzern SAP gönnen sich eigene Flugzeuge.


Aber auch größere Mittelständler, nicht selten in der Provinz angesiedelt, schätzen die Vorzüge individueller Mobilität über den Wolken, die ihnen die kleinen Flieger bieten: Heizungsbauer Viessmann etwa fliegt seine Manager regelmäßig vom Firmenstammsitz im nordhessischen Allendorf zu Kunden in aller Welt.

Und Reinhold Würth, Patriarch des gleichnamigen Schraubenherstellers, der sich auch mit seinen 78 Jahren immer noch gern selbst hinter den Steuerknüppel seiner dreistrahligen Falcon 900 setzt, nennt nicht nur mehrere Jets, sondern gar eine Werkslandebahn sein Eigen.

Wegen der abgelegenen Lage des Firmensitzes sei der eigene Airport in Schwäbisch Hall von essenzieller Bedeutung. "Wir sind mit unserer kleinen Flugzeugflotte zeitlich und örtlich sehr flexibel", heißt es bei Würth. So könne man gerade auch kleine Flughäfen in Kundennähe anfliegen.

Bequem zu abgelegenen Produktionsstätten

"Unternehmen mit schlecht angebundenen Produktionsstätten, die mit Linienflugzeugen nicht mal eben erreichbar sind, etwa in abgelegenen Orten in Rumänien oder Mexiko", sagt Raoul Nacke, Deutschland-Geschäftsführer der Personalberatung Eric Salmon & Partners, "stellen sich vermehrt die Frage, ob ein Firmenjet, sich nicht lohnen könne."

Denn ein Direktflug im eigenen oder gecharterten Businessflieger könne kostengünstiger sein als eine logistisch hochkomplexe und zeitaufwendige Reise.

Fliegende Jugendherbergen

Doch wer sich die Jets der Top-Manager wie fliegende Luxushotels mit goldenen Wasserhähnen und pompösen Interieur vorstellt, wird enttäuscht. "Das sind eher fliegende Jugendherbergen", sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

Nur die ganz großen Maschinen wie der Airbus A319 hätten Platz für ein Bett und ein separates Büro. "Meistens fliegt man in der First Class deutlich bequemer – vertrauliche Gespräche führen kann man dann aber nicht."
 


Um seiner Führungsriege genau das zu ermöglichen, setzt SAP auf konzerneigene Flugzeuge. Der IT-Konzern aus dem Örtchen Walldorf besitzt drei Jets – einen Learjet 45XR mit Platz für bis zu acht Passagiere und zwei Challenger 300 vom Flugzeugbauer Bombardier.

Einer der Flieger ist dauerhaft in den USA stationiert, die beiden anderen stehen am Flughafen in Mannheim.

In den USA verfügt auch Bayer über zwei Learjets. Der Grund: Die 50 Standorte des Chemiekonzerns in den Vereinigten Staaten seien durch den Linienflugverkehr zum Teil schlecht miteinander verbunden.

Mittelgroße Cessna mit privater Crew

Wer die Vorteile des Privatjets nutzen möchte, ohne gleich auf einen Schlag mehrere Millionen Euro investieren zu müssen, kann sich an Anbieter wie Netjets wenden. Allein in Europa besitzt das Unternehmen mehr als 130 Flugzeuge, wartet diese, stellt Piloten und Bordpersonal. Etwas mehr als drei Prozent Anteil muss ein Kunde mindestens an so einem Flugzeug erwerben.

Das kostet umgerechnet etwa 96.000 Euro und umfasst jährlich 25 Flugstunden. Treibstoff und Crew müssen zusätzlich bezahlt werden. Bei deutschen Unternehmen seien vor allem mittelgroße Flugzeuge wie die Cessna Citation XLS besonders beliebt, heißt es bei Netjets.

Sparen und fliegen?

Spezialchemiekonzern Lanxess setzt auf eine dritte Variante: Zwar fliegen die Vorstände des Unternehmens grundsätzlich Linie. Doch in "besonderen Situationen" werden Flugzeuge gechartert – etwa wenn ein wichtiger Termin mit den regulären Fluggesellschaften nicht erreicht werden kann.

Dass sich trotz aller nachvollziehbarer Argumente eine öffentliche Debatte über Sinn und Unsinn solcher Regelungen nicht immer verhindern lässt, musste unlängst Dieter Zetsche feststellen. Der Daimler-Chef gehört zu den Top-Managern, die auf Jets zurückgreifen, wenn sie dienstlich oder privat unterwegs sind. Und geriet deswegen vor Kurzem in die öffentliche Diskussion.

Die drehte sich um die Frage, ob sich Vorstandsvorsitzende in Zeiten von Sparprogrammen wirklich solche Annehmlichkeiten leisten sollten. Doch geht es hier wirklich nur um Bequemlichkeit, um schieren Luxus?


Seit die Sicherheitsbehörden des Bundes und des Landes Baden-Württemberg Zetsche vor mehreren Jahren in die höchste Gefährdungsstufe eingruppiert haben, nutzt der Vorstandsvorsitzende von Daimler auf Empfehlung der Sicherheitsbehörden keine Linienflüge mehr. Weshalb der Daimler-Aufsichtsrat seinem obersten Angestellten auch bei privaten Reisen einen Flug im Jet grundsätzlich genehmigt.

Selbst zahlen muss Zetsche dann nur das Erste-Klasse-Ticket. Den Rest übernimmt der Stuttgarter Konzern.

Während Zetsche sich also nichts hat zuschulden kommen lassen, ist die Lage beim Stahlkonzern ThyssenKrupp noch längst nicht geklärt.

Lieber im Dienstwagen als in der Debatte

Der ehemalige Thyssen-Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme hatte Konzern-Grandseigneur Berthold Beitz den Flieger für Flüge nach Sylt und Österreich überlassen. Die Staatsanwaltschaft Essen wurde hellhörig und ermittelt wegen Steuerhinterziehung.

Wie man solche juristisch delikaten Auseinandersetzungen elegant umgehen kann, macht etwa RWE vor: Beim Essener Energiekonzern wird maximal Businessclass geflogen.

Und auch beim Autozulieferer Continental reisen die Vorstände sparsam. Innerhalb Deutschlands steigt auch der CEO auf Dienstwagen oder Bahn um. Von Hannover nach Frankfurt heißt das zwar zweieinhalb Stunden auf der Schiene oder dreieinhalb Stunden auf der Autobahn. Dafür aber keine Sekunde Debatte über Kosten und Nutzung der weißen Luftflitzer.

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