Unternehmensnachfolger Selbstfindungskurs im Windkanal

Die Firmenlenker von morgen sind schon heute von Beratern und Banken umworben: In Seminaren sollen die Sprösslinge des Mittelstands herausfinden, ob sie Chef werden wollen.

Ilka Kopplin | , aktualisiert


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

"Challenge"-Tag

Wer in einer Unternehmerfamilie groß wird, wird meist früh mit der Frage konfrontiert: Will ich einmal eine Rolle in der Firma übernehmen? Das ist bei Iris Stolzer und dem elterlichen Sägenhersteller Kasto Maschinenbau nicht anders.

Jetzt aber führt ihr Weg erst einmal in den Windkanal für einen simulierten Fallschirmsprung – und der hat mehr mit der Nachfolgedebatte zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Der Anzug ist bis oben zugezogen, der Helm festgezurrt, die Schutzbrille sitzt. Wenige Sekunden später fliegt sie – waagerecht in der Luft, Beine und Arme von sich gestreckt.

Stolzer hat heute ihren "Challenge"-Tag, an dem es besondere Herausforderungen zu meistern gilt. Der ist Teil einer einwöchigen Sommerakademie nur für den Nachwuchs aus Familienunternehmen.

"Push your limits"

"Push your limits" – frei übersetzt "Wachse über dich hinaus" – heißt das Motto dieser "Junior Academy", die die Wirtschaftsprüfung und Beratung Ernst & Young veranstaltet. Genau das sind die Tage für Stolzer – die heute 20-Jährige kann das beurteilen.

Dreimal schon war sie dabei, auf der Suche danach, ob sie in die Fußstapfen der Eltern tritt. Dass Familienunternehmen wie Kasto gerade in Deutschland eine herausragende Bedeutung haben, ist unbestritten: 93 Prozent aller Firmen hierzulande sind in Familienhand.


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

Das Problem: Zwischen 2010 und 2014, so schätzt das Institut für Mittelstandsforschung, müssen jährlich 22.000 Nachfolger gefunden werden – oft werden die Kinder den elterlichen Betrieb übernehmen. Diese Zielgruppe der zukünftigen Unternehmenslenker haben auch Berater, Wirtschaftsprüfer und Banker für sich entdeckt:

Abgeschirmt von der Welt, in Sommerakademien, Wochenendseminaren und Vortragsreihen, sollen sich die potenziellen Nachfolger zwischen 16 und 30 Jahren in lockerer Atmosphäre über ihre Zukunft klarwerden – natürlich nur unter ihresgleichen, ein Unternehmerhintergrund ist Pflicht.

Für die Anbieter ist das ein lukratives Geschäft: Denn abgesehen von den Teilnahmegebühren, die gerne mal vierstellig sind, sitzen hier die potenziellen Kunden von morgen. Alle großen und namhaften Institutionen machen mit: die private Hamburger Berenberg Bank etwa, Beratungsgesellschaften und Wirtschaftsprüfer wie Ernst & Young, PWC und KPMG, Anwaltskanzleien und auch private Universitäten.

Veranstaltung für geladene Gäste

Groß bewerben müssen sie das Angebot nicht, viele haben nicht einmal Informationen auf ihrerInternetseite. Bei einigen hat ohnehin nur Zutritt, wer eine Einladung bekommen hat. Andere kontaktieren die Eltern, die oft schon Kunde sind.

Auch Iris Stolzer bekam von ihrem Vater einen Prospekt für die Sommerakademie, das erste Mal war sie mit 16 dabei. "Er dachte, es sei vielleicht interessant für mich. So war es dann ja auch", sagt Stolzer, deren Vorfahren 1844 den Sägen- und Lagerhersteller Kasto Maschinenbau gegründet haben.


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

Das Unternehmen mit mehr als 550 Mitarbeitern hat seinen Hauptsitz im badischen Achern-Gamshurst nahe der französischen Grenze und setzte im vergangenen Jahr 99 Millionen Euro um. Künftig gehört dieses Unternehmen auch Iris und ihren beiden älteren Schwestern.

Stolzer hat sich schon früh Gedanken gemacht, wie es nach dem Abitur weitergehen sollte. Sie habe schon immer vor der Entscheidung für oder gegen einen Posten im Unternehmen gestanden, es gebe eben auch Druck von außen.

Der Ort, aus dem sie stammt, hat nur wenige Tausend Einwohner, jeder kennt sie. Bei anderen machen auch die Eltern Druck, die sich einen internen Nachfolger wünschen."„Familie und Unternehmen hängen eng miteinander zusammen", sagt Katharina Kühne, von der Intes-Akademie für Familienunternehmen.

Jenseits der emotionalen Ebene

Die emotionale Ebene sei eine ganz andere. "Vor allem für die Junioren bringt das große Herausforderungen mit sich", ergänzt sie. Die Sommerakademien zeigen Nachfolgern während einwöchiger Programme an internationalen Wirtschaftshochschulen – abgeschirmt von den Eltern – auf, welche Wege ihnen offen stehen.

Der Großteil der Teilnehmer ist zwischen Anfang und Mitte zwanzig, viele kurz vor oder im Studium. Danach hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Es können Unternehmen in der ersten oder achten Generation sein, mit 50 oder 5000 Mitarbeitern.


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

Einige Akademien richten sich bewusst an Kunden aus aller Welt. So bietet KPMG seit vergangenem Jahr eine Summer School in London an. Auch Ernst & Young arbeitet mit renommierten Wirtschaftshochschulen in New York, Boston, Singapur, Mailand und St. Gallen.

Bei den Sommerakademien werden zunächst die Grundlagen aus Betriebswirtschaft und Gesellschaftsrecht vermittelt: Was unterscheidet Familienunternehmen von anderen, was sind die Besonderheiten und welche Möglichkeiten der Nachfolge gibt es?

Nicht immer ist damit eine aktive Position im Unternehmen gemeint: "Auch diejenigen, die sich gegen eine operative Rolle entscheiden, müssen sich mit der Nachfolge auseinandersetzen", gibt Kühne von der Intes-Akademie zu bedenken.

Denn auch dann müssen sie Fragen der Anteilsverwaltung, Mitbestimmung und Erbfolge klären. Eine Überzeugungsschule für die Unwilligen unter den Sprösslingen wollen die Veranstaltungen ohnehin nicht sein.

"Das ist keine Schmiede für den fertigen Unternehmer", sagt Andrea Baars, Leiterin der Junior Academy von Ernst & Young. Zwar sei es schon so, dass meistens die Eltern ihren Kindern vom Programm erzählten, "aber sie werden nicht in irgendeine Richtung gedrängt."


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

Vielmehr – so sagen die Programmorganisatoren – geht es darum, den Nachfolgern eine Umgebung Gleichgesinnter und Betroffener zu bieten. "Denn mit seinen Gedanken zum Unternehmen steht der Nachfolger häufig allein da", sagt Reinhard Prügl, wissenschaftlicher Leiter des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen (FIF) an der privaten Zeppelin Universität.

Mit der eigenen Familie sei das Gespräch oft schwierig, die Freunde sind nicht notwendigerweise in der gleichen Situation. "Auf solchen Veranstaltungen ist man einfach in einem netten Kreis. Meine Freunde aus Schule und Studium haben bestimmt nicht alle den gleichen Hintergrund wie ich", sagt der Erbe eines Familienunternehmens.

Im Gespräch mit Nachfolgern seien Themen wie Ehevertrag, Mitarbeiter und Finanzielles dann nicht abschreckend, sondern alltäglich. "Das versteht nicht unbedingt jeder."

Ungestört, luxuriös und exklusiv

Für so viel Offenheit unter Deutschlands Unternehmerelite bedarf es einer passenden Kulisse. Gerade für Wochenendseminare und Vortragsreihen suchen die Anbieter gerne besonders schöne – und teure – Orte aus.

Für ihr Gemeinschaftsprojekt "Juniorenkonferenz" haben die Deutsche Bank und die Stuttgarter Anwaltskanzlei Hennerckes, Kirchdörfer und Lorz das Schlosshotel Bühlerhöhe bei Baden-Baden gemietet.


Foto: Piotr Marcinski/Fotolia

Auch die von der Berenberg Bank und dem Wittener Institut für Familienunternehmen seit 2008 mitveranstalteten "Wir-Tage" finden in alten Gemäuern statt: Sie fanden bisher schon auf Schloss Dennelohe bei Unterschwaningen, dem Rittergut Remeringhausen bei Stadthagen und Burg Namedy in Andernach statt. Frei nach dem Motto: Was auf dem Schloss gesprochen wird, bleibt auch auf dem Schloss.

Die "Wir-Tage" sind etwas anders konzipiert – für Eltern und den Unternehmernachwuchs. Am ersten Tag sind die Nachfolger noch unter sich. Dann aber lauschen Junior und Senior gemeinsam den Gastvorträgen, diskutieren bei Spanferkel und Champagner mit anderen deutschen Wirtschaftsgrößen oder arbeiten in Workshops.

"Es ist ein Forum, auf dem es nicht von Beratern wimmelt", sagt Christian Drewes von der Berenberg Bank. Denn trotz 120 Teilnehmern seien lediglich drei Vertreter der Bank dabei – Visitenkarten werden bewusst nicht verteilt. "Dadurch würde die intime Veranstaltung gestört."

Stolzers Entscheidung

Iris Stolzer hat mittlerweile eine Entscheidung getroffen – vorläufig zumindest. Ein sicherer Arbeitsplatz, so das Fazit einer Übung der Sommerakademie, ist ihr wichtig, ihre Risikobereitschaft dafür nicht so sehr ausgeprägt.

"Momentan sieht es danach aus, dass ich nicht ins Unternehmen einsteigen möchte", sagt Stolzer, die derzeit im zweiten Semester Humanbiologie in Greifswald studiert. Sie habe gelernt, dass man keinen aktiven Posten brauche, um die Familie zu unterstützen.

Das kann auch auf persönlicher, emotionaler Ebene passieren. "Aber das Unternehmen wird immer ein Teil von mir sein", erklärt sie.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...