Unternehmenskultur im Wandel Urlaub statt Gehaltsplus

Viele Deutsche würden mehr Urlaub einem Gehaltsplus vorziehen. Die Deutsche Bahn hat vorgelegt und gezeigt, wie so etwas aussehen kann. Warum andere Unternehmen nachziehen könnten.

Nico Hornig, wiwo.de | , aktualisiert

Urlaub statt Gehaltsplus

Urlaub 2

Foto: Jenny Sturm / Fotolia.com

Mehr Freizeit statt mehr Geld. Was als Claim für einen gesellschaftlichen Wertewandel daher kommt, ist offenbar für viele Deutsche eine ernstzunehmende Option. So antworteten in einer Exklusivumfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey 45,5 Prozent auf die Frage, ob Sie sich für mehr Urlaub oder mehr Gehalt entscheiden würden, wenn sie die Wahl hätten, mit: mehr Urlaub.

Zu Beginn der Woche hatte die Deutsche Bahn bekanntgegeben, dass die Mehrheit ihrer Mitarbeiter sechs Tage mehr Urlaub einer Lohnerhöhung um 2,62 Prozent vorzieht. Diese Wahlmöglichkeit war das Ergebnis des vergangenen Tarifabschlusses zwischen der Deutschen Bahn und den Gewerkschaften.

Individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiter werden berücksichtigt

Bis auch Angestellte außerhalb des Staatskonzerns die Möglichkeit bekommen, mehr freie Tage zu nehmen, anstatt sich mit einem Mini-Gehaltsplus zufrieden zu geben, könnte noch einige Zeit vergehen. "Die Bahn ist hier sicherlich eine Vorreiterin. Trotzdem glaube ich, dass in Zukunft immer mehr Unternehmen auf solche Modelle setzen werden", erklärt Katharina Heuer, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. "Ich finde es erstmal gut, dass Unternehmen diese Schritte wagen und damit auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen."

Auch Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen, hält das neue Konzept für eine grundsätzlich gute Idee: "Als ich erfahren habe, dass die Mitarbeiter diese Möglichkeit bekommen, war ich begeistert. Meines Wissens gibt es so etwas bisher nicht in einem deutschen Unternehmen dieser Größenordnung."

Zwar folgt die Möglichkeit mehr Freizeit statt mehr Geld zu bekommen für Rump grundsätzlich einem gesellschaftlichen Trend hin zu mehr Work-Life-Balance, besonders in großen Unternehmen sieht sie aber ein Problem: "In Start-ups gehört das ja fast schon zum guten Ton. In großen alteingesessenen Konzernen dürfte da häufig die Unternehmenskultur im Weg stehen. Bisher ist in dem Bereich einfach noch niemand auf die Idee gekommen, das so zu machen."

Viele Unternehmen schrecken vor den möglichen Problemen zurück

Der Planungsaufwand, wenn plötzlich ein Großteil der Mitarbeiter mehr Urlaub bekommen soll, könnte Unternehmen dann noch zusätzlich abschrecken – insbesondere wenn sich das die Mitarbeiter wie bei der Deutschen Bahn aussuchen können, ob es nun mehr Geld oder mehr Urlaub geben soll.

Für Heuer ist das jedoch kein grundsätzlich neues Problem: "Flexiblere Arbeitszeiten sind ja schon seit längerem ein wichtiges Thema und viele Unternehmen versuchen auch schon ihren Mitarbeitern entgegenzukommen." Rump sieht aber noch eine weitere Schwierigkeit: "Wenn die Hälfte Ihrer Mitarbeiter auf einmal sechs Tage mehr Urlaub bekommt, fehlt Ihnen die Ressource Arbeitszeit. Was machen Sie dann?"

Für die Gewerkschaften ist die Lösung klar: Neueinstellungen. Nachdem die Deutsche Bahn das Abstimmungsergebnis bekannt gab, forderte die EVG, die Belegschaft um 3000 Mitarbeiter aufzustocken. Der Konzern selbst bestätigt diese Zahl nicht und verweist darauf, "selbstverständlich dort, wo erforderlich" zusätzliche Mitarbeiter einstellen zu wollen.

Um überhaupt einstellen zu können, müssen jedoch erstmal qualifizierte Bewerber da sein. In Zeiten des Fachkräftemangels nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Gerade hier sieht Heuer jedoch eher eine Chance als eine Schwierigkeit. "So etwas kann im Wettbewerb um Fachkräfte auch eine gute Möglichkeit sein, um sich abzugrenzen."

Mehr Urlaub gleich höhere Produktivität?

Für Rump eröffnen sich theoretisch auch andere Möglichkeiten, die fehlende Arbeitszeit auszugleichen. "Möglicherweise führt der Mehrurlaub dazu, dass die Mitarbeiter sich stärker an das Unternehmen gebunden fühlen und dadurch produktiver werden. Auch könnten Fehl- und Krankenzeiten abnehmen."

Hier zeigt sich allerdings schon die nächste Schwierigkeit. Da das Ganze bisher nicht umgesetzt wurde, gibt es noch viele Fragenzeichen – insbesondere bei den Kosten. "Sicherlich ist das für Unternehmen wie die Deutsche Bahn mit höherem Aufwand und dadurch häufig auch Kosten verbunden", gibt Heuer zu bedenken, "trotzdem glaube ich, dass sich das unter dem Strich lohnen wird."

Nicht alle Unternehmen sind geeignet

Rump hält ein solches Modell jedoch nur bei bestimmten Unternehmensgrößen für sinnvoll. "Kleine Unternehmen sind nahe an der Start-up-Kultur. Dort lässt sich so etwas leichter realisieren. In Konzernen haben eine kritische Größe, die es einfacher macht den Wegfall der Arbeitskraft abzufedern. Schwierig könnte es hingegen für Betriebe mittlerer Größe werden."

In einem Punkt sind sich die beiden einig. Die Deutsche Bahn trifft mit ihrem Vorstoß den Zeitgeist und könnte damit eine Signalwirkung entfalten. Der Tarifabschluss würde somit als Blaupause dienen und noch bestehende Unsicherheiten ausräumen.

Mehr Urlaub oder mehr Geld. Diese Frage könnten sich in Zukunft nicht nur Lokführer und Zugführer ernsthaft stellen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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