Unternehmensführung Wertschätzendes Arbeitsklima macht Mitarbeiter kreativ

Druck, Angst und Stress verhindern Kreativität und führen dazu, dass Mitarbeiter verstummen, sagt die Beraterin Stefanie Dörflinger. Innovationen entstehen aus Vertrauen.

Tina Groll , Zeit.de | , aktualisiert

Wertschätzendes Arbeitsklima macht Mitarbeiter kreativ

Kreativität 1

Foto: SolisImages / Fotolia.com

Frau Dörflinger, Sie begleiten als Unternehmensberaterin Unternehmen bei Veränderungen und haben sich dabei vor allem auf die Förderung von Kreativität spezialisiert. Sind Sie denn selbst kreativ?

Stefanie Dörflinger: (lacht) Aber sicher. Genau das macht mich zur Expertin auf diesem Gebiet. Im Ernst: Die Frage wird ja sehr häufig in Bewerbungsgesprächen gestellt – aber die Antwort darauf ist eigentlich banal, denn grundsätzlich ist jeder Mensch kreativ. Kreativität bedeutet letztlich nicht mehr als die Fähigkeit, Probleme zu lösen.

Viele Menschen verbinden mit Kreativität aber eher Erfindergeist.

Kreativität kann dazu führen. Solche spontanen Heureka-Momente sind jedoch selten und meist eher Zufall. Der Begriff Kreativität kommt von dem lateinischen Verb creare, das so viel bedeutet wie: etwas Neues schöpfen, etwas herstellen oder auch einfach, etwas auswählen. Und oft ist Kreativität genau das: Man wählt die Lösung für ein Problem aus einer weiten Bandbreite von Möglichkeiten aus. In der Regel bringen die Mitarbeiter nämlich schon die richtigen Antworten auf eine Frage oder ein Anliegen mit. Es muss nicht immer ganz Neues erfunden oder geschaffen werden – bei Kreativität geht es vielmehr darum, die bestehenden Lösungen neu zu kombinieren oder Schritt für Schritt weiter zu entwickeln. Kreative Lösungen können eigentlich immer systematisch erarbeitet werden. Und zwar mit einem unverstellten Blick. Wenn an den Prozess und das Ergebnis zu hohe Erwartungen gesetzt werden, entsteht unnötiger Druck, der die Kreativität eher behindert. Meine Erfahrung zeigt mir: Jeder Mensch ist kreativ. Aber oft stimmen die Rahmenbedingungen nicht – und dann kann dieser kreative Schatz nicht geborgen werden.

Zur Person

Stefanie Dörflinger :
Die Sprachwissenschaftlerin und Politologin Stefanie Dörflinger ist seit 2015 nach Stationen als Leiterin Unternehmenskommunikation und Marketing-Kommunikation bei mittelständischen Unternehmen strategische Partnerin bei der Unternehmensberatung fink different. Sie berät mittelständische Unternehmen insbesondere in Changeprozessen.
Wie kann man Kreativität fördern?

Generell lässt es sich trainieren, aus eingefahrenen Denkmustern auszubrechen und somit kreativer zu werden. Die Voraussetzungen müssen aber stimmen. Der Psychoanalytiker Rainer Matthias Holm-Hadulla hat es vor Kurzem in der ZEIT in etwa so formuliert: Menschen wachsen nicht, wenn sie nicht gesehen werden und ihre Leistung nicht wertgeschätzt wird. Ohne Anerkennung drohen Mitarbeiter zu verstummen. Will ein Unternehmen innovativer werden, sollte es sich daher zunächst mit seiner Unternehmenskultur beschäftigen und die Basis für kreatives Arbeiten schaffen. Es braucht eine Kultur innerhalb der Gruppe oder des Teams, die auf Vertrauen, Zuversicht, Wertschätzung, Anerkennung und Gleichwertigkeit beruht

Was braucht es noch?

Kreativität entsteht, wenn Motivation und ein klares Ziel vorhanden sind, das die Mitarbeiter verstehen und mittragen und eben eine gewisse Systematik eingeführt wird. Es muss klar sein: Warum machen wir das jetzt, was ist der Zweck? Einfach nur zu sagen: Wir müssen innovativer werden, verwirrt eher. Außerdem braucht Kreativität Freiräume. Also kein Brainstorming im Konferenzraum, sondern Ausbrechen aus bekannten Strukturen, raus aus dem gleichen Ablauf. Dazu gehört auch, die Arbeitsumgebung zu ändern. Man kann für ein Kick-off etwa einen Raum in einem Coworking-Space anmieten oder raus ins Grüne gehen. Und man muss auch strukturell Freiräume schaffen. Wenn man nur zwei Stunden Zeit hat, reicht das in der Regel nicht.

Welche Rolle spielt die Zusammensetzung des Teams?

Es sollte heterogen zusammengestellt sein. Gut ist es, wenn sich die Teammitglieder nicht zu ähnlich sind, sondern unterschiedliche Perspektiven mitbringen. Positiv wirkt sich auch aus, wenn Hierarchien im kreativen Prozess keine Rolle spielen. Da kann es zum Beispiel hilfreich sein, wenn ein externer Moderator dabei ist und nicht der Teamleiter selbst die Moderation übernimmt. Man muss aber nicht unbedingt einen externen Coach hinzuziehen, manchmal reicht auch einfach ein geschulter Mitarbeiter aus einem anderen Team. Das Allerwichtigste ist aber, dass die Kommunikation respektvoll ist und trotzdem konstruktive Auseinandersetzungen ermöglicht. Außerdem braucht es noch eine Prise Ehrgeiz.

Wieso?

Weil das anstachelt. Nicht in einer verbissenen Form, sondern eher verbunden mit Spaß und Lebendigkeit. Teams sind dann richtig kreativ, wenn sie sich trauen, groß zu denken. Nicht auf eine arrogante Weise, sondern eher spielerisch. Die Faszination fürs Großdenken, wie ich das mal bezeichnen möchte, entsteht aber nicht, wenn nur einige dominante Teammitglieder Ideen einbringen – sondern alle, auch die leisen Stimmen. Und das ist eine Führungsaufgabe.

Weshalb?

Weil Führungskräfte bei kreativen Prozessen die Mitarbeiter führen müssen wie ein Dirigent ein Orchester. Sie sind quasi der Schlüssel. Es geht darum, den Prozess indirekt so zu steuern, dass jedes Mitglied im Team zum passenden Zeitpunkt seinen Einsatz hat. Dabei sollten sich Führungskräfte aber auf angenehme Weise zurückhalten. Wenn der Vorgesetzte ein Meeting einberuft zum Brainstorming und dieses selbst leitet, geht das oft schief. Denn der Chef hat ja eine feste Position in der Hierarchie und mit einigen Mitarbeitern eine Geschichte. Meist gibt es irgendwo Ängste. Das ist besonders bei Teams der Fall, die schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Zwar können Führungskräfte so einen Prozess anschieben, aber dazu muss zunächst die Grundarbeit erfolgt und ein Klima entstanden sein, in dem sich alle Mitarbeiter einbringen können – und auch wollen. Drei Faktoren sind echtes Gift für Kreativität: Druck, Stress und Angst.

Nun gibt es ja viele Techniken und Methoden, um Kreativität anzuregen. Welche empfehlen Sie?

Nie nur eine einzige, sondern einen Mix. Außerdem rate ich dazu, die Techniken auch mal zu verändern. Es gibt so viele Ansätze, wie man in Kleingruppen und im Plenum arbeiten kann. Wenn man sie klug miteinander mischt, bezieht man auch wirklich alle Teammitglieder und Sichtweisen ein. Grundsätzlich gilt aber auch hier: Es kommt gar nicht so stark auf die Methode an, sondern vor allem auf den Spirit, die Systematik und ganz wichtig: auf das Vertrauen. Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern einfach etwas mehr zutrauen. Schon das kann die Kreativität enorm beflügeln.


Zuerst veröffentlicht auf: zeit.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...