Unternehmen Schwäbisch Hall baut auf eigenen Nachwuchs

Schwäbisch Hall ist einer der zehn Top-Arbeitgeber in Deutschland. In der Tat hat die Bausparkasse Absolventen einiges zu bieten - und sucht jetzt Verstärkung.

Verena Bast | , aktualisiert

Der Monitor in Ingo Eichels Büro leuchtet in Signalfarben. Nahezu jede Sekunde flackert in den Kurstabellen ein roter oder grüner Balken auf, jedes Mal, wenn sich ein Index oder ein Zinssatz verändert. Der 28-Jährige verfolgt jede Bewegung ganz genau - immerhin jongliert er mit Millionen. "Jede Entscheidung, die man trifft, kann schon einen Unterschied von 50000 Euro ausmachen", sagt der gelernte Bankkaufmann. Eichel arbeitet bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall und ist für das Risikocontrolling verantwortlich, speziell für die so genannten Marktpreisrisiken. Seine Abteilung bewertet die Risiken am Finanzmarkt und steuert so auch die Anlageentscheidungen des Unternehmens. Zusammen mit anderen Führungskräften entscheidet er, was mit dem Geld passiert, das die rund sechs Millionen Bausparer in Deutschland Monat für Monat auf ihr Bausparkonto einzahlen. "Es gibt Tage, da verkaufen oder kaufen wir Wertpapiere im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro", sagt Eichel. Für die Anlage der Kundengelder gelten strenge Kriterien. Der Kauf von Aktien etwa ist gesetzlich verboten.

Auch in Rohstoffe oder Währungen darf das Unternehmen nicht investieren, weil Bausparkassen besonderen Schutzbestimmungen unterliegen. Gerade in unruhigen Zeiten an den Finanzmärkten bekommt das oft als bieder abgestempelte Bausparen vermehrten Zulauf. Ulrich Bantleon, Leiter des Studiengangs Banken und Bausparkassen an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen, sieht daher gute Wachstumschancen für die Bausparkasse: "Anleger setzen dann eher wieder auf Bewährtes. Deshalb kann Schwäbisch Hall von der Bankenkrise durchaus profitieren." Rund 3000 der insgesamt gut 4700 Mitarbeiter sitzen in der Zentrale in Schwäbisch Hall, 70 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Deutschlandweit sollen allein in diesem Jahr mehrere Hundert dazukommen, denn der Branchenprimus will seinen Marktanteil von derzeit 29 auf 30 Prozent erhöhen und sucht daher vor allem im Vertrieb Verstärkung. Am Firmensitz will das Unternehmen in diesem Jahr rund 70 Akademiker einstellen, vor allem in der IT, im Marketing, im Vertrieb und in der Unternehmenssteuerung. In den kommenden fünf Jahren will die größte Bausparkasse Deutschlands zudem rund 1000 zusätzliche Außendienstmitarbeiter beschäftigen.

Schwäbisch Hall ist Teil der DZ Bank Gruppe, zu der auch die Fondsgesellschaft Union Investment und die R+V Versicherung gehören. Mit einer Bilanzsumme von 439 Milliarden Euro ist die Gruppe nach eigenen Angaben das viertgrößte deutsche Finanzinstitut. Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren vor allem im Ausland gewachsen. In Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und China wurden Bausparkassen gegründet. 2007 schlossen die Kunden im Ausland insgesamt rund ein Viertel mehr neue Bausparverträge ab als ein Jahr zuvor. Ingo Eichel hat eine steile Karriere gemacht in den vergangenen Jahren - auch dank des internen Förderprogramms. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann vor rund zehn Jahren studierte er Internationale Betriebswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance and Management. Schwäbisch Hall hat das Studium zur Hälfte mitfinanziert und ihn in das einjährige Nachwuchsförderprogramm Jump aufgenommen. So wurde er schon während des Studiums auf eine Führungsaufgabe vorbereitet. Heute ist er für fünf Mitarbeiter verantwortlich.

Den eigenen Nachwuchs zu fördern, das zählt zur Unternehmensstrategie. Mindestens drei Viertel der Führungspositionen hat die Bausparkasse in den vergangenen Jahren aus den eigenen Reihen besetzt. Um die Mitarbeiter für größere Aufgaben fit zu machen, hat Schwäbisch Hall ein umfangreiches Fortbildungsprogramm aufgelegt. Im März startete zudem erstmals ein Traineeprogramm, das den zukünftig wachsenden Bedarf an Mitarbeitern decken soll. Neun Hochschulabsolventen werden so auf Führungspositionen vorbereitet. Ab 2009 sollen dann Bachelor-Studenten bereits im fünften Semester ihr Trainee-Programm beginnen und ihre Abschlussarbeit im Unternehmen schreiben. Gute Karten haben vor allem Wirtschaftswissenschaftler, in den Personalabteilungen haben aber auch Geisteswissenschaftler eine Chance.

Die Aussichten auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag sind gut. "Ziel ist es, dem Trainee bei entsprechender Leistung bereits während der zwölf Monate ein Angebot für eine Festanstellung zu machen", sagt Stephanie Danhof, die Leiterin der Personalbetreuung und -entwicklung. Im jüngsten Arbeitgeber-Ranking der Corporate Research Foundation landete Schwäbisch Hall auf Platz sechs der TopArbeitgeber in Deutschland. Gute Bezahlung, Aufstiegschancen und Work-Life-Balance-Programme muss das Unternehmen auch bieten, wenn es Talente an sich binden will. Die meisten Mitarbeiter rekrutiert das Unternehmen aus der namensgebenden Stadt und der näheren Umgebung. "Aus der Region geeignete Mitarbeiter zu bekommen, ist nicht schwierig", sagt Danhof. Doch ab einer Entfernung von 100 bis 200 Kilometern hat die Bausparkasse Probleme, Mitarbeiter an den Standort zu locken. "Das ist die große Herausforderung, denn das Potenzial dieser Region reicht nicht aus."

Auch Ingo Eichel kommt aus Schwäbisch Hall, er wurde in der 36000 Einwohner zählenden Stadt geboren. Die Bewerbungsmappe an die Bausparkasse war die einzige, die er nach seinem Schulabschluss verschickte. Hätte es nicht geklappt, wäre er aufs Wirtschaftsgymnasium gegangen. Doch er wurde angenommen, und in seiner Ausbildung lernte er gleich seine erste Lektion im Risikocontrolling. Während des Börsenbooms Ende der 90er Jahre fing er mit 2500 Mark an, an der Börse zu spekulieren. Nach einer Weile setzte er alles auf eine Karte und investierte das Geld in einen Optionsschein auf den Aktienindex Dax. Das Geld vermehrte sich, bis auf 128000 Mark stieg der Buchwert des Papiers. Doch dann ging es abwärts, unaufhaltsam, Stück für Stück. "Irgendwann war der Optionsschein nichts mehr wert", sagt Eichel. Noch heute sieht er den Bildschirm mit dem einst hohen Depotwert vor sich. Doch statt wehmütig den Chancen hinterher zu trauern, betrachtet er die Pleite als gute Erfahrung. "Um Risikokontrolleur zu werden, muss man so etwas einmal durchgemacht haben", sagt er. "Die besten Risikokontrolleure sind diejenigen, die sich selber einmal an der Börse die Finger verbrannt haben."

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