Unternehmen ABB - Technik der Zukunft

Vor ein paar Jahren fast pleite, rückt er heute Siemens auf die Pelle: Der Technologiekonzern ABB macht vor, wie man ein uraltes Konglomerat erfolgreich saniert. Die Schweizer haben ihre schwachen Sparten verkauft, die starken gestärkt. Jetzt ist Platz für neue Karrieren.

Florian Willershausen | , aktualisiert

Er könnte genauso gut einen Traktor in der Wüste reparieren. Und auch in einer finnischen Blocksauna ließe sich's besser aushalten als in einem U-Boot, das in der koreanischen Sommersonne brutzelt. "Da muss draußen noch nicht einmal die Sonne knallen - schon wegen der schwarzen Außenhaut wird's im Innenraum wärmer als am Äquator." Zumal, wenn einer wie Jörg Peschke die Klimaanlage abschaltet.

Der 35-Jährige arbeitet für den Technologiekonzern ABB, der in Hamburg Elektro-Bauteile für Marineboote entwickelt. Oft geht der Ingenieur mit an Bord, um seine Geräte zu testen oder U-Boote flottzumachen für neue Aufgaben unter Wasser. Ein harter Job ist das, denn in einem U-Boot ist es nicht nur heiß, sondern auch stickig, eng und ungemütlich. Der Ingenieur baut Spannungsumwandler, so genannte Konverter, die für eine leistungsfähige Stromversorgung notwendig sind. Sie sehen aus wie Videorecorder in den 80er Jahren, kosten aber ein paar Millionen Euro mehr. Für den Unter-Wasser-Einsatz können sie nur wenige bauen. ABB zum Beispiel.

Der schweizerische Industriekonzern Asea Brown Boveri (ABB) stand noch vor fünf Jahren kurz vor der Zerschlagung. Das lag an milliardenschweren Asbest-Klagen in den USA. Vor allem war der Gemischtwarenladen nicht rentabel. Also verkaufte Sanierer Jürgen Dormann die Verlustbringer und konzentrierte sich auf die Kernsparten. Fast ein Drittel der weltweit über 130.000 Mitarbeiter fand sich plötzlich in neuen Firmen wieder. Inzwischen fruchtet der Radikalumbau: In den Geschäftsfeldern der Energietechnik ist ABB sogar weltweit Nummer eins, noch vor dem Elektro-Riesen Siemens. Ein hoher Cashflow füllt die Portokasse für Übernahmen. ABB ist gerüstet, um dem Münchener Konkurrenten auf die Pelle zu rücken.

"Die Siemens-Leute kenne ich eher als Kollegen denn als Konkurrenten", erzählt Jörg Peschke. Spätestens auf dem Werftgelände müssen sie zusammenarbeiten. Für die Klasse 214, das Superboot der Kieler Werft HDW, liefert Siemens die Brennstoffzellen und ABB die Konverter. Damit beides zusammen funktioniert, tauschen die Wettbewerber Daten aus. Doch die Kooperation hört auf, sobald es um Details geht.

Extrawurst fürs U-Boot

U-Boot-Bau ist Handarbeit. Jörg Peschke richtet sämtliche Bauteile an den Wünschen der Kunden aus. Der eine will in subtropische Gewässer fahren und braucht mehr Spannung für die Kühlung. Andere lassen Extras einbauen, die denn auch eine extra Stromversorgung benötigen. "Das ist ein richtiger Spielplatz für Ingenieure", freut sich Peschke. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die "ABB Marine GmbH" nur ein Dutzend Mitarbeiter zählt. Es gibt praktisch keine Hierarchien, jeder muss alles können. Zurzeit modernisiert der 35-Jährige ein U-Boot in Norwegen. Er hat die Pläne entworfen, tüftelt nun am Prototyp eines neuen Konverters, testet das Gerät und baut es dann ein. "Ich mache hier alle Schritte mit - ob ich will oder nicht. Alltag", sagt er, "gibt's da nicht."

Ina Roßbach hat sich ihren Alltag selbst geplant. Als sie im Sommer letzten Jahres als Trainee zu ABB nach Mannheim kam, durfte sie ihre gewünschten Durchlaufstationen auf ein Blatt Papier schreiben. "Ich konnte mein Traineeprogramm von Anfang an mitplanen", freut sie sich. Nur die Station Abu Dhabi hatte sie nicht auf die Liste geschrieben. Als Frau in den Vereinigten Arabischen Emiraten? Ina Roßbach war skeptisch. Konkret sollte sie die kaufmännische und logistische Abwicklung von kleinen Projekten verbessern helfen. Die 26-Jährige nahm die Herausforderung an. "Das war gar nicht so arabisch, wie ich mir das vorgestellt hatte", sagt sie heute. Shopping-Malls sind am Golf entstanden, der Lebensstandard hat ein hohes Niveau erreicht. Sogar als Frau fühlte sie sich in den Emiraten angenommen.

Buchstabensalat

Ina Roßbach hat Internationale BWL in Nürnberg studiert. Dass sie mit diesem Abschluss bei ABB landen würde, hatte sie nicht erwartet. Bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wollte sie sich einst bewerben, oder bei Consultingfirmen. "Mit ABB hatte ich eigentlich gar nichts zu tun", gesteht sie. Eine Recruitingfirma vermittelte sie an die Mannheimer, wo sie wegen des spannenden Traineeprogramms mit Auslandseinsätzen zusagte. Die Betriebswirtin ist ein Zahlenmensch, im Controlling fühlt sie sich zu Hause. In Mannheim kann sie sich vor Zahlen kaum retten. Denn dort laufen die Ergebnisse von zehn Deutschland-Töchtern zusammen, deren Standorte sich wie ein Karo-Muster über die ganze Bundesrepublik verteilen. Alle Abteilungen besitzen Abkürzungen wie ABB/GF-CCP oder ABB/PTS-KC. Ältere Mitarbeiter bezeichnen Abteilungen noch mit Buchstaben, die bereits mit der vorletzten Umstrukturierung abgeschraubt wurden. Für die Newcomerin nicht leicht zu unterscheiden, welche Abteilungen sich dahinter verstecken. "Da musste ich mich erst mal richtig reinfuchsen", sagt sie.

Know-How auf Reisen

Die Geschichte von ABB ist eine des ständigen Umstrukturierens. Dass dadurch viel in Bewegung gerät, merkt Jörg Peschke im eigenen Geschäft, das ursprünglich in Norwegen beheimatet war. Da aber die Hauptkunden in Deutschland sitzen, soll das Know-how im U-Boot-Bau von Norwegen nach Hamburg verlagert werden. Wenn er seinen Osloer Kollegen über die Schultern schaut, ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Natürlich würden die Norweger ihre U-Boot-Technik lieber allein vermarkten. Demnächst steht mit der Inbetriebnahme eines umgebauten U-Boots wieder ein Vor-Ort-Test in Norwegen an. Dann muss er wie schon so oft unter Deck gehen und für den letzten Schliff den Schraubenschlüssel selbst anlegen. Doch im norwegischen Frühsommer, so viel steht fest, ist U-Boot-Bauen immer noch angenehmer als im koreanischen Winter.

ABB: Das Urteil der Jungen Karriere

Geschäftsfeld: Energietechnik, Automationstechnik 
Umsatz: 22,4 Mrd. US-Dollar (weltweit), 2,7 Mrd. US-Dollar (Deutschland) 
Mitarbeiter: 107.000 (weltweit), 11.600 (Deutschland)
Einstellungen: 80 Hochschulabsolventen, 100 Young Professionals '
Qualifikationen: Elektrotechnik, Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen 
Einstiegsgehalt: 42.000 Euro 
Kontakt: ABB AG, Kallstadter Straße 1, 68309 Mannheim, www.abb.de/karriere ; Traineebewerbungen an Marc Naumann, e-mail: trainee@de.abb.com

Marktführer: Bis vor ein paar Jahren war ABB ein Gemischtwarenladen, der sich in viel zu vielen Industriezweigen engagierte. Seit einem radikalen Umbau konzentriert sich ABB auf Automations- und Energietechnik. Da sind die Schweizer groß im Geschäft; im Energietechniksegment sogar größer als Hauptkonkurrent Siemens.

Kuschelfaktor: Die vielen tausend Ingenieure haben weitgehend freie Hand in Forschung und Entwicklung. Kollegen arbeiten in kleinen Teams; Hierarchien muss man mit der Lupe suchen. Das interne Klima bei ABB gilt als offen und freundlich. Dabei verzichtet die Führung auf Leistungsdruck: Überstunden werden ausdrücklich nicht erwartet.

Entwicklung: Abgesehen von einigen größeren Standorten wie Mannheim sind ABB-Firmen wild auf ganz Deutschland verteilt. Das erschwert die Personalentwicklung. Seinen Nachwuchs behält der Konzern mit einem ausgeklügelten Talent-Management-System im Blick. Da fließen die Ergebnisse von regelmäßigen Mitarbeiter- und Vorgesetztengesprächen ein. Wer darüber hinaus auf Fortbildung möchte, kann sich über eine rasche Lösung freuen.

Jobsicherheit: In Sachen Jobsicherheit war ABB lange Zeit ein unbeständiger Kantonist. Im Zuge der Umstrukturierung 2002 musste fast ein Drittel der Belegschaft gehen - mit ihrer Abteilung in neue Unternehmen oder mit der Kündigung zum Arbeitsamt. Dass die neuen Kernbereiche Automationstechnik und Energietechnik solide und sichere Arbeitsfelder sind, deuten schon die Einstellungszahlen an: Das zweite Jahr in Folge stellt ABB rund 200 Leute ein.

Work-Life-Balance: Die Arbeitszeiten hat ABB weitgehend flexibel gestaltet. Aber das ist inzwischen Standard. Dass sich das Unternehmen in Sachen Work-Life-Balance Gedanken macht, zeigen nicht selbstverständliche Angebote wie Sabbatical, Job Sharing und Telearbeit.

Gehalt: Seinen Einsteigern zahlt ABB im Schnitt rund 42.000 Euro; leistungs- und erfolgsabhängige Zusatzvergütungen sind nicht vorgesehen. Zumindest für die Energietechniksparte liegen die Gehälter der Mannheimer niedriger als jene von Mitbewerbern, die oft mehr als 50.000 Euro Einstiegsgehalt herausrücken.

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