Universität Wirtschaftsprüfer: Künftig schneller zum Examen

Bisher glich die deutsche Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer einem Marathon mit Hürden. Neue Bachelor- und Master-Studiengänge bieten jetzt Alternativen - sehr zur Freude der Studenten. Und der Wirtschaftsprüfgesellschaften, denen Nachwuchs fehlt.

Diana Fröhlich | , aktualisiert

Wenn Dorothee Böckeler in zwei Jahren ihr Examen in der Hand hält, wird sie wohl eine der jüngsten Wirtschaftsprüferinnen in Deutschland sein. Läuft alles nach Plan, hat die Diplom-Kauffrau aus Paderborn mit 29 Jahren nicht nur die schwierige Prüfung erfolgreich hinter sich gebracht, sondern wurde auch schon offiziell zur Wirtschaftsprüferin bestellt. Damit wäre Böckeler rund fünf bis sechs Jahre früher dran als der Durchschnitt - inklusive mehrjähriger Erfahrung als Prüfungsassistentin in einer Wirtschaftsprüfgesellschaft. Die Verjüngungskur möglich machen die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse, die auch angehenden Wirtschaftsprüfern in Deutschland neue - attraktivere - Ausbildungswege eröffnen und sie damit in Zukunft international konkurrenzfähiger machen werden.

Bislang glich die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer einem Marathon mit Hürden, bei dem viele auf der Strecke blieben: betriebswirtschaftliches Studium, mindestens drei Jahre Assistenztätigkeit in einer Wirtschaftsprüfgesellschaft, kostspieliges Repetitorium und die monatelange Vorbereitung auf sieben Examensklausuren und eine mündliche Prüfung. Die Hälfte derer, die in den vergangenen Jahren zumindest bis zum Zieleinlauf durchgehalten hatten, scheiterten am Ende doch: Nach Angaben der Wirtschaftsprüferkammer haben in der Zeit von 2004 bis 2007 nur 49,7 Prozent aller 3798 angetretenen Kandidaten das Examen zum Wirtschaftsprüfer bestanden.

Das Manko der Erfolgreichen: Sie waren zu diesem Zeitpunkt meist schon 35 Jahre oder sogar noch älter. Woran das bisher lag? "Angesichts der doch sehr langwierigen Ausbildung ist es für mich zumindest nachvollziehbar, wenn die Kandidaten ihr persönliches berufliches Ziel schon mal aus den Augen verlieren", sagt Manfred Zastrow, Partner bei der Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG. Denn gerade bei Berufsanfängern scheint das Examen noch in weiter Ferne, einen fixen Termin gibt es nicht. Eine hohe Arbeitsbelastung oder auch eine Familiengründung machen es den Kandidaten nicht leicht, rechtzeitig mit der Examensvorbereitung zu beginnen.

Junge Akademiker besonders gefragt

Zudem war und ist gerade bei den großen Wirtschaftsprüfgesellschaften in Deutschland - Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers, KPMG und Deloitte - der Weg durch die Hierarchien für Einsteiger schier unüberwindbar. Denn nach bestandenem Examen gibt es zwar mehr Geld als vorher, doch nicht unbedingt mehr Führungsverantwortung im Unternehmen. Doch gerade diese Gesellschaften haben ein großes Interesse daran, dass mehr und mehr Kandidaten nicht nur das Examen bestehen, sondern dabei auch noch jünger sind als bisher. Denn sie suchen nach qualifiziertem Nachwuchs. KPMG beispielsweise hat allein in den beiden vergangenen Geschäftsjahren in Deutschland fast 3000 neue Mitarbeiter eingestellt, und auch für 2008 sind weitere Neueinstellungen geplant. Und damit ist das Unternehmen nicht allein: Eine Studie der Jobbörse "Careers in Audit" aus dem Jahr 2006 unter Entscheidern aus der Wirtschaftsprüfungs-Branche machte deutlich, dass in den kommenden Jahren europaweit mit einem zusätzlichen Personalbedarf von 25 Prozent gerechnet wird, um die Einführung der neuen internationalen Rechnungslegungsvorschriften zu bewältigen.

Deshalb befürworten nicht nur Studenten, sondern auch ihre potenziellen Arbeitgeber die neuen Ausbildungswege. Die neuen Bachelor- und Master-Programme machen es möglich, die langwierige Ausbildung künftig in sieben bis acht Jahren erfolgreich hinter sich zu bringen. Leichter wird es definitiv nicht - nur viel zielgerichteter. Denn neben dem klassischen Weg hin zum Wirtschaftsprüfer gibt es nun diese Wege, zwischen denen Studenten frei entscheiden können: Nach Paragraf 13b der Wirtschaftsprüferordnung schließen angehende Wirtschaftsprüfer ihren Bachelor mit den Schwerpunktfächern BWL, VWL und/oder Wirtschaftsrecht ab und sammeln danach vier Jahre lang praktische Erfahrungen als Prüfungsassistent. Anschließend legen die Kandidaten das Wirtschaftsprüfer-Examen ab. Der Vorteil bei diesem Ausbildungsweg: Einige Prüfungsleistungen aus dem Studium können angerechnet werden - das heißt, dass von den sieben Klausuren im Wirtschaftsprüfer-Examen bis zu drei wegfallen. Außerdem besteht die Möglichkeit, nach einem Bachelor-Studium einen Master mit den Schwerpunktfächern BWL, VWL und/oder Wirtschaftsrecht zu absolvieren. Auch hier können Prüfungsleistungen angerechnet werden. Nach dem verkürzten Examen folgt dann die Bestellung.

Nach Paragraf 8a der Wirtschaftsprüferordnung dagegen starten angehende Wirtschaftsprüfer ihre Laufbahn nach einem Bachelor-Abschluss direkt bei einer Prüfgesellschaft. Nach mindestens einem Jahr Assistenzzeit belegen sie nach bestandener Aufnahmeprüfung den speziellen Master-Studiengang "Auditing" und machen anschließend das auf vier Klausuren verkürzte Examen. Was ihnen noch fehlt, sind zwei weitere Jahre als Prüfungsassistent - wer die nach dem Master nachholt, wird dann direkt zum Wirtschaftsprüfer bestellt.

Doppelleben: Job und Masterstudium

Dorothee Böckeler hat sich für das Master-Programm nach Paragraf 8a der Wirtschaftsprüferordnung entschieden. Zurzeit arbeitet sie drei Tage pro Woche als Prüfungsassistentin bei der Wirtschaftsprüf- und Steuerberatungsgesellschaft HDT Treuhand-GmbH in Osnabrück, den Rest der Woche inklusive Samstag macht sie an dem gemeinsamen Studiengang der Fachhochschulen Münster und Osnabrück ihren Master of Arts im Fach "Auditing, Finance and Taxation". Vor einem Jahr, zum Wintersemester 2006/07, starteten die beiden Fachhochschulen ihr Angebot, es ist die bundesweit erste Kooperation ihrer Art. Und andere Hochschulen folgen: Calw beispielsweise bietet - noch vorbehaltlich der erfolgreichen Akkreditierung - seit diesem Wintersemester ein entsprechendes Master-Programm an, die Uni Mannheim und die Hochschule Pforzheim beginnen im kommenden Jahr.

Für Dorothee Böckeler lohnt sich ihr derzeit straffes Programm aber durchaus: Sie könnte schon mit 29 Jahren eine der jüngsten bereits bestellten Wirtschaftsprüferinnen Deutschlands sein. Zusätzlich hat sie schon heute die Zusage von ihrem Chef, nach dem Master-Studium wieder eine Vollzeitstelle antreten zu können. "Natürlich ist diese Zeit gerade sehr anstrengend für mich. Für meinen Freund bleibt wenig Zeit. Doch mich motiviert die Ausbildung total, auch wenn die Freizeit mehr als knapp ist", sagt Böckeler. Sie sieht es als Vorteil, nach nur einem Jahr im Job direkt wieder im Hörsaal zu sitzen. "Ich bin noch ans Lernen gewöhnt und mir fällt es nicht so schwer. Ich denke, wer erst drei oder vier Jahre arbeitet, bevor er sich auf das Examen vorbereitet, ist schon gedanklich viel weiter weg von Klausuren und Prüfungen."

Gerhard Zimmer, Leiter des Strategischen Personal Monitorings bei PricewaterhouseCoopers, schätzt das ähnlich ein. Die Ausbildung sei um einiges geordneter und mache das Berufsbild des Wirtschaftsprüfers in Zukunft damit um einiges attraktiver. Die großen Wirtschaftsprüfgesellschaften hoffen, dass ihre Bewerber jünger, besser ausgebildet und motivierter sein werden, wenn sie ihre berufliche Karriere starten. "Ein Bachelor-Studium besteht nur aus sechs Semestern Regelstudienzeit, das ist schon sehr kurz. Aber wer dann noch einen Master of Auditing draufsetzt, ist sehr viel zielgerichteter ausgebildet als ein Kollege mit Uni-Diplom", sagt Zimmer.

Vorteile, die für die neuen Ausbildungswege sprechen. Die "Großen Vier" der Branche erhoffen sich, dass mehr junge Menschen als bisher die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer beenden. Bisher hat der lange Weg viele Studenten und Berufseinsteiger davon abgehalten. Manfred Zastrow von KPMG verspricht sich nun, dass den Bewerbern durch die Anrechnung von Prüfungsleistungen die Unsicherheit genommen werden kann. "Wenn schon vor dem eigentlichen Examen der BWL- und Rechtsteil abgelegt werden kann, dann ist der Berg, den die jungen Leute noch überwinden müssen, nicht gar so hoch."

Deshalb haben sich die Wirtschaftsprüfgesellschaften auch schon über die Finanzierung der einzelnen Weiterbildungsangebote Gedanken gemacht. Unterstützt werden sollen in Zukunft alle aussichtsreichen Kandidaten, egal für welchen Weg sie sich entscheiden. Für ausgewählte Mitarbeiter, die einen Master-Abschluss nach Paragraf 8a der Wirtschaftsprüferordnung anstreben, übernimmt Ernst & Young künftig die Studiengebühren in voller Höhe. "Damit sich unsere Mitarbeiter ernsthaft auf ihr Studium konzentrieren, reduzieren sie ihre Arbeitszeit auf 25 Prozent. Und zwar ohne, dass das Gehalt im gleichen Umfang vermindert wird", sagt Kai Zacharides, Leiter Zentrale Personalbereiche. Nach Abschluss der Prüfungen und mit dem bestandenen Master kehren sie dann auf ihre Vollzeitstelle zurück.

Dorothee Böckeler hat keine Finanzspritze von ihrem Arbeitgeber erhalten. Sie ist selbst für die Studiengebühren in Höhe von 11 000 Euro aufgekommen - mit Hilfe ihres Gehalts und der Unterstützung der Eltern. Allerdings stehen für Absolventen wie Böckeler die Chancen nicht schlecht, dass sich bald die großen Wirtschaftsprüfgesellschaften um sie reißen.

Schlaumacher: Berufsbild Wirtschaftsprüfer

Unabhängig, verschwiegen, gewissenhaft: Wirtschaftsprüfer kontrollieren und dokumentieren vor allem die Jahresabschlüsse von Unternehmen nach handels- und steuerrechtlichen Gesichtspunkten. Wirtschaftsprüfer haben zudem das Recht, Unternehmen vor den Finanzbehörden und Finanzgerichten zu vertreten. Aufgrund ihrer sehr speziellen Ausbildung werden Wirtschaftsprüfer oft auf Spitzenpositionen im Management eingesetzt. Voraussetzungen für den Job: betriebswirtschaftliches Verständnis, Überblick über die steuer- und bilanzrechtlichen Möglichkeiten und Pflichten, Kenntnisse in internationaler Rechnungslegung.

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