Universität Angst essen Studium auf

Es ist normal, sein Studium infrage zu stellen. Immer häufiger aber leiden Studenten unter Frust und Depressionen - und suchen psychologische Beratung.

Vivien Leue | , aktualisiert

Die negativen Gedanken, Zukunftsängste und Selbstzweifel kommen mit der Wucht einer Flutwelle und reißen alles mit sich. Ob morgens auf dem Weg zum Hörsaal, mittags in der Bibliothek, abends in der Kneipe oder nachts im Bett. Diese Gedanken sind allgegenwärtig: Bin ich gut genug für das Studium? Wohin führt es mich? Möchte ich dort überhaupt hin? Sollte ich lieber das Fach wechseln? Oder gleich das ganze Studium schmeißen? "Die Mehrheit der Studenten zweifelt im Studium, ob das alles so richtig ist, was sie machen", sagt Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert von der Freien Universität Berlin.

"Kannst du hier mithalten?"

Diese Zweifel quälten auch Sebastian Ruland. Der 22-Jährige heißt anders, möchte seinen richtigen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen. "Kaum einer weiß, was unter der gut gelaunten Fassade stattfindet und dass ich von Zweifeln geplagt bin", sagt er und erzählt, wie er zeitweise alles hinterfragte und ständig fürchtete habe, nicht gut genug zu sein. "Da war auch der permanente Vergleich mit den Anderen und die Frage: Kannst Du hier mithalten?" Er schäme sich zwar nicht für diese Gedanken, möchte aber auch "niemanden enttäuschen" - vor allem seine Familie nicht.

Die ist mächtig stolz auf ihn, denn Ruland, der Chemie und Geographie auf Lehramt studiert, könnte der erste Absolvent seiner Familie werden. Dass er bei all den guten Noten Probleme an der Uni haben könnte, ist für seine Familie unvorstellbar. "Ich habe das mal bei meinen Eltern anklingen lassen, aber meine Mutter hat das nie richtig verstanden." Wie auch? Er hat es lange Zeit ja selbst nicht begriffen.

Ein gutes Abi, dann der Zivildienst und danach die Frage: Was studiere ich? Eigentlich lief bei Ruland alles glatt. Nur wusste er nicht, was er studieren soll. Er wollte das Beste aus seinen Möglichkeiten machen.

Lieber einen Fehler machen als keinen zu riskieren

"Ich habe mich für etwa zwei Dutzend Fächer beworben", erzählt er. 20 Zusagen landeten daraufhin in seinem Briefkasten. Architektur, Psychologie, Ingenieurswissenschaften - Ruland saß vor einer Auswahl, von der viele Studenten träumen. "Von den 20 Zusagen waren dann aber irgendwann 15 abgelaufen, weil ich mich einfach nicht für ein Fach entscheiden konnte." Unsicher stellte er sich immer dieselben Fragen: Willst Du das wirklich studieren, passt das Fach zu Dir?

Diese Fragen und Ängste sind völlig verständlich, sagt die Züricher Psychologie-Professorin Alexandra Freund. "Denn man weiß immer erst im Nachhinein, ob das Fach oder der Berufszweig etwas ist, was man gut kann und was einem liegt." Ihr Ratschlag: Ruhig schon einmal ein Praktikum vor Beginn des Studiums machen, sich während des Abiturs mal in eine Vorlesung setzen oder sich einen Ferienjob in einer Kanzlei suchen. Auch wenn sich später herausstellt, dass es einem nicht gefällt. "Bevor man vor Unsicherheit in eine Art Lähmung verfällt, sollte man sich klarmachen, dass es besser ist, einen falschen Schritt zu gehen, als gar keine Schritte zu gehen", sagt Freund. Ruland entschied sich letztendlich für das Lehramtsstudium - auch wenn seine quälenden Magenschmerzen blieben.

Anders als er entwickeln viele Studenten Selbstzweifel erst im Laufe ihres Studiums. Anfangs noch überwiegt die Vorfreude. Mit Elan belegen sie Kurse und genießen das neue Leben. Erst wenn die Euphorie verflogen ist, das Fach und die Vorlesungen nicht mehr neu sind und das Studium zum Alltag geworden ist, tauchen erste Probleme auf. "Angesichts der vielen Scheine und Prüfungen, die noch vor einem liegen, zweifeln sie an sich und denken: Das schaffe ich doch sowieso nicht", sagt Angelika Wuttke, Studienberaterin an der Universität Düsseldorf. "Die meisten Studenten befinden sich noch in einem Zwischenstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein. Zweifel gehören zu dieser Entwicklungsphase dazu."

Ihr Freiburger Kollege Albert Fersching rät, die bohrenden Fragen zuzulassen. "Es ist viel gefährlicher, sich diesem Prozess nicht zu stellen", sagt er. Genau das beobachte er aber: "Es gibt Studenten, die verbissen und mit einem Tunnelblick durch ihr Studium gehen und von Schein zu Schein leben." Zweifel und Ängste ignorieren sie. Probleme? Gibt es nicht. Nach Ansicht von Experten rächt sich diese Einstellung oft: In stressigen Zeiten wie Prüfungsphasen können die Dämme brechen und die negativen Gedanken alles überfluten. Spätestens dann sollten Studenten fachkundige Hilfe aufsuchen, raten Fersching und seine Kollegen. "Viele Studenten scheuen sich davor, zu einer psychologischen Beratung zu gehen. Dabei sollten sie wissen: Sie sind nicht krank, sondern in einer Entwicklungsphase", sagt Studienberaterin Wuttke.

Die Ansprüche steigen, deswegen setzen sich die Studenten oft selbst unter Druck.

Einer, der ihre Hilfe suchte, ist Johannes Siebert. Auch sein Name ist geändert, auch er möchte nicht, dass Kommilitonen und Kollegen von seinen wöchentlichen Sitzungen erfahren. "Wenn überhaupt, dann rede ich mit meinem Bruder über meine Probleme", sagt Siebert. Seine Probleme - damit meint er das Gefühl, nie gut genug zu sein, keinem seiner Ansprüche gerecht zu werden und irgendwie auf der Strecke zu bleiben. Der 30-Jährige studiert Elektrotechnik in Düsseldorf, und das schon seit acht Jahren. Die Angst vor der Matheprüfung und ein erfolgreicher Nebenjob hielten ihn bislang davon ab, das Studium ernsthaft voranzutreiben. "Aber ich habe immer noch den Anspruch an mich selber, dass ich am Ende meines Lebens einen Universitätsabschluss vorweisen kann." Ihm ist es sehr wichtig, was andere von ihm denken. Er glaubt, sein Ansehen mit einem Uni-Titel zu steigern. "Diese Ehrfurcht beispielsweise vor einem Doktor-Titel, die habe ich schon in der Kindheit erfahren, wenn es hieß: ,Der Herr Dr. Nachbar' kommt", sagtSiebert.

Dabei hat auch er einiges vorzuweisen - nur eben noch keinen akademischen Titel. "Immer, wenn ich eine Stufe erreiche, komme ich mir auch wieder minderwertig vor. Denn ich habe die nächste Stufe ja noch nicht erklommen." Bereits zu Schulzeiten begann er, sich sein Taschengeld als Filmvorführer in Kinos zu verdienen. Er interessierte sich für die komplizierten Vorführtechniken und lernte schnell dazu. Später engagierte ihn Sony Cinema Products als technischen Berater. Verschiedene Projekte führten ihn bis nach Kuwait. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er jetzt als Technischer Leiter einer Düsseldorfer Kinokette. Das Studium sei irgendwann auf der Strecke geblieben, sagt Siebert. "Meine Mutter würde wohl sagen: Alles angefangen, nichts zu Ende gemacht."

Als Zukunftsängste und Selbstzweifel immer mehr ansteigen, warf Johannes Siebert den Rettungsanker. "Irgendwann merkte ich: Ich habe mich festgefahren, es dreht sich alles im Kreis und ich komme da nicht mehr raus." Das sei der Moment gewesen, in dem er die psychologische Beratung aufgesucht habe. "Jetzt weiß ich: Ich habe mich in die Arbeit geflüchtet, weil ich Angst vor dem Studium hatte." Keine Note war gut genug, der ständige Gedanke ,Das schaffe ich doch sowieso nicht' blockierte jedes Vorankommen. Erfolgserlebnisse hatte er bei der Arbeit, im Studium verspürte er keine.

Nach Zahlen des Deutschen Studentenwerks haben 2006 fast 23000 Studenten in den bundesweit 44 psychologischen Beratungsstellen Hilfe gesucht. Die Anlaufstellen an universitätseigenen Institutionen sind dabei nicht mitgezählt. Experten schätzen, dass noch einmal mehrere tausend Hilfesuchende hinzukommen. "Wie uns viele unserer Beratungsstellen bestätigen, steigt der Bedarf beziehungsweise die Nachfrage der Studierenden nach psychologischer Beratung immer mehr an", sagt Studentenwerk-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde.

Waren es 2004 noch rund 16000 Studierende, die sich psychologisch beraten ließen, so stieg die Zahl 2005 bereits auf mehr als 19000 an und lag 2006 bei 22800. "Die häufigsten Probleme der Studierenden, die in unsere Beratungsstellen kommen, sind Leistungsstörungen, mangelndes Selbstwertgefühl, depressive Verstimmungen, Labilität, Prüfungsangst und allgemeine Ängste, außerdem Alkohol- und Cannabissucht", sagt Meyer auf der Heyde.

Die Erkenntnisse des Studentenwerks werden von einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) bestätigt. Sie wertete die Daten von rund 131000 Studierenden im Alter von 20 bis 34 Jahren aus. "Fast zehn Prozent der Medkikamente, die Hochschülern verordnet wurden, waren Psychopharmaka", sagt Volker Clasen, Sprecher der TK in Schleswig-Holstein. Insbesondere die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master bringe Veränderungen, sagt Meyer auf der Heyde vom Studentenwerk. Der zeitliche Druck wachse und permanente Leistungskontrollen seien ein zusätzlicher Stressfaktor. "Oft bringen die Studenten beides nicht unter einen Hut und laufen Gefahr, sich in einen Burn-out-Zustand hinein zu manövrieren." Starke Motivationsprobleme, Depressionen und Zukunftsängste entwickeln sich dann zu ständigen Begleitern.

Ähnlich wie Johannes Siebert hat auch Sebastian Ruland irgendwann gemerkt, dass er mit seinen Selbstzweifeln in einer Sackgasse gelandet ist. "So kann es nicht weitergehen, das wusste ich", sagt er. "Meine Leistungen haben zwar nicht darunter gelitten, das hätte ich mir nicht verziehen. Aber die Lebensqualität, die hat gelitten. Ich konnte mich an vielem einfach nicht mehr erfreuen." Der Lehramts-Student schrieb sich seine Zweifel und seinen Frust in Online-Portalen von der Seele. Anonyme Internet-Bekanntschaften hörten ihm zu und gaben Tipps. "Da habe ich viel Rückhalt erfahren", sagt Ruland. Irgendwann wusste er: "Es ist nicht das Studium, das mich krank macht, es ist meine Einstellung."

Viele Studenten leiden unter ihren hohen Ansprüchen, die auch eine Folge der Ausschreibungen sind. Wer einen guten Job will, muss schnell studieren, mindestens ein Jahr im Ausland verbringen, außerdem super Noten und mehrere Praktika vorweisen können. Solche Kandidaten suchen Unternehmen, und so denken viele Studenten. Und fragen sich: Wie soll ich da mithalten? Dabei legen Personaler mehr Wert auf die Persönlichkeit als auf einen perfekten Lebenslauf. "Wir schauen auch, ob der Bewerber Praktika gemacht hat, ob er sich privat engagiert, beispielsweise in einem Verein oder für eine wohltätige Sache", sagt Klaus Thoma von der Deutschen Bank.

Studienfachwechsler zeigen eine überdurchschnittliche Entschlusskraft.

Seine Kollegin Simone Wamsteker vom Beratungsunternehmen Accenture fügt hinzu: "Wenn jemand aus einem triftigen Grund ein Semester länger studiert, zum Beispiel um praktische Erfahrung zu sammeln, sehen wir das auch sehr gerne." Es gehe nicht darum, ein Idealbild abzuliefern. Viel wichtiger sei Authentizität. Auch ein Studienfachwechsel sei bei Bewerbungen kein K.o.-Kriterium: "Das ist mir lieber, als wenn jemand auf Gedeih und Verderb sein Studium durchzieht und später keine Freude an seinem Job hat." Zwar wollen Unternehmen niemanden, der sich ständig verzettelt, sagt der Bochumer Psychologe-Professor Heinrich Wottawa, doch wenn ein Bewerber glaubhaft versichern könne, dass er seine Zweifel- und Orientierungsphase überwunden habe, steigen seine Chancen wieder. "Studienfachwechsler zeigen zudem eine überdurchschnittlich hohe Entschlusskraft."

Sebastian Ruland hat sich mittlerweile dafür entschieden, seinem Studium treu zu bleiben. "Das war der Wendepunkt", sagt er. Seitdem sei er wieder motiviert, Vorlesungen und Seminare zu besuchen. "Ich gehe im Moment wirklich auf im Studium. Ich weiß jetzt: Der Lehrerberuf ist mein Ding." Auch Johannes Siebert blickt optimistisch in die Zukunft. "Ich habe mir fest vorgenommen, von nun an pro Tag mindestens drei Stunden zu lernen", sagt er. Und: "Ich will jetzt endlich meinen Matheschein machen."

Hans Werner Rückert  leitet die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universtität Berlin. In dem Magazin "Handelsblatt Junge Karriere" erklärt er, dass viele Studenten im Laufe ihres Studiums von Zweifeln befallen werden. Wie er ihnen hilft und wie man das richtige Studienfach auswählt.

Junge Karriere: Mit welchen Problemen kommen die Studenten in Ihre Beratung?
Rückert: Viele Studenten, die zu uns kommen, haben keine Freude mehr am Studium. Sie schieben ihre Arbeiten vor sich her und sehen im Studium keinen Sinn mehr. Sie sind beunruhigt, das falsche Fach gewählt zu haben, sehen aber oft auch keine Alternativen. Einige entwickeln auch die Angst, das Leben an sich nicht zu meistern. 

Ab wann werden Selbstzweifel zu einem grundlegenden Problem und ab wann sollten Studenten eine Beratungsstelle aufsuchen?
Die Mehrheit der Studenten zweifelt vorübergehend im Studium, ob alles so richtig ist, was sie machen. Das gehört dazu. Wenn jemand aber in eine Abwärtsspirale kommt und es keine Lichtblicke mehr gibt, wenn die Ängste und Zweifel zunehmen, dann spätestens sollte er sich fachkundige Hilfe holen. Ansonsten entsteht häufig ein Teufelskreis von Depressivität, nachlassender Leistung, sich steigernden Ängsten und Selbstzweifeln und daraufhin wieder mehr Depressivität und noch mehr Zweifel und Ängste. 

Gibt es Studentengruppen, die eher zu Krisen und Selbstzweifeln neigen?
Generell kann man das nicht sagen. Aber: Bildungsferne Schichten haben es eher schwerer. Sie profitieren nicht von dem Erfahrungshintergrund ihrer Eltern. Mitunter stehen sie auch unter einem größeren Druck, weil die Familie vielleicht unter Opfern Geld aufbringt, um die Kinder im Studium zu unterstützen. 

Wie können Sie bei der Psychologischen Beratung helfen?
Wir sprechen bestimmte Situationen durch und identifizieren kritische Punkte, beispielsweise bei den Arbeitstechniken. Also: Was denkt der Student, wenn er am Schreibtisch sitzt? Was macht er, wenn die negativen Gedanken kommen? Bevor er dann aufsteht und sich einen Tee macht, um vor der Arbeit und den negativen Gedanken zu fliehen, sollte er wenigstens fünf Sätze schreiben - und den Tee dann als Belohnung ansehen. Dieses Sich-Selbst-Besser-Steuern kann man trainieren.

Woher weiß man denn, ob man sich für das richtige Fach entschieden hat?
Es gibt tatsächlich Menschen, die fühlen eine Art ,Berufung'. Für die anderen gilt: Diejenigen, die mit ihren Entscheidungen zufrieden sind, nehmen diese im Nachhinein als die ,richtigen' an. Sie können rückwirkend mit der Entwicklung einverstanden und damit glücklich sein. Auf diese Fähigkeit zu vertrauen ist besser, von vornherein die ,richtigen' Entscheidungen zu suchen. Eine positive Grundeinstellung und Fehlerfreundlichkeit gehören auch dazu. 

Ist der Stress der Studenten durch die Bologna-Reformen größer geworden?
Die Konkurrenz ist im Bachelor-Studium viel größer geworden. 85 Prozent der Bachelor-Studenten möchten später ins Masterstudium, das aber nur den Besten offensteht. Man hat seine Konkurrenten also direkt neben sich sitzen. Hinzu kommt, dass eine Entwertung des Bachelors stattgefunden hat. Der Abschluss wird von vielen wie ein Grundstudium angesehen. Die angestrebte Berufsbefähigung sehen viele mit dem Abschluss nicht als gegeben an. Insgesamt ist der Angstpegel durchaus gestiegen, auch wenn es hierzu noch keine validen Zahlen gibt. Der Effizienzdruck hat sich erhöht. Lerninhalte eines früher vielleicht acht- oder neunsemestrigen Studiums sind jetzt auf sechs Semester komprimiert. In manchen Studienorten sind Studenten vom Rausschmiss bedroht, wenn sie ihre Scheine nicht in einer bestimmten Zeit schaffen. Das produziert Angst: Die Kommilitonen gehen weiter, man selbst bleibt auf der Strecke.

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