Uni-Städte Greifswald - Die Uni als Familie

Die Randlage von Greifswald provoziert düstere Befürchtungen: Erreichen allgemeine zivilisatorische Güter diese Enklave Mecklenburgs überhaupt binnen Jahresfrist? Oder gilt es fernab von Leben und Welt in Trübsinn zu vereinzeln? Bietet sich Abwechslung nur als Hilfskraft auf einem Heringskutter? Nein: In Greifswald studiert man da, wo andere Urlaub machen!

Markus Wienen | , aktualisiert

Es wäre übertrieben, zu behaupten, Greifswald sei eine Großstadt. Hier wohnt man in Pommern an der Ostsee. Nördlich rauscht das Meer um Rügen und Hiddensee. Südlich und westlich liegen die langen Alleen und endlose Felder der Mecklenburger Seenplatte. Nach 30 Kilometern gen Osten steht man auf Usedom und fast in Polen. Akademische Novizen teilen sich dieses Nirgendwo nur mit heimischen Fischern und ein paar Sommertouristen. Kurz: Man ist weit und breit alleine, und deswegen glänzt Greifswald nahezu als Metropole der Ostsee!

Solch Randlage provoziert düstere Befürchtungen: Erreichen allgemeine zivilisatorische Güter diese Enklave Mecklenburgs überhaupt binnen Jahresfrist? Oder gilt es fernab von Leben und Welt in Trübsinn zu vereinzeln? Bietet sich Abwechslung nur als Hilfskraft auf einem Heringskutter? Nein: In Greifswald studiert man da, wo andere Urlaub machen! Nach der Vorlesung, wochenends, oder immer sonst, radelt man kurz an den Strand, eine Runde Volleyball spielen oder joggt unter den Kastanien des immer nahen Stadtwalls oder am Stadtfluss Ryck zum Fischerdorf Wieck entlang.

Soll es ruhiger sein, picknickt man nach ein paar Minuten Fahrt an einem kleinen See im Umland und sieht vielleicht die ersten Störche seines Lebens. Wegen dieses etwas dörflichen Charakters gilt Greifswald einigen als eine Uni mit etwas Stadt darum. Diese Deutung ist leicht gewagt, berücksichtigt aber das prägende Moment der Uni für Stadt und Kultur seit ihrer Gründung anno 1456.

Greifswald ist also klein, und da die Institute sich über die gesamte Altstadt erstrecken, wird der Stadtkern innerhalb der Grenzen des Walls von wuselnden Akademikern beherrscht. Dabei ist die Alma Mater Greifswalds mit rund 10.500 Studenten eine der kleinsten Universitäten Deutschlands. Man studiert hier in familiären Kreisen.

Je nach Studiengang sitzt man zu viert oder zu sechst plus Professor zusammen und arbeitet. In solch privater Runde ist das Interesse am Studenten meist allseits vorbildlich. Volle Hörsäle gibt es nicht, so daß die Profs meist gelassen sind und sich Zeit nehmen. Warteschlangen zu Sprechstunden fürchtet man umsonst und die Öffnungszeiten der Studienberatung beispielsweise scheinen nahezu dazu gedacht, ignoriert zu werden.

Auch hier gilt: Jeder ist fast immer auf fast alles ansprechbar. Solche Vertraulichkeit aber kennt eine zweite Seite. Am Institut ist man bekannt. Es kommt vor, daß man auf Leistungen oder eben Versäumnisse bei dem ein oder anderen Kollegen freundlich lobend oder eben tadelnd angesprochen wird. Institut und Lehrkörper wissen und sorgen sich auch so um ihre Schützlinge.

Solch überschaubare Dimensionen sind typisch für die Hansestadt. Es ist eigentlich unmöglich, von einem Ende Greifswalds zum anderen zu kommen, ohne mindestens einen, meist mehrere Kommilitonen zu treffen. Diese sozialen Nahkämpfe gilt es, geschickt zu nutzen. Zwar steht das dritte oder vierte Gespräch auf dem zweiminütigen Weg zum Institut dem Seminarbeginn schon mal im Wege.

Aber wer was erleben will, muss die Augen-und-Ohren-auf-Taktik perfektionieren. Denn in der Hansestadt wird man nicht gerade von der Quantität des kulturellen Angebots erschlagen. Wer auf breite Auswahl hofft mag sich dagegen schnell zu einer Wahl zwischen einer Fahrt ins nahe Berlin oder lebensverkürzenden Maßahmen gedrängt fühlen.

Denn das Club- und Nachtleben präsentiert sich wegen der eher dünnen Besiedlung eher bescheiden. Zwar werden verschiedene Geschmäcker bedient, aber es wäre übertrieben, von großer Auswahl zu sprechen. Berlin also bietet tatsächlich die Alternative, obschon die oft günstigen Preise dazu einladen, doch in Greifswald auszugehen.

Wer nicht gerade eine Hilfskraftstelle innehat, der findet neben Kopierläden oder Tankstellen dann auch beim Kellnern die einzige Möglichkeit, sich zu finanzieren. Auskunft über die Joblandschaft, wie eigentlich über alles wichtige bezüglich Stadt und Uni, gibt der allseits aktive AstA (Allgemeiner Studierendenausschuss).

Neben den allgemeinen studentischen Angelegenheiten aber ist auch im Kleinen Initiative gefordert: Freizeitgestaltung in Greifswald erfordert Einfallsreichtum, um das Leben all derer zu retten, die sich nicht für eine Zugfahrt nach Berlin entschlossen haben. Innerhalb der kleinen Studentenschar aber kennt irgendwie jeder jeden um nicht zu viele Ecken. Credo in Gryps ist daher: Wenn du was willst, dann mach es selber - und es finden sich immer Leute, die helfen. Innovation ist geboten, Raum und Bedarf reichlich vorhanden.

Stadt und Uni unterstützen dabei viele Ideen. In enger Zusammenarbeit mit dem AStA bemüht man sich beispielsweise allerseits, studentische Traditionen zu pflegen. Professoren werden als Alter Herr May begrüßt und zelebrieren die Biermesse. Sport- und Hoffeste werden reichlich organisiert und jedes Jubiläum wird kräftig und gastfreundlich gefeiert: In Greifswald gibt es noch Feste mit kostenloser Verpflegung und Freibier! So überbieten sich Bürgermeister und Rektor beispielsweise alljährlich, zur Begrüßung der Erstis Bier zu spendieren.

Dabei lässt sich in Greifswald insgesamt noch preiswert leben. Leichte Ostalgische Normabweichungen, wie Kohleofen mit Dusche in der Küche garantieren billigen Wohnraum. Sicher, wer gerade den Salat für den zweisamen Abend vorbereitet, mag seinen Mitbewohner nicht unbedingt duschend vor Augen haben. Daher die Beruhigung: Das Häuschen im Grünen, Wohnheime und die gute Platte sind ebenso finanzierbar. Aktuelle Angebote finden sich beim AStA und in der Mitwohnzentrale.

Greifswald mag ein diffuses Bild liefern. Man scheint im Nichts verloren und aus Ausweglosigkeit gezwungen, die Zügel in die Hand zu nehmen, wie es jeder tut. Aber dieses allseitige Engagement ermöglicht ein extrem fruchtbares und freundliches Klima. Kaum ein Studi oder Prof hat in der Hansestadt die Heimat fürs Alter gefunden.

Aber in Greifswald sind Studium, Freizeit und persönliche Entwicklung fast notwendig miteinander verbunden und fügen sich zusammen. So entsteht eine intensive Lebens- und Lernatmosphäre, die sich in einem studentischen Spruch bündelt: In Greifswald weint man nur zweimal; einmal, wenn man kommt und das zweite Mal, wenn man wieder geht.

Weitere Infos:
Greifswald: www.greifswald.de
Uni: www.uni-greifswald.de
Studentenschaft: www.asta-greifswald.de
Wohnungsgesellschaften: www.wvg-greifswald.de oder www.wgg-hgw.de

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