Uni-Städte Erfurt: Zwischen Tradition und Neubeginn

Dem Anspruch einer Landeshauptstadt versucht die 200.000-Einwohner-Stadt hier, inmitten einer strukturschwachen Region, in allen Belangen gerecht zu werden: Messezentrum, Flughafen, Eissporthalle, schmucke Altstadt - und eine Universität, die zu den besten Deutschlands gehören will.

S. Sperling | , aktualisiert

Markus ist das erste Mal in Erfurt. Ob wir ihm ein bisschen was von dieser Stadt und ihrer Uni zeigen könnten, hatte er am Telefon gefragt. Jetzt steht er vor mir auf dem Bahnsteig. "Da bin ich mal gespannt auf euer Reformkonzept", sagt er, weil man ja was sagen muss. "Ja, darauf sind wir stolz", entgegne ich, doch er hat seine Gedanken schon woanders. Er hält seine Nase in den Wind. "Thüringer Bratwurst", erkläre ich. Gemeinsam folgen wir den Rauchschwaden.

In Erfurt muss man zur Mittagszeit generell keine 500 Meter laufen, um die Thüringer Identitätsstifter auf einem Rost liegen zu sehen. Markus nimmt sich eine, ich gönne mir ein Rostbrätel. "Auch typisch, genau wie Rotkraut und Klöße", erkläre ich, als er irritiert auf meinen Fleischlappen im Brötchen starrt. Er weiß noch nicht viel von Erfurt. Deshalb fragt er auch, ob ich mit dem Fahrrad oder dem Auto da sei.

Gefeiert wird immer

Auto und Fahrrad braucht man als Erfurter Student selten, erkläre ich auf dem Weg zum Anger, dem Straßenbahn-Knotenpunkt. Vom Bahnhof aus gesehen beginnt hier der Stadtkern. In den Jahren nach der Wende wurde er so gründlich renoviert, dass die Atmosphäre mittlerweile eher zum Sightseeing als zum Shopping einlädt. Als würde ein solches Flair nicht schon genug - vornehmlich betagtere - Pauschaltouristen ins Erfurter Zentrum locken, zieht an fast jedem Wochenende noch irgendein weiterer Anlass die Massen in die Altstadt: Erfurt hat immer etwas zu feiern - sei es das Weinfest, das Krämerbrückenfest, das Hochschulstraßenfest, den Honky-Tonk, die Domstufenfestspiele, das Altstadtfest, das Oktoberfest oder den galaxieberühmten Weihnachtsmarkt.

Es ist spürbar: Dem Anspruch einer Landeshauptstadt will die 200.000-Einwohner-Stadt hier, inmitten einer strukturschwachen Region, in allen Belangen gerecht werden. Thüringen-Halle, Messezentrum, Flughafen, Eissporthalle, dazu die schmucke Altstadt - Erfurt schält sich langsam aus der Vergangenheit. Die grauen Plattenbau-Siedlungen am Stadtrand aber erinnern noch an andere Zeiten.

Architektonische Meisterleistung

Auch in den Nebengassen der Altstadt sind die Spuren der Geschichte vereinzelt noch ganz ungeschminkt zu entdecken. "So sah es hier wohl früher aus", frotzelt Markus mit Blick auf eine staubige Fachwerk-Ruine. Mir fällt das schon gar nicht mehr auf. Bevor ich antworten kann, stehen wir schon vor der - wie die Erfurter gerne betonen - einzigen bebauten und bewohnten Brücke nördlich der Alpen.

Auf der Krämerbrücke mit den vielen gemütlichen, kleinen Kunstläden merkt man freilich nicht viel von der Einzigartigkeit der Konstruktion. Erst vor der Brücke stehend erschließt sich einem das architektonische Meisterwerk, das stets als beliebte Kulisse für ein studentisches Sonnenbad am Gera-Ufer dient.

Dafür bleibt uns jetzt aber keine Zeit. Wir ziehen weiter zum inzwischen fast vollständig restaurierten Gebäude der alten Universität, dem Collegium Maius. "Hier hat Martin Luther studiert", führe ich an. Erfurt ist stolz auf seinen Reformator. 1392 gegründet, erlebte die Uni im 15. Jahrhundert ihre Blüte und bildete so manch berühmt gewordenen Denker aus - unter anderen eben Luther. 1816 wurde die Uni nach schleichendem Niedergang geschlossen.

Blick nach vorn

Ganze 183 Jahre später, 1999, begrüßte Rektor Peter Glotz die ersten Studierenden der neu gegründeten Universität. Geistes- und Kulturwissenschaften sollen nun im Rahmen eines modernen Konzeptes vermittelt werden. Exzellenz, Interdisziplinarität, Kommunikation und Internationalität sind die Leitmotive. Eckpfeiler sind die Bachelor- und Masterstudiengänge, das interdisziplinär angelegte Studium Fundamentale, die berufsfeldorientierten Veranstaltungen und das Credit-Point-System. Eine optimale Betreuung wird dadurch gewährleistet, dass jedem Studenten ein Dozent als Mentor zur Seite steht.

Knapp 3.000 Studierende tummeln sich inzwischen an der Erziehungswissenschaftlichen, der Philosophischen und der Staatswissenschaftlichen Fakultät sowie am Max-Weber-Kolleg. Die ersten Bachelor-Absolventen drängen im Winter 2002 auf den Arbeitsmarkt oder in die dann anlaufenden Master-Studiengänge.

Markus schaut etwas verwundert ob meines Redeschwalls. "Die Identifikation mit dem Erfurter Reformkonzept", erläutere ich, "gehört hier zum Selbstverständnis der Studierenden". In der Zwischenzeit haben wir die weiteren sehenswerten Touristen-Highlights abgehakt: Vom altehrwürdigen Augustiner-Kloster, in dem einst Luther lebte, sind wir am Rathaus vorbei über den zentralen Fischmarkt zum Domplatz spaziert. Von hier sind es nur vier Straßenbahn-Stationen zum Universitätsgelände.

Studieren im Glas-Schiff

Markus fällt sofort die Campus-Atmosphäre auf: Hörsäle, Institute, Mensa und Wohnheim gruppieren sich um eine große Wiese. Das Schmuckstück auf dem Campus ist aber die Bibliothek, ein lichtdurchflutetes Glas-Schiff, in dem es sich gut lernen und forschen lässt.

"Kann man hier wirklich so gut studieren, wie es auf den ersten Blick ausschaut?" fragt Markus. Ich finde schon: Die gute Ausstattung, die nahezu optimale Betreuung und eine familiäre Atmosphäre bilden den Rahmen, in dem es sich zügig und intensiv auf einen internationalen Abschluss hin arbeiten lässt. Das Freizeit- und Kultur-Angebot in der Stadt ist vielleicht nicht mit dem von Berlin oder München zu vergleichen. Aber trotzdem wird es einem nie langweilig. Vor allem im Sommer reizen die Parks und Biergärten der Stadt, der Thüringer Wald und die Kulturhochburg Weimar.

Markus gefällt der Gedanke, nach Erfurt zu ziehen, immer besser. Wir beschließen, schon mal nach einer Wohnung Ausschau zu halten. Ein kurzer Spaziergang durch die Wohnviertel zwischen Campus und Altstadt, und schon haben wir uns aus den Aushängen in den Fenstern eine lange Liste mit Angeboten zusammen geschrieben: Sowohl eine sanierte 40-qm-Altbauwohnung für 200 Euro als auch WG-Zimmer sind mit dabei.

Den Abend haben wir uns für einen ausgedehnten Kneipenbummel reserviert. Nach ein, zwei Glas Braugold und Köstritzer in den Altstadt-Pinten der Michaelisstraße ziehen wir weiter in die Engelsburg. Neben dem auf dem Campus gelegenen Unik.u.m ist die Engelsburg der zweite große Erfurter Studentenclub. Hier, mitten in der Altstadt, trifft sich die Erfurter Studentenszene zu Kino, Konzerten, Lesungen oder einfach nur auf ein Bier. Die Kellergewölbe sind außerdem bestens geeignet, um bei guter Musik die Nächte durchzutanzen. Hier hat schon Luther gezecht, und Adam Ries wahrscheinlich auch, erzähle ich meinem baldigen Kommilitonen Markus und bekomme langsam wieder Hunger auf eine Thüringer Rostbratwurst.

Stadt:

Stadt Erfurt: www.erfurt.de
Stadtrundgang: www.erfurt-guide.de
Touristen-Info Erfurt: http://www.erfurt-tourist-info.de

Uni:

Universität Erfurt: http://www.uni-erfurt.de
Fachhochschule Erfurt: http://www.fh-erfurt.de.

Wohnen:

Wohnungsbaugenossenschaft: http://www.wbg-zukunft.de

Clubs:

Studentenclub Engelsburg: http://www.eburg.de
Centrum: http://www.centrum-club.de

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