Uni Duisburg-Essen Mit neuem Master in die Politik

Künftige Spitzenkräfte für Politik und Verwaltung will die "NRW School of Governance" der Uni Duisburg-Essen ausbilden. Dabei wird auf eine praxisnahe Ausbildung und prominente Gastdozenten gesetzt - Vorträge hält hier zum Beispiel Ex-Bundesminister Wolfgang Clement.

Cigdem Dolap | , aktualisiert

"Regieren in Düsseldorf und Berlin am Beispiel der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik": Das Thema der Vorlesung für die Master-Studenten im Studiengang Politikmanagement an der Uni Duisburg-Essen klingt eher nach Schwarzbrot als nach einem Thema, das die Gemüter erhitzt. Doch der Gastprofessor, Ex-Superminister Wolfgang Clement, zieht innerhalb weniger Minuten die Studenten in seinen Bann. Dabei zeigt er vollen Körpereinsatz. Er ballt die Fäuste, streckt die Hände zum Publikum oder direkt den ganzen Arm aus. Vor allem, wenn es kontrovers wird: etwa als er sagt, dass der Mindestlohn neue Arbeitsplätze verhindere oder dass Atomkraftwerke prestigeträchtige und deshalb unverzichtbare Energiequellen seien. Mit Clements Ideen mögen nicht alle im Saal einverstanden sein, doch seine im Stil einer Wahlkampfrede gehaltene Vorlesung kommt an. Für die 35 Master-Studenten, die fast verloren zwischen den zahlreichen Besuchern sitzen, ist diese Gastvorlesung auch ein Lehrstück in professioneller Selbstinszenierung.

Schließlich sollen die Studenten der NRW School, die im Wintersemester 2006/2007 ins erste Semester gestartet ist, nach ihrem Abschluss selbst vielseitig einsetzbar sein: in Politik, Unternehmen und Verwaltung. Und da gehört das Wissen über die Wirkung von Außendarstellung genauso dazu wie die harten Faktoren, die Clement ebenfalls betont: "Wir brauchen gut ausgebildete, politische Köpfe, die in der Lage sind, den öffentlichen und privaten Sektor analytisch zu durchdringen und dafür einen wissenschaftlichen, aber auch praxisnahen Zugang mitbringen."

Genau das lernen die künftigen Politikmanager in vier Semestern. Sie analysieren praktische Probleme in den verschiedenen Politikfeldern und entwickeln daraufhin Strategien. Wie kann sich eine Partei, deren traditionelle Wählerklientel wegbricht, neu aufstellen? Wie kann auch ein unpopuläres Thema - ein Beispiel wäre etwa die Rente mit 67 - nach außen verkauft werden? Wie kann ein Imageverlust nach einem Korruptionsskandal abgewendet werden? Wann immer es möglich ist, vertraut die Leitung der Governance School auf Praxisnähe - durch Gastvorträge und Podiumsdiskussionen, Besuche bei den Entscheidungsträgern in ihrem Arbeitsumfeld, etwa in Berlin oder Brüssel, und mehrtägige Workshops.

Dabei sollen die zu Gastvorlesungen eingeladenen Experten anhand von alltagstauglichen Beispielen möglichst offen erzählen, damit der Nachwuchs das politische Geschehen und Handeln durchschaut. "Die Studenten bekommen bei uns vermittelt, wie Politiker ticken, wie man Mehrheiten organisiert und dafür auch die Medien einbindet", sagt Institutsleiter Professor Karl-Rudolf Korte. "Denn Politikmanagement heißt vor allem auch Aufmerksamkeitsmanagement."

Für ein besseres Verständnis der politischen Zusammenhänge soll außerdem ein Pflichtpraktikum in einem der Politikfelder dienen. "Wir helfen aber auch bei der Vermittlung zusätzlicher Praktika und nutzen dafür gern unsere Beziehungen zu Politikern, Top-Managern und Medienleuten", sagt Korte. Stolz erzählen die Studenten im Anschluss an Clements Vorlesung von ihren ersten Ausflügen in die Praxis, wie etwa in die Abteilung Regierungsplanung der Staatskanzlei NRW, wo Jan Dobertin sein Pflichtpraktikum absolvierte. Er habe dort bei der Vorbereitung von Reden des Ministerpräsidenten mitgeholfen, Rechercheaufgaben übernommen und Veranstaltungen mit vorbereitet, berichtet der 27-Jährige.

Außerdem habe er gemerkt, dass seinem Studiengang ein guter Ruf vorauseilt: "Als Student der NRW School wird man meiner Meinung nach ernster genommen als mit einem gewöhnlichen Politikstudium." Ob die Ausbildung an der NRW School auch in der Praxis hält, was sie verspricht, wird sich allerdings noch zeigen müssen. In diesem Jahr erhalten die ersten Absolventen ihren Abschluss. Dann können sie sich beispielsweise als Pressesprecher und -referenten, Wahlkampfmanager, Politik- und Imageberater oder auch als Interessenvertreter für Unternehmen, in politischen Institutionen, wie dem Land- oder Bundestag, in internationalen Organisationen, in Parteien oder Verbänden beweisen. Die enge Anbindung an die Praxis schätzt auch Judith Kösters für ihre spätere Karriere hoch ein.

Die 24-Jährige, die sich nach ihrem Bachelor-Abschluss in European Studies an der NRW School bewarb, hat bereits Praktika in der Brüsseler Repräsentanz eines Chemieunternehmens sowie im Bundespresseamt hinter sich. Daraus sollten am Studium Interessierte aber nicht ableiten, hier einen Sonderstatus zu erhalten, sagt sie: "Wir bekommen keine privilegierten Positionen auf dem Silbertablett präsentiert. Wer es auf einen guten Posten schaffen will, muss neben überzeugenden fachlichen Leistungen auch definitiv Eigeninitiative mitbringen." Dass das Konzept der NRW School funktioniert, findet auch der 25-jährige Sebastian Haller, Student der Kommunikations- und Politikwissenschaften. "Als Studenten durchschauen wir das komplexe politische System inzwischen viel besser, weil wir durch die NRW School auch selber daran teilhaben. Plötzlich versteht man, wer warum und wann meint, mit jemandem reden zu müssen."

Mit seinem Master möchte Sebastian Haller nach dem Studium in der Wahlforschung arbeiten. Wo auch immer es die Studenten letztlich hin verschlägt, über fehlende Kontakte dürften sie kaum klagen. Die Liste von Entscheidungsträgern aus Wissenschaft und Praxis, die seit dem Wintersemester 2006/2007 im Institut zu Gast waren, beeindruckt. Neben Wolfgang Clement kamen beispielsweise NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der DGB-Vorsitzende Michael Sommer und "Hart aber fair"-Moderator Frank Plasberg an die Governance School, um aus der Praxis zu berichten.

Nicht immer lösen die Dozenten so viel Wirbel aus, wie Gastprofessor Wolfgang Clement. Während seines Auftritts halten Atomkraftgegner Zettel an die Fenster des Hörsaals. Die Aufschrift: "Atomlobbyisten sind Mörder." Und schon wieder eine wichtige Lektion für die angehenden Politikmanager in Duisburg-Essen - wenn auch diesmal ungeplant: Wer das politische Machtspiel studiert, muss nicht nur lernen, mit den Mächtigen auf Augenhöhe zu sein, er muss auch mit öffentlicher Kritik umgehen können.

Ausbildung zum Politikmanager

Voraussetzung für die Zulassung an der NRW School of Governance ist ein erster Studienabschluss (z.B. Bachelor oder Diplom) in Politikwissenschaften oder einem ähnlichen Fach, etwa Sozial- oder Kommunikationswissenschaften. Weil es inzwischen dreimal so viele Bewerber wie Studienplätze gibt, müssen diese sich einem Assessment-Center sowie einer mündlichen Prüfung stellen. Bewerbungsschluss für den Studienbeginn zum Wintersemester 2008/2009 ist der 28. August. Master in Politikmanagement, Politikberatung, Public Policy oder Politische Kommunikation bieten auch zahlreiche andere Hochschulen in Deutschland an.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...