Trends Manager mit Mission

Leistung allein reicht nicht mehr, soziales Engagement ist gefragt. Nachwuchsführungskräfte müssen sich an sozialen Brennpunkten im Ausland bewähren. Unter den neuen Arbeitsbedingungen stoßen sie oft an ihre Grenzen.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Im Altersheim die Wände anstreichen, so lautete sein Auftrag. Paul Achleitner schwang am Wochenende ehrenamtlich den Pinsel und ebnete sich so den Weg in die Chefetage der Investmentbank Goldman Sachs. Sein soziales Engagement ist jetzt 13 Jahre her. Achleitner ist inzwischen Finanzvorstand der Allianz und gibt zu: "Das war weder besonders nachhaltig noch gelungen. Denn danach musste ich erst einmal einen professionellen Maler bestellen, der meine Kleckserei ausbesserte."

Heute verlangt Achleitner von seinen Führungsnachwuchskräften beim größten deutschen Versicherungskonzern mehr Einsatz: Er schickt pro Jahr etwa 15 seiner Top-Talente jeweils für eine Woche an soziale Brennpunkte in England, Frankreich oder den Niederlanden.

Eine davon war Projektmanagerin Claudia Tuchscherer. Sie hat gerade geholfen, die nächste Fußball-Weltmeisterschaft obdachloser Jugendlicher in Rio de Janeiro besser zu organisieren. "Die Begeisterung der Veranstalter hat mich angesteckt. Sie schauen bereits auf tolle Erfolge. 70 Prozent der Jugendlichen, denen sie ein kostenloses Fußballtraining spendierten, konnten sie von der Straße holen. Und mit meiner Restrukturierungsexpertise konnte ich helfen, das Projekt international weiter voranzutreiben", sagt die 38-Jährige.

Das Ehrenamt boomt

Nach der von Gier ausgelösten Weltwirtschaftskrise erlebt die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen gerade eine Renaissance, die Meldungen über Manager mit Mission häufen sich. Internationale Konzerne wie Logistik-Multi TNT Express oder die Beratungsfirma Accenture setzen neue Maßstäbe, was die Unterstützung des freiwilligen ehrenamtlichen Engagements ihrer Mitarbeiter angeht.

TNT Express zum Beispiel stellt Mitarbeiter, die mit den Vereinten Nationen gegen den Hunger in der Welt kämpfen wollen, für drei Monate frei - bei vollem Gehalt. Und Accenture-Berater, die freiwillig an Entwicklungsprojekten in der Dritten Welt teilnehmen, werden dafür bis zu neun Monate beurlaubt.

Dagegen mal ein paar Tage auf sanften Druck des Arbeitgebers Sozialunternehmern Nachhilfe zu geben, wie sich die Organisation straffen oder neue Sponsoren gewinnen lassen - das sei doch nur eine Alibi-Veranstaltung. So zweifelt mancher, der hinter dem Projekt eher Image-Politur als nachhaltiges soziales Engagement vermutet. Doch das ficht Vorstand Achleitner nicht an. Er sieht die Manager-Missionen auch als interne Nagelprobe. Er will so bei Anwärtern um höchste Positionen prüfen, ob sie sich unter ungewohnten Arbeitsbedingungen bewähren: "In der Zusammenarbeit mit Sozial-Unternehmern können sie ihre Flexibilität beweisen. Wer die gesteckten Ziele erreicht, zeigt, dass er Fähigkeiten zur modernen, globalen Unternehmensführung mitbringt, bei der es auf Kooperation, Kommunikation und Motivationsvermögen ankommt. Denn auch im internationalen Versicherungsgeschäft muss es innerhalb kürzester Zeit gelingen, mit Unbekannten eine gemeinsame Sprache und Vorgehensweise zu finden", sagt er.

Weil qualifizierte Mitarbeiter immer knapper werden, lautet die Strategie vieler Arbeitgeber immer öfter: Führungskräfte aus den eigenen Reihen entwickeln. Doch wie lässt sich die Idealbesetzung finden, die nicht nur wirtschaftlich fit ist, sondern auch tatsächlich bereit ist, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen?

Jobs für arbeitslose Jungendliche

Unternehmen wie Henkel, Evonik, Bayer, Haniel, Freudenberg, KPMG und Metro halten auf internationalen Studenten-Wettbewerben wie Students for free Enterprise (Sife) danach Ausschau. Denn Sife-Teilnehmer engagieren sich unternehmerisch für andere, denen es weniger gut geht.

So hat der Deutschland-Sieger von 2009, das Team der Universität Mannheim, den Lunch-Service Littlebird ins Leben gerufen. Die dort beschäftigten jungen Arbeitslosen beliefern seitdem Büros mit Snacks. Schon drei Jugendliche schafften so den Wiedereinstieg ins Berufsleben. "Sife-Teilnehmer machen unsere Welt im Kleinen besser. Mich beeindruckt, mit wie viel Elan und praktischem Sinn für Verantwortung sich die Studenten engagieren", sagt Jörg Krell, Leiter des Vorstandsstabes bei Bayer.

Den größten Aufwand, um Mitarbeiter mit echter sozialer Ader aufzuspüren und zu fördern, betreibt IBM. Der Computerkonzern durchleuchtet inzwischen zum dritten Mal in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren weltweit rund 5000 Kandidaten, die als Voraussetzung auch privat großen sozialen Einsatz beweisen. Von ihnen werden schließlich 400 Freiwillige auf Firmenkosten entsendet, um weltweit Gesundheits-, Sozial- und Hilfsprojekte mit IT-Bezug zu realisieren. Die handverlesenen Experten werden für je vier Wochen aus ihrem Job rausgelöst.

Zu ihnen gehört Yvonne Balzer. Die gelernte Feinmechanikerin und studierte Wirtschaftsinformatikerin aus Leipzig verantwortet in ihrem Hauptjob die Beratung deutscher Hochschulen in Sachen IT-Ausstattung. Ihre Urlaubszeit stellt sie Entwicklungsorganisationen zur Verfügung, um zum Beispiel nach einer Naturkatastrophe Aufbauarbeit zu leisten.

Nigerianische Retter vernetzen

IBM schickte die 37-Jährige nach Nigeria, um in dem afrikanischen Land dafür zu sorgen, dass Ministerien, Bürgerinstitutionen und Rettungskräfte miteinander sicher vernetzt werden. Was das im Ernstfall bedeutete, erlebte Balzer gleich hautnah: Als einer der Kollegen bei 40 Grad im Schatten in Ohnmacht fiel, war ihr Team auf sich allein gestellt, das nächste Krankenhaus meilenweit entfernt. "Zwei Stunden lang versuchten wir per Handy, einen Arzt anzufordern - vergebens", erzählt Balzer.

Ihr Afrika-Einsatz erwies sich als große Übung in Geduld und interkultureller Kompetenz. Balzer: "Nach unserer Abschlusspräsentation vor der Landesregierung lud uns der Gouverneur in seinen Palast zum Essen ein. Der Etikette entsprechend hätte ich ihn gar nicht direkt ansprechen dürfen, aber weil ich neben ihm saß, habe ich ihm höflich, wie ich dachte, ein Gericht angeboten. Wegen dieses Protokoll-Verstoßes blickten wir plötzlich in erschrockene Gesichter. Glücklicherweise bewies Seine Exzellenz aber Sinn für Humor, er hat sich über meinen Fauxpas amüsiert und mein Team eingeladen, wiederzukommen und weiter beim Aufbau der Infrastruktur mitzuhelfen."

Eine Managerin mit Mission - die sich nicht zuletzt auch für den Arbeitgeber auszahlt.

WEITERE INFO ZUM ARTIKEL: FREIWILLIGER AUSLANDSEINSATZ
Den Mitarbeitern von Firmen mit sozialer Ader sind verschiedene Organisationen dabei behilflich, für einige Zeit als ehrenamtliche Helfer ins Ausland zu gehen. Sie vermitteln Projekteinsätze und regeln dazu nötige Formalitäten. Für Hilfs- und Aufbauprojekte in aller Welt werden Vertreter vieler Berufsgruppen gesucht. Voluntary Service Overseas Die weltweit führende unabhängige Organisation, die Freiwillige in Entwicklungsländer vermittelt. Kooperationspartner namhafter Unternehmen wie die Unternehmensberatung Accenture oder der Gesundheitskonzern AstraZeneca. Info: www.vso.org.uk. Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Im Kampf gegen den Hunger werden nicht nur Spenden benötigt, auch personelle Unterstützung durch Firmensponsoren ist gefragt. Info: http://one.wfp.org/german

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