Traumberufe Die beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands

Eine exklusive Umfrage unter jungen Berufstätigen zeigt: Die Autobauer machen das Rennen. Aber statt auf den neuesten Dienstwagen legt der Nachwuchs derzeit vor allem hohen Wert auf Nachhaltigkeit und Sicherheit.

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Solarworld

Wichtig: "An einer guten Sache mitarbeiten"
 
Der Job von Petra Müller hat gute und schlechte Seiten. Die Chemikerin leitet ein Labor des Bonner Fotovoltaikunternehmens Solarworld im sächsischen Freiberg. Dort ist sie dafür zuständig, Proben aus Chemiebädern zu analysieren oder Produktionsanlagen für Solarmodule zu überprüfen.

Der Nachteil: "Mit dem Endprodukt habe ich keinen direkten Kontakt", sagt sie. Dennoch überwiegen die Vorteile.

Die Aufgaben sind abwechslungsreich, Müller braucht ständig ihre Kreativität und Lernbereitschaft. Doch es gibt einen weiteren Pluspunkt, der für sie mit Geld nicht zu bezahlen ist: "Es ist schön, an einer guten Sache mitzuarbeiten."

Porsche verdrängt Lufthansa

Erneuerbare Energie statt Atomstrom – ein Plus, auf das Nachwuchskräfte derzeit hohen Wert legen. So lautet eines der zentralen Ergebnisse des aktuellen Arbeitgeberrankings von Universum Communications. Die Beratung befragte dafür bundesweit etwa 6700 sogenannte Young Professionals – also junge Arbeitnehmer mit mindestens einem Jahr und maximal acht Jahren Berufserfahrung.

Auf den vordersten Plätzen finden sich zwar auch in diesem Jahr wieder die üblichen Verdächtigen aus der Automobilindustrie: Sowohl bei Ökonomen als auch den Ingenieuren verdrängte Porsche die beiden Dax-Schwergewichte Lufthansa und Siemens vom Treppchen.


Foto: BMW

Gehalt ist nicht das Wichtigste

Damit werden die ersten drei Plätze nun vollständig von der Automobilindustrie besetzt – von Audi, BMW und dem Sportwagenhersteller aus Stuttgart. Doch selbst wenn sich an der Tabellenspitze wenig tut – dahinter ist enorm viel Bewegung drin: Unternehmen wie Solarworld steigen auf, die großen Stromriesen, allesamt Atomkonzerne, verlieren. RWE rutscht um 16 Ränge nach hinten, Eon um acht.

Auch alte Industriedinosaurier wie ABB oder Bombardier gehören zu den Verlierern. Und das liegt vor allem an einem Umstand: Die Vorstellung, die deutsche Nachwuchskräfte derzeit von ihrer beruflichen Entwicklung haben, hat sich gewaltig geändert.

Sie erkundigen sich nicht mehr in erster Linie nach der Höhe des fixen und variablen Gehalts, nach der Marke des Dienstwagens oder nach möglichen Einsätzen im Ausland. Sondern nach Kriterien wie Eigenverantwortung, intellektueller Herausforderung oder Nachhaltigkeit.

Veränderter Wertekanon

Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage von Brand:Trust. Die Managementberatung befragte vor wenigen Monaten 1500 Arbeitnehmer, warum sie sich für den einen und gegen den anderen Arbeitgeber entscheiden.

Am wichtigsten: ein gutes Arbeitsklima, Sicherheit und Wertschätzung. Die Young Professionals wollen nicht leben, um zu arbeiten – sondern umgekehrt.


Foto: Niko Korte/Pixelio

Work-Life-Balance gewinnt an Gewicht

60 Prozent der Umfrageteilnehmer nannten Universum die Work-Life-Balance als wichtiges Ziel, knapp zehn Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig hat der Punkt Personalverantwortung erheblich eingebüßt. Im vergangenen Jahr stand er mit 41 Prozent noch auf dem zweiten Platz, in diesem Jahr landet er mit 33 Prozent auf Rang vier.

Die beiden Punkte ergänzen sich. Denn noch immer gilt: Wer eine Führungsposition anstrebt, kommt um Überstunden selten herum – aber genau das wollen die jungen Arbeitnehmer unbedingt vermeiden. 

Dieser veränderte Wertekanon rüttelt auch das Ranking gehörig durcheinander: Sind es doch eher die vermeintlich biederen Arbeitgeber, die nach vorne rücken.

Investmentbanken büßen an Attraktivität ein

So finden sich in den Top 50 staatliche Einrichtungen wie die Europäische Zentralbank, die KfW Bankengruppe oder die Deutsche Bundesbank – nicht aber Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. 2009 landete Goldman Sachs noch auf Platz 28, Konkurrent JP Morgan auf 41 – bereits im vergangenen Jahr tauchten sie in den Top 50 gar nicht mehr auf.

Und auch im aktuellen Ranking fehlen beide. Kein Wunder: Spätschichten gehören in vielen Investmentbanken zum Arbeitsalltag. Aber genau das widerspricht den Idealen der Nachwuchskräfte.


Foto: Solarworld

Wechseln ist out

Sie legen Wert auf Sicherheit statt auf schnelle Karriere – und sie sind treuer als vermutet. Ein Drittel der Deutschen hat ihren Arbeitgeber bisher nur ein- bis zweimal gewechselt, ergab kürzlich eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung. 22 Prozent sind sogar noch bei ihrem ersten Arbeitgeber beschäftigt – vor allem dann, wenn sie etwas Sinnvolles tun.

Zum Beispiel bei Solarworld. Vor zwölf Jahren beschäftigte der Mittelständler erst zehn Mitarbeiter. Heute arbeiten für das Unternehmen weltweit etwa 3300 Menschen an Standorten in Deutschland, Asien oder den USA.

Dieser steile Aufstieg spiegelt sich nun auch in der Beliebtheitsumfrage wider. Solarworld steht erstmals unter den besten 50: Bei Ökonomen landete das Unternehmen auf Anhieb auf Rang 40, bei Ingenieuren sogar auf Platz 20. Damit bestätigt Solarworld einen positiven Trend.

Identifikation mit Solarworld

Vor wenigen Monaten hatte es der Spezialist für Solarstromtechnik unter die beliebtesten Arbeitgeber deutscher Studenten geschafft und sowohl bei Ingenieurwissenschaftlern als auch Naturwissenschaftlern Platz 12 eingenommen.

Auch wenn die Solarbranche stark abhängig ist von Subventionen, Solarworld kürzlich zum ersten Mal seit Aufnahme in den TecDax einen Quartalsverlust meldete und der Aktienkurs in den Keller rutschte – mit Weltfremdheit hat die steigende Beliebtheit nichts zu tun.


Foto: Solarworld

Gewinner der Krise

Zum einen ist Solarworld-Vorstandssprecher Frank Asbeck zuversichtlich, die Krise meistern zu können: "Mit unserer wirtschaftlichen Produktion und unserer starken Marke werden wir zu den Gewinnern gehören." Zum anderen können sich viele der Young Professionals mit Unternehmen wie Solarworld auch deswegen stark identifizieren, weil es einiges dafür tut, sein Image sowohl bei Studenten als auch bei Berufseinsteigern zu verbessern.

Das Unternehmen kooperiert beispielsweise mit der Technischen Universität im sächsischen Freiberg. Vor einigen Jahren hat Solarworld mit der Hochschule einen Stiftungsfonds in Höhe von 100.000 Euro gegründet, der Forschungsprojekte an den Chemie- und Physik-Fakultäten unterstützen soll.

Auch durch solche Kooperationen werden Studenten auf das Unternehmen aufmerksam. So wie Nicole Schmidt, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor von Petra Müller.

Kontakt über Hochschulkooperation

Eigentlich wollte sie nach dem Abitur Maschinenbau studieren, doch beim "Tag der offenen Tür" an der Uni schloss sie sich einer Führung in die Chemie an und wechselte daraufhin ihren Studienwunsch. Heute ist Schmidt dafür zuständig, Proben zu analysieren und deren Qualität zu kontrollieren.

Schmidt schätzt ihre Arbeit, weil sie im Labor selbstständig arbeiten kann und ohnehin "kein Büromensch" sei. Außerdem profitieren sie und die anderen Nachwuchskräfte davon, dass Solarworld – anders als viele seiner direkten Konkurrenten – als fairer Arbeitgeber gilt, der die Beschäftigten nicht unter Tarif bezahlt.


Foto: Solarworld

Viele Arbeitsplätze für Akademiker

Bald will Solarworld auch im Bereich Social Media aktiv werden, so wie beinahe jeder Arbeitgeber, der etwas auf sich hält. Oder genauer: halten muss.

Denn angesichts der aktuellen Wirtschaftslage können es sich die besten Nachwuchskräfte leisten, Angebote im Zweifelsfall abzulehnen. Trotz der immer noch unsicheren Konjunkturaussichten suchen viele Unternehmen nämlich auch weiterhin händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern. 

Deutsche Mittelständler benötigen aktuell 300.000 neue Mitarbeiter, fand der Deutsche Industrie- und Handelskammertag heraus. Jedes fünfte Stellenangebot richtet sich deutschlandweit an Akademiker, resümierte der Adecco-Stellenindex erst vor wenigen Wochen. Besonders begehrt: Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler.

Freie Auswahl für Bewerber

Hohe Nachfrage, geringes Angebot – von diesem simplen ökonomischen Gesetz profitieren vor allem die besten Nachwuchskräfte. Sie können bei der Suche nach einem ersten Job wieder wählerischer sein und sich den Arbeitgeber herauspicken, den sie am liebsten mögen.

"Der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt rund um die Talente wird sich stark verschärfen", sagt Christoph Beck. "Davon bleiben die Automobilkonzerne nicht verschont." Beck ist Professor an der FH Koblenz und Experte für Employer Branding, den gezielten Aufbau einer Arbeitgebermarke – laut Unternehmensberatung Kienbaum für 81 Prozent eines der wichtigsten Themen der kommenden Jahre.


Foto: Dekra

Am liebsten mal die Welt retten

Diese Entwicklung führt zu einem Umdenken – auch bei Unternehmen, die eigentlich wenig Glamour versprühen. Erst vor wenigen Monaten startete die Sachverständigenorganisation Dekra eine neue Web-Seite. Unter "Bring die Welt in Sicherheit" informiert der Dienstleister über seine Geschäftszweige, Berufseinsteiger berichten von ihrem Arbeitsalltag – und über eine Verbindung zu Facebook kommunizieren die Personaler mit Bewerbern.

Erste Erfolge zeichnen sich schon ab: Unter Ingenieuren ist der Konzern um 38 Plätze nach vorne gerückt – auch deshalb, weil viele Nachwuchskräfte eben lieber die Welt in Sicherheit bringen, als eine schnelle Karriere zu machen.

Profitieren vom Gefühl der Sicherheit

So wie Thomas Denhard. Der Ingenieur arbeitet seit drei Jahren bei der Dekra und beschäftigt sich dort "mit allem, was eine Plakette braucht". Er untersucht Autos oder erstellt Gutachten.

"Wir prüfen die Fahrzeuge auf Herz und Nieren und geben dem Halter ein Gefühl der Sicherheit", erklärt Denhard den Reiz seines Berufs. "Davon profitieren auch die anderen Verkehrsteilnehmer."

Und das ist ihm derzeit wichtiger als eine steile Karriere oder ein hohes Gehalt.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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